I. Der Weg nach Alexandria
Die Hitze flirrte schon am frühen Morgen über den Steinen von Askalon. In den Felsschatten duftete es nach Salbei und der Staub klebte wie Brotkrumen an den Sandalen. Elieser, der Sohn des Jirmejahu ging Schritt für Schritt, den Blick gesenkt, die Sinne weit. Der Ranzen auf seinem Rücken war nicht besonders schwer. Doch was er trug in seinem Rucksack, das hatte doch Gewicht und zwar schon seit Jahrhunderten. Es waren fünf Rollen. Die Tora. Handschriftlich abgeschrieben mit ruhiger Feder, sorgfältig punktiert und jede Linie war ein Gebet.
Doch heute war es kein Gebet, das ihn bewegte sondern es war ein Ruf gewesen. Drei Wochen war er nun unterwegs von Judäa aus durch das weite, sonnenverbrannte Land vorbei an Städten mit fremden Göttern und stillen Oasen, deren Brunnen nach Vergangenheit schmeckten. Der Brief, der ihn rief, er stammte aus Ägypten. Genauer gasagt: aus Alexandria. Der König selbst, ein Grieche auf dem Thron der Pharaonen hatte Männer ausgesandt, um siebzig Gelehrte nach Alexandria zu rufen um die Gesetze der Hebräer in seine Sprache bringen zu lassen.
Ein junger Mann hatte ihn am Tag des Aufbruchs gefragt: „Warum gehst du?“
Und Elieser hatte geantwortet, ohne sich umzudrehen. „Weil unser Gott im Wind spricht aber die Menschen hören ihn nur, wenn sie seine Worte verstehen.“ Was er damit meinte: Wenn man sie nicht in Griechisch lesen kann die Worte, dann bleiben sie fremd. Und Fremdes wird eben schnell verachtet.
In seinem Beutel trug er neben den Rollen ein Messer, eine Öllampe, etwas Myrrhe und auch einen kleinen Stein aus Jerusalem. Keinen Schmuck. Nur Gewicht. Zeichen, dass er kam, woher er kam. Elieser sprach Hebräisch, dachte aber oft schon in der Sprache der Fremden. Er war ein Brückenmensch, nicht mehr ganz des Tempels aber auch noch nicht ganz der Welt. Und nun sollte er übersetzen. Nicht nur Worte. Sondern auch deren Sinn.
Am Abend vor dem siebten Sabbat seiner Reise schlief er unter einer Dattelpalme. Über ihm die Sterne, unter ihm die Erde und dazwischen nur Atem. In dieser Nacht träumte er zum ersten Mal von ihr: von einer Frau mit dunklem Haar, einem Schwert in der Hand und einem Blick, der durch Geschichte schneiden sollte.
Er kannte sie nicht. Noch nicht. Aber sie würde ihn finden. Er wusste nur noch nicht, dass sie Judith hieß. Und dass sie durch ihn Griechisch sprechen würde.
II. Alexandria – Die Halle der Worte
Am Morgen des dreiundvierzigsten Tages sah Elieser zum ersten Mal das Meer. Nicht das kleine Meer, das er aus Jaffa kannte, sondern das weite Meer. Das Meer, das salzig glänzte wie geschmolzenes Silber und am Horizont in den Himmel überging. Die Karawane mit der er seit Gaza gereist war löste sich langsam auf. Einige blieben in den Außenbezirken, andere strebten den Hafenvierteln zu, dort wo Waren aus Phönizien, Libyen und Rhodos die Straßen verstopften. Elieser aber ging geradeaus. Immer Richtung Licht.
Alexandria. Der Name war wie ein Vers, den man nicht verstand aber nie mehr vergessen konnte. Die Stadt war gewachsen wie eine Idee die Wirklichkeit wurde. Breite Alleen gesäumt von hellem Stein, Fenster mit goldverzierten Gittern, blühende Granatapfelbäume und Gesichter aus aller Herren Länder. Er hörte Ägyptisch, Griechisch, Persisch, ja sogar Latein. Die Stadt atmete wie eine riesige Brust: einatmen war Wissen, ausatmen war Macht.
Ein junger Schreiber des Hofes holte ihn dann im Auftrag der Bibliothek ab. „Du bist Elieser von Judäa?“ – „Ich bin der Sohn meines Vaters“, hatte Elieser geantwortet. „Das genügt“, sagte der Bote und dann gingen sie schweigend. In einem offenen Torbogen sah Elieser zum ersten Mal einen Ankh, das ägyptische Lebenszeichen neben einem Alpha eingeritzt. Zeichen vermischten sich hier. Und Bedeutungen eben auch.
Als sie schliesslich das Gebäude der Bibliothek betraten blieb Elieser kurz stehen. Er hatte vieles erwartet – Dunkelheit, Staub, Ehrfurcht vielleicht. Doch hier war Helligkeit. Säulen aus gelbem Stein, gewölbte Decken, ein leiser Hauch von Weihrauch und Olivenöl. Und Bücher. Überall Bücher. Rollen gestapelt wie Brot in Körben. Regale die höher waren als Häuser. Tische aus Ebenholz. Und Männer, die mit federleichten Bewegungen Zeichen auf Papyrus trugen als schrieben sie keine Wörter, sondern als bauten sie Schiffe die den Nil hinabgleiten.
Elieser wurde in einen stilleren Raum geführt. Dort warteten bereits andere: Männer mit Stirnfalten, mit Sandalen, solche die lange Wege gesehen hatten mit Händen, die die Welt in Buchstaben legten. Er kannte keinen einzigen von ihnen. Und doch er erkannte sie.
