Mira

Der kleine Tisch unter der gestreiften Markise im italienischen Eiscafe stand schon für sie bereit – zweite Reihe links, mit Blick auf den Brunnen. Es war ihr Stammplatz. Jeden Freitag beim Marktbesuch kehrten Karin und Martin hier ein, um das bisher Erlebte zu sortieren, kurz zu verschnaufen – und manchmal auch einfach nur, um in Ruhe ihr Eis zu essen.

Martin streifte sich die Jacke von den Schultern, legte behutsam das Säckchen mit dem Brot auf den Nebensitz. Daneben lehnte der Blumenstrauß von Thima, kunstvoll und rätselhaft. „Ich glaub, der Kürbis hat mir die Schulter verspannt“, murmelte er, eher zu sich selbst, während er sich setzte.

Karin nahm ihm das nicht ab. „Du bist einfach nur urlaubsreif“, sagte sie, zog sich die Sonnenbrille vom Kopf und seufzte. Dann sah sie sich um. Keine Spur von Enzo, wo blieb der denn? „Komisch“, sagte sie. „Normalerweise ist er schon da.“

„Vielleicht hat er sich ja endlich mal frei genommen.“

In diesem Moment knallte die Glastür auf – und Mira trat auf die Szene wie ein explodierter Regenbogen. Weiße Turnschuhe, grüne Schürze, hochgebundener Pferdeschwanz, eine Strähne lila. In der Hand ein Notizblock, auf dem schon Eisspuren von mindestens drei verpassten Bestellungen klebten. „Huh, hallo! Servus! Bin sofort bei euch! Also gleich. Also… jetzt!“ Sie stand plötzlich neben ihrem Tisch und strahlte sie an, als wären sie alte Freunde. Karin runzelte die Stirn. Martin lächelte höflich.

„Wo ist denn der Enzo heute?“, fragte er.

Mira riss die Augen auf. „Ah, ja genau! Enzo! Der ist… in Italien. Also wirklich Italien. Familie, voll wichtig. Ich bin nur Aushilfe – Mira mein Name, hallo!“ Sie streckte die Hand aus. Martin schüttelte sie freundlich.

Karin ließ sich Zeit, dann reichte auch sie ihr die Hand. „Freut mich“, sagte sie, nicht unfreundlich, aber mit messerscharfer Skepsis in der Stimme.

„Ihr seid Stammgäste, oder? Hab ich gleich gespürt!“

„Kann man so sagen“, meinte Martin.

„Mega. Dann kenn ich mich wenigstens bei euch nicht ganz so gar nicht aus! Also – was darf’s denn sein? Ich hab schon ein paar Specials im Kopf, aber die muss ich erst noch suchen, weil die Karte hab ich grad jemandem anderen aus Versehen mitserviert.“

„Einfach ein Zitronensorbet“, sagte Karin nüchtern.

„Boah, das ist ein Klassiker. Und du?“, sie sah Martin an.

„Nuss. Wie immer.“

„Mega. Kommt sofort. Oder halt – in drei Minuten oder so. Also ich beeil mich, echt jetzt.“

Und mit einem kleinen Hopser drehte sie sich um, verwechselte beim Gehen noch zwei Tischnummern, rief jemandem „Sorry!“ zu, kam fast mit dem Tablett ins Straucheln – und verschwand im Inneren des Cafés.

Martin sah ihr nach. „Die ist wie ein Meteorit mit Herz.“

Karin zog die Augenbraue hoch. „Ein chaotisches Thermikphänomen mit positiver Ladung.“

Sie grinsten. Und warteten auf ihr Eis.

Jetzt stand Karin auf. „Ich geh jetzt mal schnell aufs Klo“, sagte sie. Es klang nicht wie eine Entscheidung, sondern wie ein Naturgesetz. Martin nickte, ohne hinzuschauen. Er war längst woanders – bei Mira.

Die Kellnerin schoss gerade mit einem Tablett in der Hand zwischen zwei Tischen hindurch, drehte sich auf dem Absatz, bremste kurz vor einem Kinderwagen, lachte, entschuldigte sich mit einem „Oh Gott, fast!“, dann war sie wieder weg. Ihre Bewegungen hatten etwas von einem improvisierten Tanz – zwischen Espresso und Erdbeersorbet, zwischen Schulferien und Sommerjob.

