Karin spürte sofort, dass sich etwas verändert hatte. Noch bevor sie den Fischstand sah, lag eine andere Spannung in der Luft – wie ein kaum hörbarer Ton, den man mehr im Bauch spürt als im Ohr. Sie trat einen Schritt vor, blieb stehen. Neben dem stillen Glitzern der Fischschuppen auf dem Eis, dem matten Glanz der Makrelenhaut und dem Salzgeruch, stand ein Mann – gerade, korrekt, ruhig.
Seine Kleidung war unscheinbar, fast altmodisch ordentlich: helles Hemd, dunkle Stoffhose, eine Weste, die ein bisschen zu streng für den Markt wirkte, aber makellos saß. Die Hände hatte er hinter dem Rücken verschränkt, sein Blick war auf den Fischstand gerichtet, auf Jakob Thaler, der wie immer wirkte: still, gesammelt, als gehöre er zum Wasser selbst. Alles beginnt im Wasser, das war ja schliesslich auch der Wahlspruch des Jakob Thaler.
Der Mann sprach jetzt leise, aber bestimmt.
„Also, bitte verzeihen Sie, aber ich muss das jetzt doch einmal sagen. Ich habe jahrelang im Großhandel gearbeitet, ich weiß, wie das läuft. Da gibt es Vorschriften. Kontrollen. Listen, was wann wie gekühlt werden muss, welche Temperaturen einzuhalten sind – Fisch ist da ganz oben. Und wenn ich mir das hier anschaue, dann…“ Er machte eine kleine, runde Geste mit der rechten Hand, so als wolle er der Szenerie etwas objektivieren.
„Ich meine das nicht persönlich, verstehen Sie mich nicht falsch. Es geht ums Prinzip. Die Vorschriften gibt’s ja nicht aus Jux. Es ist Verbraucherschutz. Es geht um Gesundheit, um Verlässlichkeit. Sie glauben gar nicht, was alles passieren kann, wenn da was schiefgeht. Da reicht eine einzige Charge, falsch gelagert, nicht ordentlich deklariert – und schon haben Sie eine Lebensmittelvergiftung in der halben Nachbarschaft. Das ist keine Kleinigkeit.“
Er schaute Thaler an, aber der sagte nichts. Der Mann fuhr fort, nun schon etwas lauter, mit einem Anflug von Empörung in der Stimme, wie jemand, der nicht gehört werden will, sondern gehört werden muss.
„Und wer kontrolliert das hier? Ich sehe kein Thermometer, kein Schild mit Herkunftsnachweis, keine Chargennummern. Wissen Sie eigentlich, woher Ihre Ware kommt? Welche Reinigungsverfahren verwendet wurden? Oder steht das nur so da – auf gut Glück? Ich frage ja nur. Es fängt ja bei der Kühlkette an. Wenn die einmal unterbrochen ist, dann können Sie den Rest vergessen. Das geht ins Protein, das zieht sich durch. Und dann lagert man sowas auch noch offen, ohne Schutz, ohne Abdeckung – na, da lachen ja die Keime. Ich hab’s erlebt, hundertfach. Wenn Sie mal gesehen hätten, was ich gesehen hab, dann würden Sie ganz anders denken. Und dann ist da noch die Frage der Herkunft. Die steht ja da auch nicht dran. Transparenz? Fehlanzeige. Aber Hauptsache, alles bio und regional, das klingt halt besser auf dem Etikett. Und dann die Leute, die das kaufen – keine Ahnung, was sie da eigentlich mit nach Hause nehmen. Aber Hauptsache, es ist hübsch angerichtet. Ich sag Ihnen, das Auge isst mit, aber die Salmonellen auch.“
Seine Stimme war nicht laut, aber sie brach nicht ab. Sie war wie ein gleichmäßiger Schub – keine Windmaschine, sondern ein tropfender Wasserhahn, der einfach nicht mehr aufhört.
