Weißt du …
… da kam einmal ein prächtiges Taubenschwänzchen – von weit her, über Olivenhänge, durch Lavendelfelder, über schimmernde Seen. Der Wind des Südens trug es, und sein Herz war voller Geschichten. Eines Tages ließ es sich nieder in einem Garten im Chiemgau. Ein Garten wie aus dem Traum eines Kindes: mit wilden Kräutern, alten Apfelbäumen und summenden Hecken. Die heimischen Insekten – Bienen, Käfer, Fliegen und Falter – bemerkten es sofort.
Es schwirrte so flink, dass man es für einen kleinen Kolibri halten konnte. Es sah anders aus. Ja, es hatte orangefarbene Flügel und einen langen Rüssel, mit dem es tief in die Blüten hineinreichen konnte. Doch sie blickten es nicht mit Argwohn an, sondern mit Neugier.
„Wer bist du?“, fragte eine Hummel mit goldenem Pelz.
„Ich bin ein Wanderer“, sagte das Taubenschwänzchen. „Meine Ahnen flogen über Zypressen. Ich komme von dort, wo der Mistral spricht.“
Da rückten sie näher, setzten sich auf Blüten und Blätter, hörten ihm zu. Es erzählte von heißen Sommern, von Feigenbäumen, von Granatapfelblüten. Und sie hörten nicht nur zu – sie spürten, dass seine Geschichten auch ihre Sehnsüchte weckten.
Am Abend, als der Tau die Blätter kühlte, sagten sie: „Bleib. Wir haben Platz im Garten. Und Platz im Herzen.“
Das Taubenschwänzchen zögerte einen Moment, dann lächelte es mit seinen Flügeln. Es blieb – nicht als Gast, nicht als Fremder, sondern als Teil des Gartens.
Und als es im nächsten Frühjahr wieder flog, trug es zwei Orte im Herzen – beide durfte es Zuhause nennen.