Martin lehnte sich zurück, ließ die Sonnenstrahlen über das Eis seines Tischnachbarn gleiten und beobachtete, wie Mira drinnen verschwand. Drinnen hörte man kurz das Klimpern einer Glastür, dann ein lautes „Marcooo?“, gefolgt von einem „Ach, der Marco ist gar nicht da, stimmt ja.“

Sie erschien wieder, diesmal mit einem Notizblock in der einen und einer Zuckerdose in der anderen Hand, beides nicht für Martin. Stattdessen eilte sie zum Nebentisch, wo sie einen älteren Herrn mit Melone auf dem Kopf verwechselte – mit jemandem, der offenbar etwas anderes bestellt hatte.

„Oh mein Gott, sorry! Sie wollten das andere Tiramisu! Ich bring gleich das richtige! Ich bin voll die Aushilfe!“

Sie war schon wieder weg. Martin lächelte. Es war einfach unmöglich, ihr böse zu sein. Sie war wie eine Wettererscheinung – ein Mira-Wirbel. Kurz, unberechenbar, warm.

Ein kleines Kind am Nachbartisch zeigte auf sie und sagte: „Die ist lustig.“

Der Vater nickte. „Die ist schneller als der Ball vom Lewandowski.“

Martin musste lachen. Er schaute Richtung Eingang. Karin war noch nicht zurück. Und Mira kam jetzt tatsächlich mit einem Tablett – diesmal auf direktem Weg zu seinem Tisch. Martin saß noch immer leicht zurückgelehnt, die Hände verschränkt auf dem Schoß. Ein leises Klirren kündigte Mira an. Sie trat aus dem Café, diesmal vorsichtiger, mit einem Tablett in der Hand und konzentrierter Miene. Der Wind spielte mit einem losen Strähnchen ihres Haares, das sie mit der Stirn runzelnd wegpustete. Sie steuerte zielstrebig auf Martins Tisch zu, stellte das Tablett schwungvoll ab.

„Ein Amarena-Becher für Sie – und einmal Spaghetti-Eis ohne Sahne“, verkündete sie stolz.

Martin blinzelte. „Tschuldigung, Mira, aber… das ist nicht unsere Bestellung.“

Sie hielt inne, schaute auf das Tablett, dann wieder zu Martin. Ihr Blick wurde eine Mischung aus Panik und Überzeugungskraft.

„Nicht? …Sicher?“

„Ziemlich“, sagte Martin freundlich.

„Oh Mann!“ Sie schnappte das Tablett wieder hoch, drehte sich auf dem Absatz und peilte den Nebentisch an. Dort wartete ein junges Paar – das Mädchen klatschte in die Hände.

„Jaaa, das ist für uns!“

Mira stellte ab, lächelte – und dann runzelte die junge Frau die Stirn.

„Äh, aber… ich hatte mit Sahne.“

Mira schaute fassungslos auf den Becher. „Oh Gott. Ich bin ein wandelndes Sahneproblem.“

Sie machte kehrt, stolperte fast, und lief – mit dem Tablett schräg unterm Arm – wieder Richtung Eingang. Im Vorbeigehen streifte sie einen älteren Herrn mit Hut, der gerade aufstand. „Oha – sorry! Sorry, sorry, sorry! Ich hab Sie nicht gesehen!“

Der Mann blickte sie kühl an, rückte seinen Hut zurecht und sagte trocken und scharf: „Vielleicht schauen Sie beim nächsten Mal einfach hin, Fräulein!“

„Jaja“, murmelte sie und war schon halb durch die Tür. „Ich schau nächstes Mal sogar dreifach!“ Der Herr schnaubte. Doch bevor er noch etwas sagen konnte, war sie längst im Inneren verschwunden.

