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	<title>Artemisia Gentileschi &#8211; kesslfligga</title>
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	<description>kunst und kultur</description>
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	<title>Artemisia Gentileschi &#8211; kesslfligga</title>
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		<title>Blickrichtungen</title>
		<link>https://www.kesslfligga.de/mira-und-die-blickrichtungen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[joki]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Dec 2025 06:51:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Artemisia Gentileschi]]></category>
		<category><![CDATA[barocke Bühne]]></category>
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					<description><![CDATA[Mira denkt nach über Perspektive und Raum am Beispiel Susanna und die Ältesten von Artemisia Gentileschi und Teresa von Bernini.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Der Nachmittag ist matschiggrau und das Licht hängt irgendwie tief im Zimmer. Draußen rinnt der Regen die Fensterscheibe hinunter wie lauwarme Tränen. Auf ihrem Schreibtisch steht eine Tasse Tee und ihre Brille liegt schief auf dem Grünen Buch, als hätte sie sich selbst dahin geworfen. Mira mit ihren siebzehn Jahren sitzt auf dem Stuhl, ein Bein unter ihren Po gezogen und klappt das Buch wieder auf. Das Papier riecht immer so leicht muffig, ein bisschen nach Dachboden halt.</p>



<p>„Barock – Der Atem Europas“ steht vorne drauf, goldene Buchstaben, schon etwas abgegriffen. Sie bleibt an einer Seite hängen, die sie auch gestern schon angeschaut hat. Eine schwarzweiße Reproduktion von Artemisia Gentileschis <em>Susanna und die Ältesten</em>, datiert um 1610. Die Druckqualität ist nicht besonders gut aber man erkennt genug. Der steinerne Rand des Beckens, Susannas nackter Rücken und die beiden Männer, die sich von rechts oben über sie beugen.</p>



<p>Mira blinzelt. <em>Sie war ungefähr so alt wie ich,</em> denkt sie ganz beiläufig. <em>Artemisia, kaum älter als siebzehn und dann malt die malt so ein Bild. Kein Märchen. Kein Mädchen mit höfischer Pose. Sondern genau dieses körperliche Nein.</em> Mira legt den Kopf leicht schief. <em>Krass irgendwie, wie eng sich das anfühlt.</em></p>



<p>Dann fährt sie mit dem Finger knapp neben der Abbildung entlang als würde sie eine unsichtbare Linie ziehen. Unten links: Susannas Körper. Oben rechts: die beiden Alten. Dazwischen eine schiefe Diagonale aus Spannung und Abwehr.</p>



<p>Ohne nachzudenken, ahmt Mira die Haltung nach. Sie dreht den Oberkörper halb weg vom Fenster, zieht die Schultern hoch und den Hals ein bisschen ein, so als würde da jemand in ihr Ohr flüstern. Es tut schnell weh im Rücken. <em>So unbequem. Das ist sauunbequem, so zu posieren. Das ist ein richtig körperliches „Nein“.</em></p>



<p><em>Artemisia war vielleicht auch ein Mädchen das manchmal Tee trank</em>, denkt Mira plötzlich.<em> Oder Wasser. Eine Siebzehnjährige jedenfalls, die wusste wie ein Körper sich anfühlt, wenn er bedrängt wird. </em>Das Bild atmet diese Gewissheit. Kein theoretisches Wissen. Ein Gefühl.</p>



<p>Aus der rechten oberen Ecke kommt die Bedrohung. Wie ein Druck, der von oben in den Alltag hineinbricht. Mira spürt plötzlich etwas auf ihrer eigenen rechten Schulter, einen imaginären Schatten. Sie schüttelt kurz den Kopf. Im Text daneben steht irgendetwas von „ungewöhnlicher Komposition“. Ein Satz bleibt aber hängen: Die Bedrohung nähert sich von rechts oben. <em>Rechts oben … da, wo eigentlich die Zukunft ist, oder? Da liest man doch hin.</em></p>



<p>Sie denkt an irgendwas, das sie mal aufgeschnappt hat: Psychologen sagen, Bewegungen im Bild von links nach rechts wirken wie „Zeit“. <em>Aber haben die Leute damals überhaupt so viel gelesen? Die meisten konnten doch gar nicht lesen. Ob Artemisia lesen konnte? Wahrscheinlich schon, aber keine Ahnung.</em></p>



<p>Sie blättert weiter und landet im Rom-Teil. Eine Fotografie von Berninis <em>Ekstase der heiligen Theresa</em> füllt die Seite. Schwarzweiß, aber voller Atem. Teresa liegt halb zurückgelehnt, das Kleid in steinernen Wellen. Ihr Kopf ist nach links oben gedreht, der Mund leicht geöffnet und die Augen halb offen. Der Engel kommt von links, schwebend, fast tanzend. Mira beugt sich näher über das Bild. <em>Schon wieder eine Diagonale. Aber diesmal aus der anderen Ecke, eher eine Einladung, ja ganz klar Einverständnis.</em></p>



