03 Wahrnehmung

[Raum. Tassen. Stimmen im Hintergrund. Das Café ist nun belebt, ohne laut zu sein.]

Bohr:
Es fällt mir auf, Schrödinger, dass unser Gespräch jetzt eine neue Qualität angenommen hat. Wir sprechen nicht mehr über Anwesenheit, sondern wir sprechen über Vorstellungen.

Schrödinger:
Ja, Herr Kollege. Und Vorstellungen sind ausgesprochen wirksam, wie ich meinen will. Manchmal sind sie sogar wirksamer als das, was tatsächlich im Raum sitzt.

Bohr:
Das ist eine bemerkenswerte Beobachtung ihrerseits.

Schrödinger:
Ja. Ich würde sogar sagen sie ist kulturstiftend. Denken Sie nur an Ihre Begriffe, Bohr – sie sind präzise, diszipliniert, ja sie sind geradezu asketisch. Und dennoch: sie haben eine enorme Reichweite.

Bohr:
Sprache ordnet Wahrnehmung wenn man die Worte und Begriffe präzise gebraucht.

Schrödinger:
Und Erzählungen ordnen Gemeinschaft. Die Menschen erzählen sich Dinge weiter und das nicht weil sie gemessen wurden, Bohr, sondern weil sie etwas verständlich machen.

Bohr:
Sie sprechen jetzt von Bildern, Schrödinger.

Schrödinger:
Ja. Von Bildern. Von Bildern die man nicht mehr loswird, sobald man sie einmal gehört hat.

[Kurze Pause. Ein Löffel klirrt.]

Schrödinger:
Nehmen wir zum Beispiel… den Begriff Katze.

Bohr:
Eine spezielle Katze?

Schrödinger:
Nun meine Katze in diesem Fall. Sie existiert ausschließlich als Gedanke. Aber dennoch kennt sie beinahe jeder.

Bohr:
Sie sprechen von Ihrem gedanklichen Konstrukt.

Schrödinger:
Ganz genau. Ich habe sie nie gesehen, diese Katze, nie gehört und auch nie gestreichelt. Und trotzdem hat sie sich in die Köpfe der Menschen festgesetzt.

Bohr:
Das ist… interessant.

Schrödinger:
Sehen Sie Bohr, Ihr Dackel war real. Ihre Wahrnehmung, Ihre Beschreibung, Ihre Benennung. Und doch ist er jetzt verschwunden.

Bohr:
Aus meiner Wahrnehmung, ja.

Schrödinger:
Meine Katze hingegen war nie da. Und ist doch überall.

[Ein leises Lachen von Schrödinger.]

Schrödinger:
Das nenne ich Kultur, Bohr. Nicht das was wirklich ist ist entscheidend, sondern das worauf man sich verständigt.

Bohr:
Sie beschreiben da einen sozialen Effekt, Schrödinger.

Schrödinger:
Genau. Menschen erzählen sich die Katze weiter, um über etwas zu sprechen, das sich ihrem Zugriff entzieht. Nicht um es zu erklären, sondern um es auszuhalten.

Bohr:
Ich gestehe, Ihre Katze hat tatsächlich eine erstaunliche Karriere gemacht.

Schrödinger:
Das, mein geschätzter Herr Bohr, überrascht mich allerdings selbst. Sie ist vermutlich berühmter als ich selbst.

Bohr:
Berühmtheit ist kein Kriterium für Wahrheit.

Schrödinger:
Nein. Aber für Verständlichkeit. Verstehen Sie?

Bohr:
Nun, dann erfüllt Ihre Katze jedenfalls eine Funktion.

Schrödinger:
So sehe ich das auch. Sie ist ein Werkzeug der Sprache. Ein gemeinsamer Bezugspunkt.

Bohr:
Während ich mich auf Begriffe verlasse.

Schrödinger:
Und ich auf Bilder. Beides sind kulturelle Leistungen.

[Pause. Raum.]

Bohr:
Der Dackel war eine Beobachtung. Die Katze ist eine Erzählung.

Schrödinger:
Und beide verändern aber, wie Menschen denken.

Bohr:
Dann… hat Kultur einen Einfluss, den ich nicht messen kann.

Schrödinger:
Aber den Sie feststellen.

[Kurze Stille.]

Bohr:
Und das genügt mir.

Schrödinger:
Mir auch.

Soleil:
Bitte sehr, meine Herren. Zwei Gläser Apfelsaft. Naturtrüb. Der Saft wurde ebensowenig geklärt, wie die Frage nach dem Sinn Ihres Gesprächs.

[Das Café klingt weiter. Stimmen. Leben.]

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