Kunsthistoriker lieben es die Welt in Epochen zu zerlegen. Sie nennen es „stilistische Entwicklung“, meinen aber in Wahrheit ein verzweifeltes Ringen mit der Überfülle der Wirklichkeit. Besonders der Barock, dieses ornamentale Kraftpaket zwischen Renaissance und Aufklärung, treibt sie zur Einteilung wie ein üppiger Obstkorb, den man ordnen will indem man die Trauben von den Feigen trennt.
Aber gut: Nehmen wir sie beim Wort. Der Barock, heißt es, lasse sich in drei wohlsortierte Portionen gliedern: Frühbarock, Hochbarock, Spätbarock.
Man könnte auch sagen: Aufwärmen, Rausch und Nachglühen.
1. Frühbarock – Das Weltentheater macht die Vorhänge auf (ca. 1580–1630)
Die Renaissance ist gerade dabei sich ihrer eigenen Rationalität zu langweilen, als der Frühbarock auftritt wie ein melancholischer Tenor mit einem Hang zur Kerze. Der Mensch ist jetzt nicht mehr das Maß aller Dinge sondern wieder mittendrin im göttlichen Drama, diesmal allerdings mit Scheinwerfer. Licht und Schatten werden zum Ausdrucksmittel: Caravaggio, dieser Lichtdompteur mit Vorstrafenregister, zeigt Heilige als Kneipengänger und Monteverdi komponiert die Liebe so, dass selbst der Erzengel Gabriel weinen muss.
In der Architektur erleben wir ein höfliches Anklopfen an das Theatralische. Rom wird zur Bühne und die Jesuiten geben den Takt vor: „Ihr dürft schon fühlen aber bitte im Dienste Gottes!“
2. Hochbarock – Gott braucht eine Residenz (ca. 1630–1700)
Jetzt wird’s ernst. Und prächtig. Und laut. Der Hochbarock ist der Moment in dem sich Architektur, Malerei und Musik gegenseitig anstacheln: „Wer von uns kann pathosreicher übertreiben?“ Antwort: Alle. Die Kirchen schwingen sich zu Himmelsmaschinen auf. Deckenfresken platzen förmlich aus der Statik. In Wien dreht Fischer von Erlach den Volumenregler auf „Göttliche Ekstase“.
Gleichzeitig entdeckt der Adel, dass Glanz politisch nützlich ist. Versailles wird zur Sonnenmaschine – Ludwig XIV. höchstpersönlich zum choreografierten Halbgott. Er tanzt den Staat. Und die Kunst tanzt mit.
Musik? Man komponiert nicht mehr – man herrscht. Lully lässt keine Note unbeaufsichtigt. Der Affekt wird zur moralischen Choreografie. Die Oper wird zur Pflichtveranstaltung des Hofzeremoniells. Das Weltentheater ist jetzt voll besetzt.
3. Spätbarock & Rokoko – Wenn die Theatertreppe zum Boudoir führt (ca. 1700–1770)
Und wie immer nach einem langen Rausch folgt: die Stilverdünnung mit Champagner. Der Spätbarock besonders in seiner süddeutschen Spielart wird zärtlich, verspielt, ja fast kokett. Die Wessobrunner Stuckateure verlegen sich auf Girlanden, Muscheln, kleine Engel mit durchaus fragwürdigem Arbeitsethos. Alles schwebt, nichts lastet.
Die Gotteshäuser des Rokoko wirken, als habe sich der Himmel ausgerechnet für die Zuckerbäcker entschieden. In Bayern tanzt man plötzlich in Pastellfarben zum Te Deum. Und wer denkt, das sei bloße Flucht vor der Aufklärung, hat nie eine Rokokokirche betreten in der das Licht wie Orangenlikör auf Gold trifft.
Barock – mehr als nur Stil: eine Lebenshaltung
Barock ist keine Epoche. Er ist eine Haltung zur Welt. Er ist die Einsicht, dass alles vergeht und deshalb alles strahlen muss. Er ist die Kunst, aus der Vanitas eine Oper zu machen. Und er ist die stille, fast subversive Idee:
Wenn schon alles Bühne ist, dann bitte mit gutem Kostüm, dramatischem Licht – und einem Hauch Ironie.
Nuage
Der Barock weiß: nichts bleibt.
Aber alles darf glänzen
Solange es vergeht.