<p>Sie probiert auch diese Haltung aus: Kopf und Brust leicht nach links oben. Es fühlt sich an als würde ihr Brustkorb sich öffnen. Wie ein Fenster, das jemand von außen mit einem Finger anstupst.</p>



<p><em>Bei Susanna wollte der Körper weg. Bei Teresa will der Körper hin.</em> Der Text spricht vom „Inszenierungsraum“ Berninis, von einer Kapelle, die Theater und Altar zugleich ist. Zuschauer aus Stein, Logen wie im Opernhaus. Mira lächelt leise.</p>



<p><em>Die Renaissance hat die Bühne gebaut. Und der Barock so: Danke schön und jetzt spielen wir.</em> Sie stellt sich eine leere Bühne vor mit Linien, Fluchtpunkte und Ordnung. Dann rennt jemand hinein und wirft Stoffe, Licht, Körper in die Luft, bis der Raum sich endlich bewegt.</p>



<p><em>Vielleicht,</em> denkt Mira,<em> ist das das Neue: Nicht nur, was gezeigt wird, sondern von wo es kommt. Bei Susanna: Druck aus der Zukunftsrichtung, also ein falsches Vorwärts.</em> <em>Bei Teresa: ein Anfang aus dem Licht, wie ein sanftes Ziehen.</em></p>



<p>Artemisia war siebzehn. Mira streicht über den Rand der Seite, ganz vorsichtig. <em>Vielleicht malt man ja mit siebzehn so ehrlich, weil man noch keine Posen kennt. Oder weil man schon genau weiß, wie nah einem Gefahr kommen kann.</em></p>



<p>Sie zeichnet in ihr Notizbuch zwei kleine Skizzen: links Susannas Drehung, rechts Teresas Öffnung. Diagonalen, Pfeile. Keine Kunst, nur Denken mit der Hand. Darunter schreibt sie: „Manchmal entscheidet die Richtung, aus der etwas kommt ob es uns schließt oder öffnet.“</p>



<p>Sie legt ihren Stift weg und trinkt einen Schluck Tee. Draußen hört der Regen mal kurz auf. Das Licht im Zimmer kippt ins Helle aber wirklich sonnig wird es auch wieder nicht. Die nasse Straße glänzt wie ein Bühnenboden auf dem alles möglich ist.</p>



<p>Mira steht auf und streckt sich. Im Rücken die Erinnerung an Susannas Härte. In der Brust die Weichheit von Teresa. Zwei Bewegungen, die in ihrem siebzehnjährigen Körper nachklingen wie zwei Stimmen im Duett. Sie schlägt das Grüne Buch zu; die Seiten rascheln wie ein leiser Applaus.</p>



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<p class="nuagette">Tagebuch, 11.12.2025<br>Vielleicht sehen Mädchen mit siebzehn einfach klarer<br>aus welcher Richtung das Leben kommt.</p>
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		<title>Artemisia und ihre Susanna</title>
		<link>https://www.kesslfligga.de/artemisia-und-ihre-susanna/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[joki]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Dec 2025 05:36:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Artemisia Gentileschi]]></category>
		<category><![CDATA[Aufrichtigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[barocke Bildsprache]]></category>
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					<description><![CDATA[Susanna und die Ältesten im Licht der Sieben Körper]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h4 class="wp-block-heading"><strong>Einleitung</strong></h4>



<p>Artemisia Gentileschis <em>Susanna und die Älteren</em> ist eines jener Bilder, die man ansieht und sofort versteht, ohne je in einem Seminarraum gesessen zu haben. Die Szene ist einfach: Eine junge Frau möchte in Ruhe baden. Zwei ältere Herren glauben, dass ihre Wünsche wichtiger seien als Susannas Würde und Grenzen. Artemisia malt dieses Aufeinandertreffen so klar und direkt, dass sich die Frage „Was bedeutet das?“ gar nicht stellt. Man erkennt es mit einem Blick: Hier stößt Würde auf Übergriffigkeit und die Würde bleibt.</p>



<h4 class="wp-block-heading"><strong>Wie Artemisia erzählt – schlicht und ehrlich</strong></h4>



<p>Viele Maler vor ihr hatten aus dieser biblischen Szene eine Art historisches Theater gemacht. Alles war glatt, voller Posen, voller Schönheitseffekte, als wäre die gute Susanna eher zufällig in diese Lage geraten. Artemisia macht das Gegenteil. Sie zeigt eine ganz menschliche Situation, ohne Schmuck und ohne doppelten Boden. Eine Frau will einfach nur ihre Ruhe; und zwei Männer lassen sie ihr nicht. So schlicht, so wahr und so verständlich.</p>



<h4 class="wp-block-heading"><strong>Ressourcen: Was in diesem Moment gegeben ist</strong></h4>



<p>Schon die Ausgangslage zeigt eine eindeutige Schieflage. Susanna hat ihren Körper, ihren Garten und den Wunsch dort unbehelligt zu sein. Die Ältesten hingegen bringen gesellschaftlichen Rang, Macht und Selbstsicherheit mit. Das sind die Ressourcen und Artemisia zeigt sie ganz ungeschönt. Manche haben von Anfang an Vorteile, eine höhere Stellung, mehr Macht und andere eben nicht. Das ist nicht gerecht aber es ist so. So zeigen sich immer wieder mal die Voraussetzungen, die Gegebenheiten im Leben.</p>