In diesem Moment kam Karin zurück. Sie trocknete sich die Hände an einem Papiertuch, das sie unterwegs aus dem Waschraum mitgenommen hatte, und schob es achtlos in ihre Jackentasche. „Hab ich was verpasst?“

Martin grinste über beide Ohren. „Nur Mira beim Weltretten.“

Karin setzte sich. „Ich dachte, die retten eher das Klima, die Kids. Na, Mira rettet wohl die Speiseeisverteilung.“

„Und das mit heroischem Irrsinn.“

Sie lehnten sich zurück. Und kaum hatten sie wieder Atem geholt, flog die Tür auf – Mira kam herausgeschossen, diesmal mit zwei neuen Bechern, deren Löffel wie kleine Fahnen in die Sonne ragten.

„So! Jetzt aber richtig!“, rief sie. Sie stellte den einen Becher vor Karin. „Zitrone-Mohn mit Basilikum-Karamell.“ Und dann den anderen vor Martin. „Vanille mit Kürbiskernöl. Ich hab das jetzt einfach mal gemacht. Das ist mega. Glauben Sie mir.“

Martin und Karin schauten sich an.

„Ich… hatte Zitronensorbet bestellt“, sagte Karin zögerlich.

„Und ich Nuss, wie immer“, murmelte Martin.

Mira schlug sich die Hand vor die Stirn. „Boah, nein!“

Dann sah sie sie beide an, atmete tief durch – und lächelte entwaffnend. „Aber… sieht doch gut aus, oder?“

Karin sah Martin an. Martin sah Karin an. Dann schauten beide auf ihre Eisbecher. Ein Moment lang war nichts – außer dem Sirren eines Insekts und dem leichten Klirren von Mira irgendwo im Inneren des Cafés.

Dann hob Karin die Augenbrauen und sagte: „Ich glaub, wir essen das jetzt einfach.“

Martin grinste. „Ja. Wer weiß, vielleicht revolutioniert Mira gerade unser Geschmackssystem.“

Karin nahm einen ersten Löffel. Dann nickte sie. „Zitrone-Mohn mit Basilikum-Karamell. Irgendwie… falsch. Aber interessant.“

„Vanille mit Kürbiskernöl ist… verwirrend. Aber nicht unangenehm.“ Sie lachten leise.

„Manchmal ist die Welt einfach Mira“, sagte Martin.

Karin sah ihm in die Augen. „Oder Thima.“

Ein Schweigen senkte sich zwischen ihnen. Nicht unangenehm – eher wie eine Pause in einem Lied, das gerade erst begonnen hatte. Karin nahm noch einen Löffel, dann sagte sie leise: „Heute war was anders, Martin. Ich weiß nicht…“

Martin nickte. „Ich hab’s schon gemerkt.“

„Ich war plötzlich… nicht nur eifersüchtig. Ich war… berührt.“

„Sie hat dich gemeint. Nicht mich.“

„Ich weiß.“ Karins Stimme war brüchig ruhig.

Martin rührte in seinem Eis, als könnte er darin die richtigen Worte finden. „War’s unangenehm?“

Karin schüttelte den Kopf. „Es war schön. Und aber gleichzeitig beängstigend irgendwie.“

„Wie echte Nähe.“

Sie schwiegen wieder. Diesmal länger. Eine Möwe kreischte über dem Platz.

Dann sagte Karin plötzlich, mit trockenem Unterton: „Wenn ich’s recht überlege – Mira und Thima haben was gemeinsam.“

„Ah ja?“, fragte Martin, halb amüsiert, halb neugierig.

„Beide verwirren. Beide berühren. Beide bringen alles durcheinander – aber irgendwie stimmt’s dann trotzdem.“

Martin lachte. „Und beide geben dir Sachen, die du gar nicht bestellt hast.“

„Genau.“

Sie sahen sich an. Und dann lachten sie einfach. Ohne Grund. Oder gerade deshalb. Karin lehnte sich zurück, das Löffelchen noch in der Hand, aber längst vergessen. „Also… was wollten wir eigentlich einkaufen?“

Martin zog ein zerknittertes Zettelchen aus der Hosentasche. „Unsere berühmte halbe Planung.“

„Noch leserlich?“, fragte sie.

