Ishmael – Zeitzeuge, Erzähler, Wanderer zwischen den Welten. Der Blick in die Tiefe beginnt im Schatten.

Ishmael über Ressourcen

Nennt mich Ishmael.

Über das, was da ist.
Ich weiß nicht, wie lange es her ist, dass ich zum letzten Mal ein Schiff bestiegen habe, um hinauszufahren in die großen Gewässer. Vielleicht zwanzig Jahre. Vielleicht mehr. Die Zeit fließt anders, wenn man sich dem Wind anvertraut hat. Heute sitze ich meist an Land, aber das Meer ist mir geblieben – nicht als Ort, sondern als Echo in der Brust. Und manchmal, wenn ich still bin, höre ich es noch: das schwere Atmen eines Wals unter der Oberfläche, das Knarren des Holzes bei Nacht, das Singen eines Matrosen, der längst nicht mehr lebt.

Damals, auf der Pequod, war alles eine Frage des Fangs. Ressourcen – das war für uns der Tran, das war das Fett, das Öl, der Gewinn. Es ging ums Brennen, ums Leuchten, ums Geld. Der Wal war Beute, und wir waren Männer mit Haken und Eisen, mit Hunger und Ziel. Wir jagten, was sich verwerten ließ – das Messbare, das Verwertbare, das Verkaufbare. Aber es gab Dinge, die wir nicht jagten – vielleicht, weil wir sie nicht kannten. Oder nicht sehen wollten. Vielleicht auch, weil sie sich nicht in Fässer füllen ließen.

Niemand sprach von der Stille als Ressource. Niemand sprach vom Gleichgewicht der Winde. Niemand sprach von der Weite, die einen nicht kleiner machte, sondern weitete. Wir lebten in ihr, aber wir besaßen sie nicht. Und gerade deshalb war sie vielleicht das Kostbarste. Heute, wenn die Leute mich fragen – was ist eine Ressource? – dann sage ich ihnen nicht, was man nachschlagen kann. Ich sage ihnen, was ich gesehen habe.

Ich habe den Blick eines Mannes gesehen, der tagelang auf der Mastspitze stand und im Nichts suchte – und darin zu sich selbst kam. Ich habe erlebt, wie ein kaputtes Ruder uns zwang, auf die Strömung zu hören – und sie trug uns weiter, als wir jemals geplant hatten. Ich habe verstanden, dass das Meer nicht unser Gegner war, sondern unser Lehrer. Und dass das, was wir mitnahmen, oft weniger war als das, was wir hätten zurücklassen sollen.

Heute denke ich: Eine Ressource ist nicht einfach das, was da ist. Es ist das, was wir als da erkennen. Es ist Beziehung. Es ist Wahrnehmung. Es ist Wert. Die wahren Ressourcen – sie brennen nicht. Sie leuchten nicht in Lampen. Sie leuchten im Inneren.

Ein Moment der Ruhe. Ein Gespräch ohne Ziel. Ein Ort, der dich aufnimmt, ohne dich zu bewerten. Die Luft am Morgen, wenn der Tag noch nichts von dir verlangt. Das Rauschen eines Baums, das dich an jemanden erinnert, den du geliebt hast. Das sind Ressourcen, die nicht versiegen, wenn man sie teilt. Im Gegenteil: Sie wachsen. Sie verwandeln. Und sie fordern nichts als Aufmerksamkeit.

Vielleicht, so denke ich heute, besteht der größte Reichtum nicht im Haben, sondern im Sehen. Im Spüren. Im Dasein. Denn wir sind nicht die Herren der Welt. Wir sind Reisende auf ihrem Rücken. Und wenn wir Glück haben, erkennen wir das früh genug, um ihr zu danken.

Nennt mich Ishmael. Ich bin einer, der überlebt hat. Einer, der gesucht hat. Und der heute stiller spricht als früher – aber vielleicht deutlicher. Denn wer gelernt hat, dem Wasser zuzuhören, der weiß, dass man nicht alles verstehen muss. Manches genügt, wenn es einfach da ist.

– Ishmael, weiter entwickelte Romanfigur aus „Moby Dick oder der Wal„, Herman Melville

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