Nov 292012
 

Einleitung


Der Verein Bairische Sprache und Mundarten Chiemgau-Inn e.V. wird in der nächsten Ausgabe seiner Zeitung “Bairische Sprache” über unsere Bayernreparatur-Arbeiten ganz allgemein und über unsere Aktivitäten für die Oberbayerischen Kulturtage im besonderen berichten. Das freut uns natürlich und war für mich ein guter Anlass, mir Gedanken zur bairischen Sprache zu machen. Ich habe also einen ziemlich ausführlichen Artikel verfasst, der es aber wert ist gelesen zu werden.


Warum wir Bairisch sprechen


Bettina ist in der Laubau in Ruhpolding aufgewachsen, zuhause wurde nur bairisch gesprochen und in ihrer Schulzeit war es auch noch üblich, im Unterricht bairisch zu sprechen. Da ist die Sache also ziemlich klar. Bei mir sieht’s da etwas anders aus. Meine Mutter kommt aus dem Rheinland und hat nach Vachendorf geheiratet. So wurde (und wird auch immer noch) in meinem Elternhaus hochdeutsch gesprochen. Aber wenn Du in einem Dorf wie Vachendorf aufwächst, dann bist Du natürlich ständig mit der bairischen Sprache in Kontakt und so lernst Du auch, sie ganz selbstverständlich einzusetzen und zu sprechen. So besitze ich heute die Eigenschaft, nahtlos von dem einen ins andere “umzuschnackeln”, je nachdem, mit wem ich mich gerade unterhalte. Und es ist eigentlich nur logisch und konsequent, dass Bettina und ich Bairisch miteinander sprechen.


Warum wir auch auf der Bühne Bairisch sprechen


Es liegt erst einmal nahe, die Sprache zu wählen, die man auch im Alltag verwendet. Beginnt man aber, künstlerisch aktiv zu werden, dann stellt sich die Frage schon irgendwann, in welcher Sprache man sich verwirklicht. Das Hochdeutsche drängt sich da vor, denn wenn man in der Schule Lyrik oder  Literatur vorgesetzt bekommt, dann erstmal in Hochdeutsch. So lernt man halt auch als Bayer erst einmal die Kunst in hochdeutscher Form kennen. Warum weiss ich nicht, denn es gibt Literarisches vom Feinsten (und anspruchsvoll dazu) auch in bairischer Sprache. Es wird allerhöchste Zeit, dass wir Bayern endlich unseren Sepperl-Depperl-Status ablegen, den uns solch unsägliche “Events” wie das Oktoberfest oder der Musikantenstadel eintragen. Darum also Bairisch! Ob man sich nicht durch die Verwendung des Bairischen begrenzt, werden wir manchmal gefragt. Ich glaube aber im Gegensatz zu einigen Kollegen nicht, dass das Bairische eingrenzend oder gar ausgrenzend ist. Wir hatten bis heute auch nie Probleme damit. Es ist zwar schon irgendwie ein merkwürdiges Gefühl, in Warendorf auf einer Bühne zu stehen und den Leuten (darunter einige Holländer) die G’schicht vom Brandner Kasper vorzuspielen, es war aber auch dort letztlich eine wunderbare Vorstellung. Du erklärst den Leuten einfach vorher und in der Pause die Handlung und sie haben die gleiche Freude an dem Stück wie die Bairischsprachigen. Es ist also auch keineswegs notwendig, irgendetwas an der schönen bairischen Sprache, in der Franz von Kobell 1871 geschrieben hat zu verändern, bloss damit die Norddeutschen auch etwas verstehen (denn wer’s verstehen will, der versteht’s auch, die ”Breissen” san doch aa ned bläd). Würde ich meine Texte in Englisch schreiben (könnte ich auch), dann verstünde sie die halbe Welt. Schön. Aber interessiert sich die halbe Welt überhaupt für meine Texte? Nein. Also lieber Bairisch, denn hier ist meine Umgebung, hier interessieren sich die Leute für das, was wir kesslfligga so treiben und schreiben. Wenn mich ein Ami oder Japaner mal danach fragen sollte, dann würde ich ihm gerne übersetzen.


Kultur und Sprache


Sprache ist für eine Kultur essentiell. Kultur und Sprache gehören zusammen. Also wenn wir weiterhin von einer eigenständischen bayerischen Kultur sprechen wollen, dann geht das auch nur in und mit bairischer Sprache. In Zeiten der Globalisierung verwischen viele Grenzen, rasend schnell geht das durch die Medien. Das ist einerseits auch gut und schön. Andererseits bedroht das in gewisser Weise die kulturelle und regionale Vielfalt. Und da ist es natürlich haarsträubend, dass beispielsweise im Bayerischen Rundfunk nicht ganz selbstverständlich Bairisch gesprochen wird und nur ausnahmsweise Hochdeutsch. Und wenn’s ums Fernsehen geht, warum denn nicht Bairisch mit hochdeutschen oder gar englischen Untertiteln. Da hätten wir mal was für die Kultur getan und könnten noch dazu sogar international wahrgenommen werden. Ich sage bewusst wir, denn das Bayerische Fernsehen ist unsere öffentlich rechtliche Anstalt, die des bayerischen Volkes und das sind bekanntlich wir.


Muss einem Angst sein ums Bairische?


