Wenn draußen der Föhnsturm über die Dächer fährt und die Nebel schwer auf Wiesen und Wald drücken, dann beginnt im Chiemgau eine andere Zeitrechnung: die der langen Abende, der feuchten Schuhe an der Tür, der dampfenden Töpfe auf dem Herd – und früher auch: die Zeit des Gunkelns.
„Gunkl gehn“ – das klang einmal nicht nach Technik, nicht nach Terminkalender sondern nach einem kleinen Fest des Alltäglichen. Es war die Stunde in der Frauen sich aufmachten – mit Rocken, Spindel und Geschichten im Gepäck – um gemeinsam zu arbeiten, zu lachen, zu horchen, zu spinnen. Nicht nur Flachs, sondern Fäden aus Gemeinschaft, Erinnerung und leiser Magie.
Die Spinnstube als Herzstück
Die Spinnstube, oft die warme Bauernstube war ein Mikrokosmos der dörflichen Welt. In der Mitte: das Licht eines Öllämpchens, an den Wänden steckte Rosmarin in der Rockenstange, ein Glöckerl bimmelte beim Betreten, das aber nur auf dem Weg läuten durfte, nicht im Raum selbst. Die Spinnräder surrten, die Finger glitten und wenn man genau hinhörte konnte man es fast sehen: wie aus Flachs Geschichten wurden.
Hier wurde nicht nur gearbeitet hier wurde auch geredet. Über die Nachbarn, die Kinder, das Vieh, den Hof, aber auch über Liebesnöte, Sagen, Spuk und über das Leben überhaupt und sowieso. Es war ein Raum, in dem das Private öffentlich wurde ohne je indiskret zu sein. Und es war ein Ort weiblicher Selbstermächtigung, lange bevor dieses Wort erfunden war.
Die Rockenbraut und das Flüstern des Schicksals
Gegen Ende des Abends, wenn der Flachs verbraucht war und der Feichtn Anderl schon das erste Glaserl geholt hatte, kam oft der Moment der kleinen Zauber: Dann wurde eine „Rockenbraut“ gewählt – eine Art Medium. Man stellte sich um sie, hielt sich an den Händen, sprach Verse, die irgendwo zwischen Rosenkranz und Beschwörung schwankten:
Knochen und Blut,
Füll ihn mit Glut,
Arm und Bein,
Fang ihn mir ein…
Was da gebeten wurde? Nun ja – wie so oft, drehte es sich um die Liebe. Oder wenigstens um eine Ahnung davon. Und um das stille, uralte Verlangen, gesehen zu werden, gehört zu werden, gebunden zu werden – nicht durch Gesetze, sondern durch Zuwendung.
Elektrisch hat viele alten Bräuch nausgleucht
Franziska Hager, selbst mit warmem Blick und scharfem Witz gesegnet, schrieb über diese Gunkelabende nicht folkloristisch, sondern mit liebevoller Klarheit. Als nach dem Ersten Weltkrieg der Strom in die Höfe kam sagte man: „s’Elektrisch hat viele alten Bräuch nausgleucht.“ Das Licht verdrängte die Schatten und mit ihnen verschwand oft das, was in ihnen leise glänzte: Nähe, Vertraulichkeit, gemeinsames Tun.
Die Gunkelstuben leerten sich. Die Spinnräder verstummten. Und wer heute ein Spinnrad besitzt, stellt es meist dekorativ ins Eck, nicht mehr in den Mittelpunkt der Geselligkeit.
Was fehlt, wenn es fehlt?
Heute da flimmert das Licht des Fernsehers statt der Flamme am Tisch. Man kennt seine Nachbarn kaum, kennt aber die Gesichter von Menschen auf Bildschirmen bis in die Poren. Die Stimme des Internets ist laut, dabei aber oft einsam.
Wo treffen sich die Menschen heute ohne einen Zweck der bezahlt oder organisiert ist? Volkshochschule, vielleicht. Elternbeirat, wenn’s sein muss. Aber freiwillig, warm, sinnlich, regelmäßig? Das Gunkeln war mehr als ein Treffen. Es war ein gelebter Kreislauf aus Arbeit, Pause, Sprache und Gemeinschaft. Es war das Gegenteil von Vereinzelung.
Ein Licht kehrt zurück
Und doch manchmal kehrt es wieder. So wie jetzt in Bergen, wo Angelika Gimpl begonnen hat, einmal im Monat zum Gunkeln zu laden. In ihrer kleinen Werkstatt treffen sich Frauen, die mit Händen arbeiten und mit Herzen lauschen. Es wird gesponnen, erzählt, getrunken, gelacht. Es ist vielleicht keine Spinnstube wie früher. Aber es ist ein Raum, in dem etwas schwingt, das verloren schien.
Und vielleicht ist das Gunkeln nicht vergangen. Vielleicht war es nur kurz ausgegangen – wie eine Flamme im Zugwind. Jetzt brennt es wieder.
Nuage zum Schluss:
Wenn Frauen spinnen
Webt sich das Unsichtbare
Zurück ins Sichtbare.