„Kaum. Aber wir sind eh drüber hinaus. Ich meine, wer rechnet schon mit Zitrone-Mohn und Basilikum-Karamell?“

Karin grinste. „Also gut. Lies vor.“

Martin entfaltete das Papier. „Brot – check. Gemüse – äh, ja. Rüben, Kürbis. Blumen – mit Seele, würde ich sagen. Nudeln – doppelt. Eier – vergessen. Käse – kommt noch. Und…“ – er hielt das Zettelchen gegen das Licht – „Kräuter?“

„Die haben wir noch daheim, getrocknet“, sagte Karin. „Aber wir wollten frische Petersilie.“

„Stimmt.“

Karin stützte den Ellbogen auf den Tisch. „Und fürs Wochenende?“

Martin zählte an den Fingern ab: „Morgenvormittag: Moos. Mittag: Küche aufräumen, Kräuter sortieren. Nachmittag: Fenster putzen und Sechzger hören. Abend: vielleicht Spiel oder Fernsehen. Sonntag: Joggen, Museum, Krimi.“

„Ordentlich“, sagte Karin. „Aber ich spür, das wird kein gewöhnliches Wochenende.“

Martin sah sie an. „Wegen Thima?“

Karin nickte. Dann: „Wegen allem. Ich fühl mich anders.“

„Schön anders?“

„Ich weiß noch nicht. Aber lebendiger.“

Ein paar Tische weiter tobte Mira wieder mit einem falschen Bon herum. Karin beobachtete sie einen Moment. „Wenn du’s recht überlegst“, sagte sie, „das Leben ist wie so ein Markt. Man will Rüben und kriegt eine Zucchini, die aussieht wie eine verbeulte Fanfare.“

Martin lachte. „Und manchmal steht Heraklit dahinter.“

„Oder Kurt.“

„Oder Mira.“

Sie schwiegen.

Dann sagte Martin: „Gehen wir weiter?“

„Ja. Aber gemütlich. Wir haben Zeit.“

Sie standen auf, Karin legte das Löffelchen auf die Untertasse, Martin strich den Einkaufszettel glatt, schob ihn ein und legte dann das Geld aufs Tablett, nicht ohne dabei eine stattliche Rundungsdifferenz zugunsten Miras zu erzeugen. Dann bummelten sie wieder los – zurück auf den Markt.

Kapitel 9

Mira

Der kleine Tisch unter der gestreiften Markise im italienischen Eiscafe stand schon für sie bereit – zweite Reihe links, mit Blick auf den Brunnen. Es war ihr Stammplatz. Jeden Freitag beim Marktbesuch kehrten Karin und Martin hier ein, um das bisher Erlebte zu sortieren, kurz zu verschnaufen – und manchmal auch einfach nur, um in Ruhe ihr Eis zu essen.

Martin streifte sich die Jacke von den Schultern, legte behutsam das Säckchen mit dem Brot auf den Nebensitz. Daneben lehnte der Blumenstrauß von Thima, kunstvoll und rätselhaft. „Ich glaub, der Kürbis hat mir die Schulter verspannt“, murmelte er, eher zu sich selbst, während er sich setzte.

Karin nahm ihm das nicht ab. „Du bist einfach nur urlaubsreif“, sagte sie, zog sich die Sonnenbrille vom Kopf und seufzte. Dann sah sie sich um. Keine Spur von Enzo, wo blieb der denn? „Komisch“, sagte sie. „Normalerweise ist er schon da.“

„Vielleicht hat er sich ja endlich mal frei genommen.“

In diesem Moment knallte die Glastür auf – und Mira trat auf die Szene wie ein explodierter Regenbogen. Weiße Turnschuhe, grüne Schürze, hochgebundener Pferdeschwanz, eine Strähne lila. In der Hand ein Notizblock, auf dem schon Eisspuren von mindestens drei verpassten Bestellungen klebten. „Huh, hallo! Servus! Bin sofort bei euch! Also gleich. Also… jetzt!“ Sie stand plötzlich neben ihrem Tisch und strahlte sie an, als wären sie alte Freunde. Karin runzelte die Stirn. Martin lächelte höflich.

„Wo ist denn der Enzo heute?“, fragte er.

Mira riss die Augen auf. „Ah, ja genau! Enzo! Der ist… in Italien. Also wirklich Italien. Familie, voll wichtig. Ich bin nur Aushilfe – Mira mein Name, hallo!“ Sie streckte die Hand aus. Martin schüttelte sie freundlich.

