Martin

Der Gong der fünften Stunde vibrierte noch durch den Flur, als Martin Schollmoser mit einem sanften Plopp den Griff seiner Thermosflasche zurückschnappen ließ. Er trat ins Lehrerzimmer, wie man einen Raum betritt, den man kennt – aber immer noch mit einer gewissen Neugier, als könnte heute doch etwas Ungewöhnliches geschehen. Vielleicht fiel tatsächlich jemandem auf, dass der Abrisskalender mit den weisen Sprüchen einen Tag falsch anzeigte. Vielleicht hatte irgendwer das Müsli von Frau Hübner gegessen. Vielleicht gab es aber auch einfach nur einen Kaffee in aller Ruhe und den Geruch nach Toner.

Martin war Anfang vierzig, mittelgroß, nicht dick, aber auch nicht schlank im klassischen Sinne. Man sah ihm an, dass er mit dem Fahrrad kam – und dass er sich beim Radeln mehr für die Topografie interessierte als für Geschwindigkeit. Seine Cordhose war leicht ausgebeult, sein Hemd ein wenig zu weit, aber immer sauber. Er trug Schuhe mit Profil – aus Prinzip. Und seine Brille rutschte beim Gehen leicht auf die Nasenspitze. Er ließ sie. Die Welt war auch von dort gut genug zu sehen.

Im Lehrerzimmer war es noch voll. Eine Traube stand um den Drucker, ein paar Einzelne am Fenster, drei an der Kaffeemaschine.

Martin ging zielstrebig – aber nicht eilig – zu seinem Platz, zog den Stuhl ein kleines bisschen zu weit heraus, wie er das immer tat, setzte sich mit einem hörbaren Ausatmen, und legte seine Mappe auf den Tisch, ohne sie zu öffnen.

Er mochte diesen Moment: zwischen Unterricht und Markt, zwischen Denken und Tun. Ein kleines Zeitfenster der Nutzlosigkeit, das sich wie ein weiches Kissen unter den Tag legte. Er goss sich einen Schluck aus seiner Thermoskanne in seine heilige Löwen-Kaffeetasse, nahm einen Schluck – und verzog minimal das Gesicht. Noch ein bisschen zu heiß.

Während er blies, wanderte sein Blick durchs Zimmer. Kollegium. Vertraute Körper. Frau Riedl in ihrer pastellfarbenen Weste, Herr Beermann, der mit zu viel Energie über etwas redete, das wahrscheinlich eh kein Mensch ändern konnte.

„Warst du bei der GLK-Vorbereitung gestern?“ fragte ihn jemand von rechts – beiläufig, fast schon im Vorbeigehen. Martin nickte, nahm noch einen Schluck Kaffee. „Lang.“

„Und?“

Er zuckte leicht mit den Schultern. „Man hätte die Hälfte weglassen können.“ Kurze Pause. „Die andere auch“, ergänzte er, der Kollege grinste und ging weiter. Es war nicht nötig, mehr zu sagen. Man verstand sich.

Martin war einer von denen, die man mochte, ohne es zu merken. Nie laut, nie drängend – aber da. Er war der, der zuhörte. Und wenn er sprach, dann saß es. Selten viel. Selten falsch. Er zog sein Handy aus der Jackentasche, warf einen kurzen Blick aufs Display. Noch keine Nachricht von Karin. Sie war sicherlich noch im Physiksaal. Oder beim Aufräumen. Oder sie befand sich irgendwo zwischen Impuls und Trägheit. Er wusste aber, dass sie gleich kommen würde.

Er konnte sich das bildlich vorstellen: wie sie mit entschlossener Körperhaltung das Lehrerzimmer durchquerte, die Tasche über der Schulter, den Blick klar, die Stimme –nun ja, funktional. Nie laut. Nie unnötig weich.

Er mochte das an ihr. Dass sie keinen Firlefanz betrieb. Dass sie morgens um halb sieben aufstand, ihre Laufschuhe schnürte und sich in Bewegung brachte, bevor er überhaupt ans Kaffeewasser dachte. Er mochte ihre Art, Dinge zu strukturieren. Dass sie in Farben dachte, in Diagrammen sprach, und beim Tatort ganz sachlich erklärte, warum der Einschusswinkel nicht stimmen konnte. Sie waren unterschiedlich, sicher. Sie war Kausalität. Er war Kontext. Sie brachte Ordnung. Er fragte nach Bedeutung. Aber genau das war ja das Schöne: dass sie sich nicht gegenseitig überzeugten, sondern einrahmten.

Er dachte an das Wochenende. Vielleicht würden sie wieder diskutieren, was gekocht wird. Vielleicht würde er eine Meinung vertreten, nur um zu testen, ob sie noch die Argumentationsfreude hatte. Und die hatte sie. Immer.

Zweimal pro Woche redeten sie im Bett über Philosophie. Und manchmal auch nicht. Ihre Beziehung war kein Abenteuer. Sie war eine Linie – mit Ausschlägen, aber ohne Brüche. Er mochte das. Dieses Gleichmaß. Das Wissen, dass jemand mitgeht, der aber nicht dieselben Schuhe trägt. Er lächelte still vor sich hin.

Dann hörte er ihre Schritte im Flur. Er erkannte sie an ihren Schritten. Sie war im Anflug.

