Am Rand der Wiese, dort wo eine alte Fichte ihre unteren Äste wie schwere, moosige Arme in den Morgen streckt, da sitzt das Raufußhuhn auf einem Ast und es schüttelt sich. Wassertropfen sprühen in kleinen Bögen davon und letzte Regenreste verschwinden aus seinem Gefieder – denn jetzt ist genug.
Ein Flügel streckt sich, dann der andere. Ein leises Rucken, ein feines Rascheln – dann gleitet das Huhn hinunter, mitten ins nasse Gras.
Jahr aus, Jahr ein lebt es hier. Auf demselben Hang, unter denselben Ästen, im gleichen Licht. Hier ist seine Heimat. Es kennt den Boden, das Wasser und die guten Stellen im Gras.
Die Alm liegt noch still. Ein feiner Nebel zieht über die Hänge, die Berge sind noch umwoben von weißen Fäden als wollten sie sich ein letztes Mal verhüllen, bevor der Tag beginnt. Der Himmel ist hell aber noch nicht blau. Und der Boden duftet nach Wiese, nach Wurzel, nach dem was bleibt.
Das Raufußhuhn pickt hier, pickt dort – ein Käfer, ein Samenkorn, vielleicht ein winziger Stein, der noch die Wärme vom Vortag in sich trägt.
Es hält inne. Schaut sich um. Es sieht den Brunnen, aus dem das Wasser langsam rinnt, gerade so als würde die Zeit hier oben nicht zählen. Da die Holzlege, wo das trockene Holz ruht wie ein Versprechen künftiger Wärme. Die Latschen, die sich leicht im Wind wiegen. Und der Tag, der auf alles wartet ohne es eilig zu haben.
„Ich habe alles“, denkt das Raufußhuhn. „Ich bin glücklich, ich wohne an einem wunderschönen Ort. Was will man also mehr?“
Und mit diesem Gedanken schließt es für einen Moment die Augen. Dann – ein leises Rascheln hinter einer der Latschen. Kaum zu hören ist es, aber trotzdem bemerkt es das Raufußhuhn.