Karin ließ sich Zeit, dann reichte auch sie ihr die Hand. „Freut mich“, sagte sie, nicht unfreundlich, aber mit messerscharfer Skepsis in der Stimme.

„Ihr seid Stammgäste, oder? Hab ich gleich gespürt!“

„Kann man so sagen“, meinte Martin.

„Mega. Dann kenn ich mich wenigstens bei euch nicht ganz so gar nicht aus! Also – was darf’s denn sein? Ich hab schon ein paar Specials im Kopf, aber die muss ich erst noch suchen, weil die Karte hab ich grad jemandem anderen aus Versehen mitserviert.“

„Einfach ein Zitronensorbet“, sagte Karin nüchtern.

„Boah, das ist ein Klassiker. Und du?“, sie sah Martin an.

„Nuss. Wie immer.“

„Mega. Kommt sofort. Oder halt – in drei Minuten oder so. Also ich beeil mich, echt jetzt.“

Und mit einem kleinen Hopser drehte sie sich um, verwechselte beim Gehen noch zwei Tischnummern, rief jemandem „Sorry!“ zu, kam fast mit dem Tablett ins Straucheln – und verschwand im Inneren des Cafés.

Martin sah ihr nach. „Die ist wie ein Meteorit mit Herz.“

Karin zog die Augenbraue hoch. „Ein chaotisches Thermikphänomen mit positiver Ladung.“

Sie grinsten. Und warteten auf ihr Eis.

Jetzt stand Karin auf. „Ich geh jetzt mal schnell aufs Klo“, sagte sie. Es klang nicht wie eine Entscheidung, sondern wie ein Naturgesetz. Martin nickte, ohne hinzuschauen. Er war längst woanders – bei Mira.

Die Kellnerin schoss gerade mit einem Tablett in der Hand zwischen zwei Tischen hindurch, drehte sich auf dem Absatz, bremste kurz vor einem Kinderwagen, lachte, entschuldigte sich mit einem „Oh Gott, fast!“, dann war sie wieder weg. Ihre Bewegungen hatten etwas von einem improvisierten Tanz – zwischen Espresso und Erdbeersorbet, zwischen Schulferien und Sommerjob.

Martin lehnte sich zurück, ließ die Sonnenstrahlen über das Eis seines Tischnachbarn gleiten und beobachtete, wie Mira drinnen verschwand. Drinnen hörte man kurz das Klimpern einer Glastür, dann ein lautes „Marcooo?“, gefolgt von einem „Ach, der Marco ist gar nicht da, stimmt ja.“

Sie erschien wieder, diesmal mit einem Notizblock in der einen und einer Zuckerdose in der anderen Hand, beides nicht für Martin. Stattdessen eilte sie zum Nebentisch, wo sie einen älteren Herrn mit Melone auf dem Kopf verwechselte – mit jemandem, der offenbar etwas anderes bestellt hatte.

„Oh mein Gott, sorry! Sie wollten das andere Tiramisu! Ich bring gleich das richtige! Ich bin voll die Aushilfe!“

Sie war schon wieder weg. Martin lächelte. Es war einfach unmöglich, ihr böse zu sein. Sie war wie eine Wettererscheinung – ein Mira-Wirbel. Kurz, unberechenbar, warm.

Ein kleines Kind am Nachbartisch zeigte auf sie und sagte: „Die ist lustig.“

Der Vater nickte. „Die ist schneller als der Ball vom Lewandowski.“

Martin musste lachen. Er schaute Richtung Eingang. Karin war noch nicht zurück. Und Mira kam jetzt tatsächlich mit einem Tablett – diesmal auf direktem Weg zu seinem Tisch. Martin saß noch immer leicht zurückgelehnt, die Hände verschränkt auf dem Schoß. Ein leises Klirren kündigte Mira an. Sie trat aus dem Café, diesmal vorsichtiger, mit einem Tablett in der Hand und konzentrierter Miene. Der Wind spielte mit einem losen Strähnchen ihres Haares, das sie mit der Stirn runzelnd wegpustete. Sie steuerte zielstrebig auf Martins Tisch zu, stellte das Tablett schwungvoll ab.