Kapitel 2

Martin

Der Gong der fünften Stunde vibrierte noch durch den Flur, als Martin Schollmoser mit einem sanften Plopp den Griff seiner Thermosflasche zurückschnappen ließ. Er trat ins Lehrerzimmer, wie man einen Raum betritt, den man kennt – aber immer noch mit einer gewissen Neugier, als könnte heute doch etwas Ungewöhnliches geschehen. Vielleicht fiel tatsächlich jemandem auf, dass der Abrisskalender mit den weisen Sprüchen einen Tag falsch anzeigte. Vielleicht hatte irgendwer das Müsli von Frau Hübner gegessen. Vielleicht gab es aber auch einfach nur einen Kaffee in aller Ruhe und den Geruch nach Toner.

Martin war Anfang vierzig, mittelgroß, nicht dick, aber auch nicht schlank im klassischen Sinne. Man sah ihm an, dass er mit dem Fahrrad kam – und dass er sich beim Radeln mehr für die Topografie interessierte als für Geschwindigkeit. Seine Cordhose war leicht ausgebeult, sein Hemd ein wenig zu weit, aber immer sauber. Er trug Schuhe mit Profil – aus Prinzip. Und seine Brille rutschte beim Gehen leicht auf die Nasenspitze. Er ließ sie. Die Welt war auch von dort gut genug zu sehen.

Im Lehrerzimmer war es noch voll. Eine Traube stand um den Drucker, ein paar Einzelne am Fenster, drei an der Kaffeemaschine.

Martin ging zielstrebig – aber nicht eilig – zu seinem Platz, zog den Stuhl ein kleines bisschen zu weit heraus, wie er das immer tat, setzte sich mit einem hörbaren Ausatmen, und legte seine Mappe auf den Tisch, ohne sie zu öffnen.

Er mochte diesen Moment: zwischen Unterricht und Markt, zwischen Denken und Tun. Ein kleines Zeitfenster der Nutzlosigkeit, das sich wie ein weiches Kissen unter den Tag legte. Er goss sich einen Schluck aus seiner Thermoskanne in seine heilige Löwen-Kaffeetasse, nahm einen Schluck – und verzog minimal das Gesicht. Noch ein bisschen zu heiß.

Während er blies, wanderte sein Blick durchs Zimmer. Kollegium. Vertraute Körper. Frau Riedl in ihrer pastellfarbenen Weste, Herr Beermann, der mit zu viel Energie über etwas redete, das wahrscheinlich eh kein Mensch ändern konnte.

„Warst du bei der GLK-Vorbereitung gestern?“ fragte ihn jemand von rechts – beiläufig, fast schon im Vorbeigehen. Martin nickte, nahm noch einen Schluck Kaffee. „Lang.“

„Und?“

Er zuckte leicht mit den Schultern. „Man hätte die Hälfte weglassen können.“ Kurze Pause. „Die andere auch“, ergänzte er, der Kollege grinste und ging weiter. Es war nicht nötig, mehr zu sagen. Man verstand sich.

Martin war einer von denen, die man mochte, ohne es zu merken. Nie laut, nie drängend – aber da. Er war der, der zuhörte. Und wenn er sprach, dann saß es. Selten viel. Selten falsch. Er zog sein Handy aus der Jackentasche, warf einen kurzen Blick aufs Display. Noch keine Nachricht von Karin. Sie war sicherlich noch im Physiksaal. Oder beim Aufräumen. Oder sie befand sich irgendwo zwischen Impuls und Trägheit. Er wusste aber, dass sie gleich kommen würde.

Er konnte sich das bildlich vorstellen: wie sie mit entschlossener Körperhaltung das Lehrerzimmer durchquerte, die Tasche über der Schulter, den Blick klar, die Stimme –nun ja, funktional. Nie laut. Nie unnötig weich.

Er mochte das an ihr. Dass sie keinen Firlefanz betrieb. Dass sie morgens um halb sieben aufstand, ihre Laufschuhe schnürte und sich in Bewegung brachte, bevor er überhaupt ans Kaffeewasser dachte. Er mochte ihre Art, Dinge zu strukturieren. Dass sie in Farben dachte, in Diagrammen sprach, und beim Tatort ganz sachlich erklärte, warum der Einschusswinkel nicht stimmen konnte. Sie waren unterschiedlich, sicher. Sie war Kausalität. Er war Kontext. Sie brachte Ordnung. Er fragte nach Bedeutung. Aber genau das war ja das Schöne: dass sie sich nicht gegenseitig überzeugten, sondern einrahmten.

Er dachte an das Wochenende. Vielleicht würden sie wieder diskutieren, was gekocht wird. Vielleicht würde er eine Meinung vertreten, nur um zu testen, ob sie noch die Argumentationsfreude hatte. Und die hatte sie. Immer.

Zweimal pro Woche redeten sie im Bett über Philosophie. Und manchmal auch nicht. Ihre Beziehung war kein Abenteuer. Sie war eine Linie – mit Ausschlägen, aber ohne Brüche. Er mochte das. Dieses Gleichmaß. Das Wissen, dass jemand mitgeht, der aber nicht dieselben Schuhe trägt. Er lächelte still vor sich hin.

Dann hörte er ihre Schritte im Flur. Er erkannte sie an ihren Schritten. Sie war im Anflug.

Kapitel 2

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