Ein barockes Szenenbild, das die Vielfalt und Wandlungsfähigkeit des Stils in Europa zeigt

Barock: Ein Stil reist durch Europa

... und verliert dabei die Contenance

Barock – Ein Stil auf Reisen

Es ist eine der zuverlässigsten Marotten der Kunstgeschichte große Epochen kleinzureden indem man sie in handliche Portionen zerteilt. Beim Barock gelingt dieses Kunststück besonders elegant oder besonders absurd, je nachdem ob man den Maßstab des Lineals oder der Poesie anlegt. Man unterscheidet brav in Früh-, Hoch- und Spätbarock, als handle es sich um Gänge eines höfischen Menüs. Aber wie jede gute Sauce, so lässt sich auch der Barock nicht völlig klären. Zu viele Zutaten, zu viel Glut, zu viel Seele.

Während die vertikale Gliederung entlang der Zeitachsen uns ein gewisses Gefühl von Übersichtlichkeit vermittelt, zumindest auf dem Papier, entfaltet sich die eigentliche Üppigkeit des Barock in der horizontalen Bewegung: in seiner Reise durch Europa, durch Länder, Regionen, Stadtpaläste und Dorfkirchen. Dabei verliert der Stil zwar nie seinen dramatischen Gestus aber er wechselt beständig Tonlage, Temperament und Textur. Der Barock spricht viele Sprachen und jede klingt ein wenig anders: manchmal wie ein feierliches Oratorium, manchmal wie ein flirtendes Flötenkonzert in Pastell.

Frankreich: Wo das Pathos zur Etikette wird

In Frankreich tritt der Barock mit Haltung auf. Man könnte auch sagen: mit Marschordnung. Versailles, dieses marmorne Machtballett, ist nicht einfach ein Schloss sondern ein System. Hier wird Barock nicht gefühlt sondern choreografiert. Kein Engel schwebt aus dem Rahmen, kein Giebel weicht vom goldenen Mittelmaß ab. Alles ist Achse, alles ist Spiegel, alles ist Glanz mit Etikette. Ludwig XIV. regiert als lebende Allegorie und die Architektur zieht artig nach. Der französische Barock glaubt nicht an Zufälle. Er glaubt an Ordnung, Sonne und Symmetrie und das mit beeindruckender Konsequenz.

Rom, Florenz und Venedig: Drei Temperamente im gleichen Gewand

In Italien hingegen zeigt sich der Barock in seinem Ursprungszustand: als stilistisches Fegefeuer mit göttlicher Lizenz. In Rom wird der Himmel theatralisch aufgerissen und zwar mit baulicher Wucht. Bernini entwirft Kirchenfassaden die in Ekstase geraten und Borromini biegt Linien, als wolle er die Geometrie selbst bekehren. Alles strebt, schwingt, atmet. Gott ist hier kein Prinzip sondern ein Effekt. In Florenz hingegen bleibt der Barock diszipliniert. Die Formen sind feierlich, die Dekoration nobel zurückhaltend. Man könnte fast glauben die Renaissance habe den Barock zu Tisch gebeten, ihm aber das Silberbesteck in die Hand gedrückt. Venedig schließlich verliert sich in der Spiegelung. Hier schwebt der Barock auf Kanälen, lässt sich im Goldrahmen treiben und flüstert Liebesgedichte ins Wasser. Alles ist Licht, alles ist Oberfläche, alles ist Verführung. Der venezianische Barock badet im Glanz und genießt sich dabei selbst.

Der süddeutsche Barock: Himmel mit Fußbodenheizung

Hier wird der Barock warmherzig. Hier geht es nicht mehr nur um Überwältigung sondern auch um Trost. Kirchenräume werden zu seelischen Resonanzkörpern in denen das Licht nicht herrschen will sondern einlädt. Der süddeutsche Barock – besonders in Schwaben und Franken – öffnet nicht nur den Himmel sondern auch das Herz. Er verzichtet auf politische Repräsentationswut und setzt auf spirituelle Geborgenheit. Die Deckenfresken sind weniger theatralisch, dafür umso inniger und selbst die Engel wirken ein bisschen bodenständiger, als hätten sie im Pfarrhaus übernachtet. Der Stil bleibt prunkvoll, gewiss, aber er weiß auch um die Wirkung einer freundlichen Geste.

Bayern: Wo der Barock heimisch wird

Wenn der Barock irgendwo heimisch wird, dann in Bayern. Nicht etwa, weil er sich beruhigt hätte, ganz im Gegenteil. Hier verbindet sich die italienische Lust an der Inszenierung mit alpenländischer Frömmigkeit und einem unerschütterlichen Glauben an das Schöne. Die Brüder Asam zum Beispiel bauen Kirchen, in denen der Himmel regelrecht explodiert aber mit einem gewissen Augenzwinkern. Man liebt hier die große Geste aber man liebt sie wie einen alten Bekannten: mit Vertrautheit und einem leichten Hang zum Überschwang. Gold, Stuck, Engel, alles darf da sein solange es dient. Dem Glauben, der Seele, dem Staunen. Und vielleicht auch ein bisschen dem Stolz aufs eigene Dorf.

Salzburg: Die barocke Ouvertüre mit Weihrauch

Salzburg, die Stadt der Fürst-Erzbischöfe, der Musik und der kalkulierten Großzügigkeit zeigt den Barock als Festspiel. Die Architektur ist durchkomponiert, die Altäre singen in Dur und selbst die Sakristeien scheinen auf Applaus zu warten. Hier herrscht eine Geistlichkeit, die sich gut eingerichtet hat zwischen italienischem Einfluss und österreichischer Bodenhaftung. Man predigt, man protzt, man dirigiert und alles in demselben architektonischen Satz. Es ist ein Barock, der seinen Ernst nicht verliert aber auch weiß, wie ein Crescendo wirkt.

Wien: Majestätisch, monumental – und ein wenig selbstverliebt

In Wien schließlich erreicht der Barock seine imperiale Reife. Hier ist alles groß, größer, Karlskirche. Die Habsburger lieben den Glanz und sie bauen ihn sich gleich in Serie. Paläste, Plätze, Portale, der Stil wächst mit der Ambition. Und doch bleibt etwas Verspieltes, ein Übermaß, das sich selbst genießt. Der Wiener Barock ist keine bloße Machtdemonstration. Er ist ein ästhetisches Statement. Er zeigt was möglich ist, wenn man keine Skrupel hat Monumente mit Pathos zu übergießen. Und er tut das mit einem Ernst der so übertrieben ist, dass er fast schon wieder charmant wirkt.

Der barocke Kosmos – und seine charmante Widersprüchlichkeit

Am Ende lässt sich festhalten: Der Barock kennt keine Einfalt. Weder in der Zeit noch im Raum. Er ist ein Stil der sich ausdehnt, der sich anpasst, der mit jeder Region einen neuen Dialekt spricht ohne seinen Akzent zu verlieren. Ob höfisch kühl in Versailles, ekstatisch in Rom oder innig in Rott am Inn, der Barock bleibt immer Barock: dramatisch, überhöht, glänzend. Und ja, auch ein bisschen eitel. Aber wer will es ihm verdenken? In einer Welt voller Vergänglichkeit wollte er wenigstens einmal alles zeigen, was möglich ist.

Ein letztes Mal Schönheit, bevor das Licht ausgeht.


Nuage

Der Barock war kein Stil
Er war eine Reaktion auf die Tatsache
Dass das Leben zu kurz ist für Schlichtheit.