„Ein Amarena-Becher für Sie – und einmal Spaghetti-Eis ohne Sahne“, verkündete sie stolz.

Martin blinzelte. „Tschuldigung, Mira, aber… das ist nicht unsere Bestellung.“

Sie hielt inne, schaute auf das Tablett, dann wieder zu Martin. Ihr Blick wurde eine Mischung aus Panik und Überzeugungskraft.

„Nicht? …Sicher?“

„Ziemlich“, sagte Martin freundlich.

„Oh Mann!“ Sie schnappte das Tablett wieder hoch, drehte sich auf dem Absatz und peilte den Nebentisch an. Dort wartete ein junges Paar – das Mädchen klatschte in die Hände.

„Jaaa, das ist für uns!“

Mira stellte ab, lächelte – und dann runzelte die junge Frau die Stirn.

„Äh, aber… ich hatte mit Sahne.“

Mira schaute fassungslos auf den Becher. „Oh Gott. Ich bin ein wandelndes Sahneproblem.“

Sie machte kehrt, stolperte fast, und lief – mit dem Tablett schräg unterm Arm – wieder Richtung Eingang. Im Vorbeigehen streifte sie einen älteren Herrn mit Hut, der gerade aufstand. „Oha – sorry! Sorry, sorry, sorry! Ich hab Sie nicht gesehen!“

Der Mann blickte sie kühl an, rückte seinen Hut zurecht und sagte trocken und scharf: „Vielleicht schauen Sie beim nächsten Mal einfach hin, Fräulein!“

„Jaja“, murmelte sie und war schon halb durch die Tür. „Ich schau nächstes Mal sogar dreifach!“ Der Herr schnaubte. Doch bevor er noch etwas sagen konnte, war sie längst im Inneren verschwunden.

In diesem Moment kam Karin zurück. Sie trocknete sich die Hände an einem Papiertuch, das sie unterwegs aus dem Waschraum mitgenommen hatte, und schob es achtlos in ihre Jackentasche. „Hab ich was verpasst?“

Martin grinste über beide Ohren. „Nur Mira beim Weltretten.“

Karin setzte sich. „Ich dachte, die retten eher das Klima, die Kids. Na, Mira rettet wohl die Speiseeisverteilung.“

„Und das mit heroischem Irrsinn.“

Sie lehnten sich zurück. Und kaum hatten sie wieder Atem geholt, flog die Tür auf – Mira kam herausgeschossen, diesmal mit zwei neuen Bechern, deren Löffel wie kleine Fahnen in die Sonne ragten.

„So! Jetzt aber richtig!“, rief sie. Sie stellte den einen Becher vor Karin. „Zitrone-Mohn mit Basilikum-Karamell.“ Und dann den anderen vor Martin. „Vanille mit Kürbiskernöl. Ich hab das jetzt einfach mal gemacht. Das ist mega. Glauben Sie mir.“

Martin und Karin schauten sich an.

„Ich… hatte Zitronensorbet bestellt“, sagte Karin zögerlich.

„Und ich Nuss, wie immer“, murmelte Martin.

Mira schlug sich die Hand vor die Stirn. „Boah, nein!“

Dann sah sie sie beide an, atmete tief durch – und lächelte entwaffnend. „Aber… sieht doch gut aus, oder?“

Karin sah Martin an. Martin sah Karin an. Dann schauten beide auf ihre Eisbecher. Ein Moment lang war nichts – außer dem Sirren eines Insekts und dem leichten Klirren von Mira irgendwo im Inneren des Cafés.

Dann hob Karin die Augenbrauen und sagte: „Ich glaub, wir essen das jetzt einfach.“

Martin grinste. „Ja. Wer weiß, vielleicht revolutioniert Mira gerade unser Geschmackssystem.“

Karin nahm einen ersten Löffel. Dann nickte sie. „Zitrone-Mohn mit Basilikum-Karamell. Irgendwie… falsch. Aber interessant.“

„Vanille mit Kürbiskernöl ist… verwirrend. Aber nicht unangenehm.“ Sie lachten leise.

„Manchmal ist die Welt einfach Mira“, sagte Martin.

