Der Dachs und das Reh

oder wie der Dachs das Hören lernte

Weisst du…

…es war einmal ein Dachs, der trug seine Gedanken wie andere ein glänzendes Fell trugen. Er wanderte durch den Wald, trat fest auf, sprach viel über Moosarten, Wetterzeichen, den Lauf der Bäche. Die Bäume hörten ihm zu wie man eben hört, wenn man keine Ohren hat. Und der Dachs sprach weiter denn er glaubte: Wer weiß, der soll was sagen.

Eines Morgens am Rand einer Lichtung traf er ein Reh. Es stand da einfach rum, die Beine ruhig und die Augen weit.

„Wusstest du“, begann der Dachs ohne Begrüßung, „dass Rehe in der Dämmerung besser sehen als in der Mittagssonne? Und dass die Zahl eurer Punkte im Sommerrücken keine Bedeutung hat aber von Menschen gern gedeutet wird?“

Das Reh blinzelte langsam. Es antwortete nicht. Der Dachs redete weiter. Über Gräser, über Jäger, über die Geschichte der Pfade. Er war sehr klug, und alles was er sagte stimmte. Doch das Reh schwieg. Und weil es schwieg blieb irgendetwas offen im Wind. Daraufhin wurde der Dachs langsamer und seine Stimme verlor die Schärfe. Sein Blick fiel in die Stille, die zwischen zwei Grashalmen in der Wiese stand.

„Hörst du mir überhaupt zu?“, fragte er schließlich. Das Reh sah ihn an. Nicht wie jemand, der etwas wissen will – sondern wie jemand, der schon sehr lange zuhört. Dann trat es einfach einen Schritt näher und ein Blatt knackte unter seinem Huf. Mehr tat das Reh nicht.

Da nickte der Dachs. Nicht etwa weil er eine Antwort erhalten hatte sondern weil er begriff, dass das Fragen selbst ein Lauschen sein kann. Er drehte sich um und trat zurück in den Wald. Etwas langsamer, als er gekommen war und jetzt knisterten auch die Zweige etwas leiser unter seinen Schritten. Denn er hatte zum ersten Mal gehört, dass auch Schweigen ein Wissen sein kann.

Und das Reh stand noch lange auf der Wiese. Wie ein Wald der weiß, dass er nicht erklärt werden muss.