„Es gibt Richtlinien, wissen Sie? Die sind nicht zum Spaß da. Das ist Verbraucherschutz. Das ist Fürsorge. Das ist eine ethische Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft. Wer Lebensmittel verkauft, hat Verantwortung. Punkt. Und wenn ich sehe, wie da mit nackten Händen… und keine Kühlung, keine Dokumentation… also da hörts für mich einfach auf.“
Karin dachte: Der redet wie ein Hygiene-Leitfaden mit Sendungsbewusstsein. Wahrscheinlich duscht er seine Äpfel mit Desinfektionsmittel und beschriftet seine Tiefkühlschränke nach EU-Verordnung. Und jetzt steht er hier und hält einem Fischhändler einen Vortrag, der mehr Würde in der kleinen Fingerkuppe hat als der da in seiner ganzen perfekt gebügelten Weste. Sie verschränkte die Arme und blieb ruhig stehen. Martin kam jetzt auch zum Stand, weil er sie dort entdeckt hatte, er blieb neben ihr stehen und schien den Monolog ebenfalls zu beobachten. Jetzt war sie gespannt, wie’s weitergeht.
„…und wissen Sie, was mich am meisten stört? Dass das hier keiner sehen will! Alle laufen vorbei, kaufen ihren Lachs, ihren Zander – schön auf Eis, schön dekoriert – und glauben, damit wär’s getan. Aber Lebensmittelhandel ist kein Kindergeburtstag! Das ist ein Hochsicherheitsbereich! Und wenn Sie so etwas offen liegen lassen – in direkter Sonne, ohne Plexiglas, ohne Barcode, ohne QR-Code, ohne irgendwas – dann ist das schlichtweg verantwortungslos! Ich sage: Wer das duldet, macht sich mitschuldig.“
Er war jetzt in Fahrt, hob den Zeigefinger, als hätte er gerade das letzte Wort bei einer Talkshow-Runde bekommen. Sein Blick streifte das Publikum, als wollte er Zustimmung einsammeln. Er war in seinem Element. Sein Tonfall bekam diese Mischung aus gekränkter Aufklärung und moralischer Oberhand, die Menschen annehmen, wenn sie glauben, die Einzigen zu sein, die den Durchblick haben.
„Ich hab im Großhandel gearbeitet, jahrelang! Ich weiß, was da passiert, ich weiß, was hinter den Kulissen läuft. Und glauben Sie mir: Da draußen werden jeden Tag Menschen krank – nur weil irgendjemand glaubt, auf Märkten könne man sich das sparen mit dem Hygienekonzept!“
Er trat einen halben Schritt näher an den Stand, zeigte jetzt mit offener Handfläche auf die Auslage, als ob er die Fische gleich einsammeln und in Quarantäne bringen wollte.
„Und dann dieses Schild da – ‚Alles beginnt im Wasser‘ – ja, das mag ja schön klingen, aber wissen Sie, was auch im Wasser beginnt? Cholera.“
Jakob Thaler rührte sich nicht. Sein Blick blieb ruhig, beinahe weich, wie das Licht auf einer glatten Wasseroberfläche kurz vor Sonnenaufgang.
Der Mann ließ sich davon nicht beirren. Im Gegenteil – es schien ihn anzustacheln, dass seine Worte nicht auf Widerstand trafen. Er räusperte sich, hob das Kinn und setzte nach:
„Ich meine, das ist doch alles nur romantischer Unsinn. Das Meer – Ursprung allen Lebens? Mag ja sein. Aber das ist ein Naturmythos. Die Realität heißt: Mikroplastik, Schwermetalle, Überfischung. Da beginnt gar nichts mehr, da hört höchstens was auf. Wissen Sie eigentlich, wie viele Kiemenparasiten ein durchschnittlicher Zuchtlachs heute trägt? Nein? Ich sag’s Ihnen: zu viele.“
Er atmete durch, sammelte sich, als würde er jetzt zum eigentlichen Kern vordringen:
„Es geht doch nicht nur um den Fisch. Es geht um das Prinzip. Um den Umgang mit Lebensmitteln, mit Wahrheit, mit Verantwortung! Das ist doch das Problem heutzutage: Die Leute glauben lieber an ein poetisches Schild als an eine Laboranalyse.“
Karin stand ein paar Schritte entfernt, halb im Schatten eines Schirms, das kleine Papiersäckchen mit den Karotten in der Hand. Ihr Blick wanderte von der bewegungslosen Gestalt Jakobs zu dem Mann, der da sprach, fast wie ein Anwalt im eigenen Verfahren.
Sie dachte: Wenn er jetzt noch sagt, dass der Fischstand eine Gefahr für die Demokratie ist, steig ich aus.
