[Raum. Eine Tür öffnet sich. Schritte, leicht federnd mit einem kaum hörbaren Zögern, als würde jemand kurz stehen bleiben, um den Raum zu erfassen.]
Schrödinger:
Herr Professor Bohr. Wie schön sie hier anzutreffen. Ich habe das Gefühl man tritt hier nicht einfach ein. Der Raum… er reagiert.
Bohr:
Schrödinger. Der Vergnügen ist ganz auf meiner Seite. Bitte schön … Ja. Da haben Sie recht: der Raum ist bereits in einem Zustand.
Schrödinger (lächelt hörbar):
Das dachte ich mir schon. Wissen Sie Bohr, Räume verraten nämlich viel über ihre Besucher.
Soleil:
Herr Professor Schrödinger.
[Eine Tasse wird abgestellt.]
Soleil:
Ein kleiner Brauner.
Schrödinger:
Ach so. Nun äh… den hätte ich vermutlich auch gewählt, wenn ich um eine Bestellung gefragt worden wäre.
Soleil:
Das wäre aber gar nicht nötig gewesen.
Schrödinger (leise lachend):
Das ist sehr beruhigend. Dann darf ich mich hier also ganz auf das Denken konzentrieren.
[Er setzt sich. Kurze Stille.]
Schrödinger:
Sie wirken gesammelt, Bohr. Fast, als hätten Sie soeben etwas sehr Reales verabschiedet und würden ihm aber innerlich noch nachlauschen.
Bohr: Das ist korrekt. Ein Dackel war anwesend.
[Eine kurze, offene Pause.]
Schrödinger:
Ein Dackel? Das ist tatsächlich… unerwartet.
Bohr:
Er ließ sich eindeutig erfassen. Form, Bewegung, Atem. Ich habe ihn beobachtet und konnte ihn als Dackel benennen.
Schrödinger:
Und jetzt ist er verschwunden.
Bohr:
Aus meiner Wahrnehmung, ja.
Schrödinger:
Sehen Sie Bohr und genau an dieser Stelle beginnt für mich das eigentlich Interessante. Es ist nicht der Dackel selbst – der ist mir durchaus sympathisch –, sondern es ist dieser Übergang. Dieses, wie soll ich sagen? Dieses… Wegsein, das sich aber gar nicht wie ein Ende anfühlt.
Bohr:
Ich formuliere keine Zustände, der sich meiner Beobachtung entziehen.
Schrödinger:
Das weiß ich hochverehrter Herr Bohr, das weiß ich doch. Und genau das ist es ja auch was ich an Ihnen schätze. Sie setzen klare Grenzen – und halten diese dann auch aus. Bewundernswert, wirklich.
[Er nimmt einen Schluck.]
Schrödinger:
Wissen Sie: für mich jedoch beginnt das Leben oft gerade dort, wo diese Grenzen spürbar werden. Nicht als Messwert, sondern als Bewegung, als Möglichkeit, als etwas was weiter wirkt, auch und gerade dann wenn niemand hinsieht.
Bohr:
Dann sprechen Sie aber von einem anderen Zugang, die Wirklichkeit zu erfassen.
Schrödinger:
Ja genau. Ich versuche dem Leben nicht zu früh den Stuhl unter dem Denken wegzuziehen.
Bohr:
Das klingt… ich würde es riskant nennen.
Schrödinger:
Es ist durchaus riskant, wissen Sie Bohr. Aber gerade dadurch auch reizvoll.
[Eine kleine Denkpause.]
Schrödinger:
Wenn ich ehrlich bin, Herr Professor, dann bewundere ich Ihre Disziplin. Sie schaffen es Dinge stehen zu lassen, ohne sie zu erklären. Ich hingegen neige dazu, sie weiterzudenken, und das auch auf die Gefahr hin, dass sie mir dabei entgleiten könnten.
Bohr:
Dann ergänzen sich unsere Haltungen.
Schrödinger:
Vielleicht. Oder sie halten einander gegenseitig wach. Der Dackel… ob er nun da ist oder nicht – er hat jedenfalls etwas in Bewegung gebracht.
Bohr:
Das lässt sich tatsächlich feststellen.
Schrödinger:
Und genau das ist Leben für mich. Nicht das Festhalten eines Augenblicks sondern das, was aus dem Augenblick entstehen kann.
[Stille. Zwei Tassen. Der Raum atmet.]
Bohr:
Sie sprechen dort weiter, Schrödinger, wo ich bewusst stehen bleibe.
Schrödinger:
Dann sind wir uns ja darin einig, dass wir verschieden denken.
±[Raum. Offen.]