Wenn man sich die Medienlandschaft anschaut, Facebook etc., wenn man in die Schulen schaut, durch die Münchner Fussgängerzone geht, wenn man sich das Oktoberfest und den Musikantenstadel anschaut, könnte man meinen: Ja! In Wirklichkeit ist es nicht ganz so. Denn am Beispiel des Gälischen in Schottland, das fast ganz ausgestorben war kann man sehen, dass gerade die Globalisierung zur Umkehr zum Regionalen, Eigenständigen beiträgt. Die Menschen wollen ihre eigene Kultur, sie brauchen diese, denn die Kultur (und damit Sprache) gibt Identität. Sie gibt damit ein Fundament, auf dem ein toleranter, weltoffener keineswegs Sepperl-Depperl-Bayer stehen kann. Und solange es Menschen gibt, die unsere bayerische Kultur und damit die bairische Sprache lieben, braucht man wirklich keine Angst zu haben. Gerade, weil ich jedes mal über den “Back-Shop” (auf boarisch “Arsch-G’schäft) lachen muss, wenn ich durch Übersee fahre (Eigentor). Ein englisches Wort kann keine Gefahr für eine Sprache darstellen, solange es Menschen gibt, die diese Sprache sprechen und die dann das “Fremdwort” in ihre Sprache assimilieren. Ein paar Fremdwörter sind schon in Ordnung, auch wenn ich kein Freund des “Tschüss” bin. Es hört sich, wenn’s ein Bairischsprecher verwendet einfach Sch…  an, find ich, Geschmacksache. Nein Angst muss man nicht haben um’s Bairische, solange es lebendig ist und lebendig heisst, dass es gesprochen wird, sich entwickeln kann, dass neue Wörter dazukommen dürfen und dass es sich um keine “Museumssprache” handelt.


Die G’schicht vom Brandner Kasper, ein Kleinod und Paradebeispiel für das, was wir unter lebendiger bairische Kultur verstehen


Am Beispiel unserer Version der “G’schicht vom Brandner Kasper” lässt sich ausgezeichnet nachvollziehen, was ich unter lebendiger, bairischer Kultur verstehe. Seit 2004 haben wir die Geschichte in unserem Repertoire. Seit 2008 gibt es sie auch auf CD. Die Geschichte an sich ist uralt. Franz von Kobell hat sie 1871 aufgeschrieben und in den “fliegenden Blättern” erstmals veröffentlicht. Ich weiss bis heute nicht, wie gut Kobell als Adliger aus höheren Kreisen die bairische Mundart gesprochen hat. Jedenfalls hat er viel in Mundart geschrieben (übrigens auch in Pfälzer Mundart). Beim Auswendiglernen seiner Geschichte hatten Bettina und ich beim ein oder anderen Wort schon Zweifel, ob es damals tatsächlich so gesprochen wurde oder ob es sich um einen Druckfehler handelt. Wir haben uns dann festgelegt und haben die Geschichte tatsächlich Wort für Wort auswändig gelernt – und zwar so wie er’s aufgeschrieben hat. Mag sein, dass wir so auch den ein oder anderen Druckfehler mitgelernt haben, aber wen willst Du denn danach fragen, wer 1871 in welcher Region welche Wörter gebraucht hat?

Viele Male haben wir seitdem mit unserem Publikum die Geschichte aufleben lassen, gefühlt und genossen. Und so detailgetreu wir beim Lernen der Geschichte waren, so viele Freiheiten habe ich mir beim Verfassen der Lieder und Liedertexte gelassen. Die Texte sind in “meinem” Bairisch gehalten. Und dass “mein” Bairisch kein reines “Vachendorferisch” ist, ist mir klar. Zu viel Kontakt haben wir da mit anderen Vertretern der bairischen Sprachkultur, zu viele schöne niederbairische oder auch österreichische Wörter gibt es, die sich da einschleichen. Ist auch völlig in Ordnung so.

So bringen wir mit unserer Version der “G’schicht vom Brandner Kasper” ein ausgewogenes Gemisch aus “altem” und “neuen” Bairisch auf die Bühne und in die Wirtshäuser. Da tauchen Wörter auf wie “Pomerantschn” oder “Rechblatter”, bei denen wir uns selber erstmal schlau machen mussten, was sie bedeuten. Andererseits habe ich bei den Melodien auf den ein oder anderen Jazz-Akkord zurückgegriffen. Unserem Publikum gefällt’s und uns auch. Das Bairische lebt!


Die G’schicht vom Brandner Kasper auf CD


Im Studio Digiton in Traunstein haben wir unsere Version auf CD eingespielt. Die CD hat eine Spieldauer von ca. 60 min. Auf ihr ist die Geschichte im Wortlaut zu hören, dazu meine 10 Lieder. So ist ein weiterer Schnappschuss entstanden, ein Zeitdokument über den Zustand der bairischen Sprache. Ebenso wie Franz von Kobell vor nunmehr 140 Jahren ein Zeitdokument hinterlassen hat. Ein wertvolles, schönes Dokument und darauf sind wir schon ein klein wenig stolz, die Bettina und ich.


Jochen Nistler im November 2012


Hörproben:

Beginn der Geschichte

Lied: Höllsakra Boanlkramer


CD bestellen

(Preis 16,- € zzgl. 2.- € Versand)

  2 Responses to “Darum Boarisch!”

  1. Ein uberzeugende text mit ein warmes herz fur cultur, nostalgie und sprache. Wen man euch kennt., is der text noch uberzeugender.
    Grusse aus Roosendaal von Cees und Jeanette

    • Das freut uns ganz besonders, auch von unseren Freunden aus Holland so einen schönen Kommentar zu bekommen. wir wünschen Euch eine schöne, ruhige Weihnachtszeit.

      Bettina und Jochen

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