Karin sah ihm in die Augen. „Oder Thima.“

Ein Schweigen senkte sich zwischen ihnen. Nicht unangenehm – eher wie eine Pause in einem Lied, das gerade erst begonnen hatte. Karin nahm noch einen Löffel, dann sagte sie leise: „Heute war was anders, Martin. Ich weiß nicht…“

Martin nickte. „Ich hab’s schon gemerkt.“

„Ich war plötzlich… nicht nur eifersüchtig. Ich war… berührt.“

„Sie hat dich gemeint. Nicht mich.“

„Ich weiß.“ Karins Stimme war brüchig ruhig.

Martin rührte in seinem Eis, als könnte er darin die richtigen Worte finden. „War’s unangenehm?“

Karin schüttelte den Kopf. „Es war schön. Und aber gleichzeitig beängstigend irgendwie.“

„Wie echte Nähe.“

Sie schwiegen wieder. Diesmal länger. Eine Möwe kreischte über dem Platz.

Dann sagte Karin plötzlich, mit trockenem Unterton: „Wenn ich’s recht überlege – Mira und Thima haben was gemeinsam.“

„Ah ja?“, fragte Martin, halb amüsiert, halb neugierig.

„Beide verwirren. Beide berühren. Beide bringen alles durcheinander – aber irgendwie stimmt’s dann trotzdem.“

Martin lachte. „Und beide geben dir Sachen, die du gar nicht bestellt hast.“

„Genau.“

Sie sahen sich an. Und dann lachten sie einfach. Ohne Grund. Oder gerade deshalb. Karin lehnte sich zurück, das Löffelchen noch in der Hand, aber längst vergessen. „Also… was wollten wir eigentlich einkaufen?“

Martin zog ein zerknittertes Zettelchen aus der Hosentasche. „Unsere berühmte halbe Planung.“

„Noch leserlich?“, fragte sie.

„Kaum. Aber wir sind eh drüber hinaus. Ich meine, wer rechnet schon mit Zitrone-Mohn und Basilikum-Karamell?“

Karin grinste. „Also gut. Lies vor.“

Martin entfaltete das Papier. „Brot – check. Gemüse – äh, ja. Rüben, Kürbis. Blumen – mit Seele, würde ich sagen. Nudeln – doppelt. Eier – vergessen. Käse – kommt noch. Und…“ – er hielt das Zettelchen gegen das Licht – „Kräuter?“

„Die haben wir noch daheim, getrocknet“, sagte Karin. „Aber wir wollten frische Petersilie.“

„Stimmt.“

Karin stützte den Ellbogen auf den Tisch. „Und fürs Wochenende?“

Martin zählte an den Fingern ab: „Morgenvormittag: Moos. Mittag: Küche aufräumen, Kräuter sortieren. Nachmittag: Fenster putzen und Sechzger hören. Abend: vielleicht Spiel oder Fernsehen. Sonntag: Joggen, Museum, Krimi.“

„Ordentlich“, sagte Karin. „Aber ich spür, das wird kein gewöhnliches Wochenende.“

Martin sah sie an. „Wegen Thima?“

Karin nickte. Dann: „Wegen allem. Ich fühl mich anders.“

„Schön anders?“

„Ich weiß noch nicht. Aber lebendiger.“

Ein paar Tische weiter tobte Mira wieder mit einem falschen Bon herum. Karin beobachtete sie einen Moment. „Wenn du’s recht überlegst“, sagte sie, „das Leben ist wie so ein Markt. Man will Rüben und kriegt eine Zucchini, die aussieht wie eine verbeulte Fanfare.“

Martin lachte. „Und manchmal steht Heraklit dahinter.“

„Oder Kurt.“

„Oder Mira.“

Sie schwiegen.

Dann sagte Martin: „Gehen wir weiter?“

„Ja. Aber gemütlich. Wir haben Zeit.“

Sie standen auf, Karin legte das Löffelchen auf die Untertasse, Martin strich den Einkaufszettel glatt, schob ihn ein und legte dann das Geld aufs Tablett, nicht ohne dabei eine stattliche Rundungsdifferenz zugunsten Miras zu erzeugen. Dann bummelten sie wieder los – zurück auf den Markt.

Kapitel 9

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