Barocke Perle – nicht makellos, aber voller Charakter. So beginnt die Geschichte eines Begriffs, der einst Spott war und heute für Glanz steht.

Barock – Eine schiefe Perle ?

oder: Wie der Barock zu seinem falschen Namen kam


Es gibt Wörter, die tragen ein Missverständnis in sich, als wäre es ein Schmuckstück. „Barock“ ist eines davon. Seit Jahrhunderten wird das Wort mit einer Selbstverständlichkeit verwendet, als sei sein Ursprung so festgefügt wie eine Säule Berninis. Doch unter der glänzenden Oberfläche ruht eine kleine sprachliche Unregelmäßigkeit: eine Perle, die nicht ganz rund ist.

Das Wort stammt, man glaubt es kaum, aus dem Portugiesischen. Barroco nannten Fischer im 15. Jahrhundert jene schiefen, unregelmäßig gewachsenen Perlen, die für den Handel zu seltsam waren, um perfekt zu heißen, aber zu schön, um sie fortzuwerfen. Eine kleine Abweichung, geboren im Meer.

Jahrhunderte später griffen italienische Theologen und Kunsttheoretiker das Wort auf. Sie verwendeten es zunächst abwertend für Gedanken, die ihnen zu verschlungen, zu reich, zu lebendig erschienen. So wurde aus einer Fischerperle ein Stilbegriff. Und aus der Schiefe eine Ästhetik.

Dabei liegt die Ironie auf der Hand: Das wirklich Asymmetrische, das flatternde, das tanzende Ornament gehört gar nicht dem Barock, sondern dem Rokoko. Wenn man’s genau nimmt, hat die Kunstgeschichte ihre Etiketten vertauscht: Die schiefe Perle klebt am falschen Schmuckstück.

Aber vielleicht ist genau das das Geheimnis dieses Zeitalters: Es hat sich selbst nicht beim Namen genommen, sondern im Irrtum seine Wahrheit gefunden. Denn der Barock ist nicht schief, er ist übervoll ein Streben nach Form, das über sich hinauswächst und im Glanz beinahe vergeht. Und das Rokoko, das frei flatternde, das eigentliche barroco, hat längst gelernt darüber zu lächeln.

So bleibt ein sanfter Trost für alle, die es genau wissen wollen: die Geschichte der Kunst ist voller Irrtümer und manchmal sind es gerade diese, die sie lebendig machen.

Nuage

Vielleicht war die schiefe Perle nie falsch benannt.
Vielleicht war sie einfach zu schön, um sie zu korrigieren.

Barock – das klingt heute nach goldenen Decken, dick aufgetragener Pracht und einem gewissen Hang zum Drama. Und ja, all das gehört dazu. Aber der Begriff selbst? Der hatte keinen glamourösen Start. Ganz im Gegenteil: Er wurde geboren als Spott und hat es trotzdem zur Weltkarriere gebracht.