Ein Hofbeamter verlas die Regel. Man werde getrennt arbeiten und kein Wort solle gewechselt werden. Jeder von ihnen würde dieselben Texte erhalten und sie hätten siebenundsiebzig Tage Zeit. Wenn ihre Werke übereinstimmten, so würde es als göttliches Zeichen gelten. Ein Wunder der Übereinstimmung. Ein Text für die Welt.
Man reichte ihm eine neue Rolle. Die erste: Bereschit. Im Anfang. Elieser nickte, verbeugte sich kaum merklich und nahm Platz an einem der steinernen Tische.
In den folgenden Wochen wurde sein Dasein ein Pendel zwischen Sonnenlicht und Tintenfleck, zwischen Hebräisch und Griechisch, zwischen dem, was gesagt war und dem, was gesagt werden musste. Man brachte ihm Ziegenhaut, Federkiele, Wasser und Brot. Mehr nicht. Er war ganz allein mit seinem Text.
Am siebenundsechzigsten Tag erhielt er eine neue Rolle. Sie war anders. Kein Gesetz. Keine Liste. Es war eine Erzählung. Das Buch der Judith. So stand es in runder, fremder Schrift auf dem Deckblatt. Die Frau die einen Feldherrn tötete. Elieser blinzelte. Die Frau aus seinem Traum.
Er begann zu lesen. Langsam. Er las von Nebukadnezar, dem König, der seine Macht bis ans Meer schicken wollte. Von Holofernes, seinem General, der Städte in Staub legte. Und dann von Betulia, einer Stadt auf einem Hügel, eingeschlossen, verzweifelt.
Und von Judith. Witwe war sie. Rein, klug und fromm. Sie, die sich salbte, die ihr schönstes Gewand trug, nicht aus Eitelkeit, sondern als List. Sie, die dann in das feindliche Lager trat. Die redete, aushielt, wartete. Und die als der Feldherr endlich betrunken eingeschlafen war dessen Schwert nahm und mit zwei Hieben sein Haupt abtrennte.
Sie tat was kein Mann tat, schrieb Elieser leise. Und sie tat es im Namen des Ewigen.
Er übersetzte Stunde um Stunde. Das Griechische war träge anfangs, dann kam es wie Wasser. Er suchte Worte für Ehre, Scham, Schwert, Hoffnung. Für das Licht in ihren Augen. Für das Blut an ihren Händen.
Am Ende stand da: Und ganz Israel pries sie. Von ihrem Tag an bis in Ewigkeit.
Elieser legte die Feder nieder. Er roch das Öl der Lampe, er hörte das ferne Kreischen der Möwen über dem Hafen und er wusste: Was er gerade vollbracht hatte, das war keine Übersetzung. Es war ein Gebet. Ein Flüstern durch die Zeit. Und vielleicht auch ein Anfang.
III. Judith – Der Kopf, der blieb
Die Halle war still. Staub schwebte im Licht wie vergessene Gedanken. Elieser saß noch an seinem Tisch, den Blick gesenkt auf die letzten Zeilen seiner Übersetzung. Judiths Geschichte war abgeschlossen. Ihre Tat war getan. Ihr Name in griechischen Buchstaben eingeschrieben in eine Sprache, die sie nie gesprochen hatte und doch von nun an sprechen würde.
Draußen begann das Licht sich zu neigen. Alexandria roch nach Wasser, Sand und Öl. Die Stadt rauschte wie ein ferner Strom, doch hier drinnen war alles still bis auf das leichte Kratzen seiner Feder. Elieser überprüfte noch einmal die letzten Sätze. Die Formulierungen waren schlicht, aber klar. Die Frau aus Betulia war nicht verklärt worden. Kein Heldenlied, keine goldene Aura. Nur ein Mensch, der sich entschlossen hatte zu handeln.
Er hielt inne.
In seinem Innern widerhallte das was er übersetzt hatte. Die Stimme der Frau, die keinen Namen suchte sondern Wirkung. Die nicht fragte ob sie schön war, sondern ob sie wirksam war. Kein Wunder dass man sie fürchtete. Kein Wunder dass man sie verehrte.
Er erinnerte sich an den Moment als er überlegte, wie man das Wort „Kraft“ übersetzt – nicht körperliche Stärke sondern jene innere Bewegung, die Menschen tun lässt was niemand erwartet. Im Hebräischen hatte er es gespürt. Im Griechischen musste er es formen.
Elieser stand auf und ging zum offenen Fenster. Von hier aus konnte er das Meer sehen, das nun kupfern glänzte. Fischerboote kehrten zurück, Möwen zogen flach über das Wasser. Weit dahinter lag Judäa, sein Land. Aber Judith war nicht dort geblieben. Sie war mitgekommen in dieser Rolle, in dieser Sprache, in dieser neuen Zeit.
Er fragte sich ob die anderen sie auch übersetzt hatten. Ob ihre Judith dieselbe war. Wahrscheinlich nicht. Vielleicht war das der Sinn der siebzig Übersetzungen: nicht, dass sie gleich waren sondern dass jede von ihnen anders leuchtete. Dass die Wahrheit sich nicht im Gleichklang zeigt sondern in der Variation.
Er kehrte an seinen Tisch zurück, rollte das fertige Manuskript sorgfältig ein und versiegelte es mit einem Tropfen Wachs. Auf der Außenseite schrieb er nur ein Wort: ΙΟΥΔΙΘ. Judith.
Am Ausgang des Scriptoriums blieb er noch einmal stehen. Ein Jüngerer trat zu ihm, mit Neugier im Blick. „War es eine Heldin?“, fragte er.
Elieser sah ihn lange an.
„Nein“, sagte er. „Sie war eine Entscheidung.“
Dann ging er.