<h4 class="wp-block-heading"><strong>Leben: Susannas Reaktion im eigenen Körper</strong></h4>



<p>Jetzt reagiert Susanna darauf nicht mit Drama. Sie reagiert mit einer von Artemisia unglaublich schön ausgedrückten Klarheit: Sie wendet sich zur Seite hin ab. Sie duckt sich nicht, sie bittet oder fleht auch nicht, sie fügt sich aber auch nicht in die Erwartung der Ältesten. Sie bleibt bei sich. Klar, wach und gesammelt. Artemisia zeigt Susanna nicht als Opfer, sondern als jemanden der im entscheidenden Moment nicht von seiner Position und Würde abrückt.</p>



<h4 class="wp-block-heading"><strong>Kultur: Warum die Ältesten glauben im Recht zu sein</strong></h4>



<p>Die beiden älteren Männer wirken jetzt nicht gerade wie Bösewichte aus einer Erzählung. Das Verstörende in der ganzen Situation ist folgendes: Sie verhalten sich genau so, wie die Welt in der sie leben es ihnen beigebracht hat. In ihrer Kultur ist ihre gesellschaftliche Stellung selbstverständlich und ihre Macht steht ausser Frage. Artemisia zeigt nicht zwei Schufte als Ausnahme sondern ein System, das sich selbst überhaupt nicht hinterfragt. Man erkennt sofort, dass der Übergriff gar nicht mit den beiden beginnt, sondern viel früher im gesellschaftlichen System, das ihnen diese Stellung überhaupt ermöglicht, toleriert, und &#8211; ja &#8211; sogar fördert.</p>



<h4 class="wp-block-heading"><strong>Werte: Susannas Maßstab</strong></h4>



<p>Trotz der Bedrohung bleibt Susannas eigenes Maß aber ungebrochen: ihre Würde ist unantstbar. Weder wird sie den Männern gefügig noch verhandelt sie mit ihnen, keine Diskussion. Sie möchte einfach sie selbst bleiben. Artemisia malt dieses innere Maß in der Körperhaltung Susannas. Alles an Susanna sagt: „Ich weiß, wer ich bin. Ich weiß wer ihr seid. Ich weiß was ihr hier von mir wollt. Aber das bekommt ihr hier von mir nicht. Denn das was ihr wollt, das bin ich nicht.“ Ihre Werte werden in diesem Gemälde sichtbar ohne dass man sie erklären müsste.</p>



<h4 class="wp-block-heading"><strong>Verantwortung: Was sie in diesem Moment in der Hand hat</strong></h4>



<p>Susanna kann in dieser Situation weder die Männer noch das System ändern. Aber sie kann für ihre Grenze sorgen. Ihre Verantwortung liegt genau dort: das zu erkennen und in ihrer eigenen Haltung. Sie schützt den einzigen Raum der ihr wirklich ganz gehört nämlich sich selbst. Das ist nicht laut und nicht heroisch. Es ist schlicht und glasklar und genau deshalb ungemein stark und wirksam.</p>



<h4 class="wp-block-heading"><strong>Handeln: Das Nein, das trägt</strong></h4>



<p>Susannas Handlung ist ein Nein, das kein Wort braucht. Sie geht nicht mit, sie spielt nicht mit, sie gibt kein Einverständnis. Dieses Nicht-Mitspielen ist ihre Handlung. Artemisia zeigt: Das genügt. Das verändert die ganze Szene. Plötzlich wirken die zwei Ältesten nicht mehr mächtig, sondern klein und ja krank. Sie entwürdigen nicht Susanna, sondern sie entwürdigen sich selbst. Und das hat Artemisia gesehen. Sie war siebzehn Jahre alt, als sie dieses Bild gemalt hat und ich kann nur den Hut ziehen vor einer Frau, die vor über vierhundert Jahren ein Bild von solcher Qualität gemalt hat. Ganz grosse Kunst.</p>



<h4 class="wp-block-heading"><strong>Schluss</strong></h4>



<p>Artemisia Gentileschi malt keine Moral und keine Mythologie. Sie malt einen Moment den jeder Mensch sofort versteht: Zwei verhalten sich falsch, eine richtig. Sie zeigt, dass Würde sichtbar ist und dass sie nicht aus Büchern kommt, sondern dass sie aus Haltung entsteht. Und sie zeigt, dass ein Mensch aufrecht bleiben kann, selbst wenn die Welt um ihn herum bedrohlich und in Schieflage ist. In dieser Einfachheit liegt die Kraft des Bildes. Und in dieser Klarheit liegt sein Licht. Für mich geht das Bild weit über eine rein feministische Auslegung hinaus. Artemisia malt schlicht und ergreifend die Unantastbarkeit der Menschenwürde und die gilt nunmal universal.</p>
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