Aber sie blieb. Und sie war gespannt, wie es weitergeht.
Der Mann sah sich kurz um, als wolle er sein Publikum vergewissern. Einige Marktbesucher hatten sich unauffällig dazugestellt. Nicht, weil sie Partei ergriffen – sondern weil die Szene etwas Seltsames hatte. Ein Mann, der sich in Rage redete, wie in einer Debatte, die allerdings niemand offiziell eröffnet hatte.
„Ich hab selbst im Großhandel gearbeitet, hab ich das schon gesagt?“, fuhr er fort. „Sie glauben gar nicht, was ich da alles gesehen habe. Fische, die zweimal aufgetaut waren. Lieferungen ohne Papiere. Und dann wird’s einfach wieder eingefroren und weiterverkauft. Das passiert jeden Tag, und die Leute daheim meinen, sie kaufen beim netten Standl auf dem Markt. Na ja.“
Er machte eine Pause. Vielleicht, weil er selbst spürte, dass seine Stimme ins Leere hallte. Jakob Thaler hatte sich nicht gerührt. Nicht ein Wort. Nicht ein Stirnrunzeln. Der Mann aber brauchte Widerspruch – irgendetwas, um sich abzugrenzen.
„Und da stehen Sie dann einfach da, mit Ihrem Fisch auf dem Eis, als wär das hier Capri, 1963. Ohne Nachweis, ohne Kontrolle. Nur mit einem Spruch auf dem Schild, als wär das ein Gedichtband. ‚Alles beginnt im Wasser‘ – pah!“
Er lachte trocken über sein eigenes Zitat, doch die Reaktion blieb aus. Stille. Und genau in dieser Stille geschah etwas: Thaler hob langsam den Blick. Kein Zorn, keine Ironie. Nur ein stilles, waches Hinsehen. Und dann – ganz ruhig – schob er eine Hand unter eine der silbrig glänzenden Forellen, prüfte kurz deren Lage, schob sie ein paar Zentimeter zurecht, sodass sie etwas schräger auf dem Eis lag. Mehr nicht.
Der Mann stockte. Es war, als hätte er einen Stein ins Wasser geworfen – aber keine Wellen kamen zurück. Nur Stille. Glatte Oberfläche. Kein Widerhall.
…und genau in diesem Moment spürte Karin eine fast kindliche Bewunderung. Nicht für das, was gesagt wurde – sondern für das, was nicht gesagt wurde. Diese wortlose Souveränität, die kein Argument braucht, kein Rechtfertigen, kein Gegenschlagen. Einfach stehen. Still. Und dadurch stärker als jedes Gegenwort.
Der Mann aber konnte die Leere nicht ertragen. Er war ins Leere gelaufen – und jetzt suchte er Halt. In den eigenen Worten, in der Empörung, im Recht.
„Also ehrlich, das ist ja wohl das Mindeste, dass man hier mal… ich meine, das ist doch öffentliche Verantwortung! Dass man wenigstens einmal…“ – doch seine Stimme klang jetzt hohl, ein bisschen zu laut. Wie ein Echo, das nicht mehr weiß, wohin es gehört.
Jakob Thaler drehte sich um, griff seelenruhig nach einer kleinen Schaufel, holte frisches Eis aus einer Kiste, verteilte es über die Auslage. Routiniert. Bedächtig. Nichts in seinem Tun war ein Kommentar. Und doch war es die deutlichste Antwort, die man sich denken konnte. Karin war sprachlos. Auf die schönste Weise.
Martin sagte leise: „Der hat ihm nicht widersprochen. Und trotzdem alles gesagt.“
Karin nickte. „Ich glaub, den mag ich.“ Sie blieb noch einen Moment stehen, sah Jakob Thaler zu, wie er seine Welt ordnete – Fisch um Fisch, Handgriff um Handgriff. Und irgendetwas in ihr war grade ganz zur Ruhe gekommen. Wie ein inneres Pendel, das kurz stillsteht, bevor es dann wieder zu schwingen beginnt.
Und so gingen sie schließlich weiter. Sie hatten nichts gekauft, sie hatten auch nicht gesprochen mit Thaler aber trotzdem hatte er ihnen etwas Beeindruckendes gegeben, was sie mitnehmen konnten zum nächsten Stand.