Der Begriff stammt vom französischen „se retirer“, sich zurückziehen. Die Retirade war kein dramatischer Abgang, sondern ein höflicher Hauch von Abwesenheit. Sie erlaubte es Damen wie Herren, sich aus dem Salon zu entfernen, ohne die Fassade der Fassung zu verlieren. Niemand ging „aufs Klo“ sondern man „retirierte sich“.
In der höfischen Gesellschaft meiner Zeit – Caroline, Königin von Bayern – war Sprache eine Bühne. Nichts wurde direkt gesagt, was den Verdauungsapparat betraf. Stattdessen floh man mit Würde. Man musste sich „kurz retirieren“ und das genügte. Der Rest war Schweigen. Der Begriff war also nicht medizinisch sondern kulturell codiert. Ein Schleier über dem Notwendigen.
In der Oisologie wird die Retirade nicht nur als körperlicher Rückzug verstanden sondern auch als geistiger. Man verlässt einen Raum, ein Gespräch, eine Verpflichtung und zwar nicht aus Flucht sondern aus Maß. Die Retirade schützt die Integrität. Sie ist der Vorhang, den man selbst zuzieht, wenn die Welt zu hell wird.
Im IfaZ besitzt die Retirade eine eigene Dienststelle: die Kanzlei für subtile Fluchten. Dort wird sie gepflegt, dokumentiert und mit Seidenpapier archiviert. Es existieren Formulare zur Begründung der Retirade, die niemals ausgefüllt werden müssen – ihr Sinn ist die Geste.
In einer Zeit in der alles benannt und gezeigt werden muss bleibt die Retirade ein Akt der Würde. Ein letzter Rest höfischer Poesie im Alltag der Zumutungen. Und, wie du siehst, geneigter Leser auch heute noch erlaubt sie mir, mich persönlich galant aus der Affäre zu ziehen, ohne dabei meine Web-Präsenz zu verlieren.
Nuage
Nicht jedes Verschwinden ist Flucht.
Manches ist
Stil.