Montmartre, 14. August 1534, Sonnenuntergang
Wir sehen ihn stehen. Allein, mit dem Rücken zur Stadt und den Blick nach Westen gerichtet. Der Himmel ist offen wie die aufgeschlagene Seite eines Buches, flirrend in Gold mit Orange und einem Hauch von tiefem Kupfer. Die Sonne berührt noch nicht ganz den Horizont aber sie hat bereits beschlossen sich langsam zurückzuziehen. Und er – François Xavier – steht wie jemand der nicht zusieht sondern wartet. Er steht nicht bequem. Auch nicht angespannt. Eher wie einer der vergessen hat, dass er überhaupt steht.
Der Saum seines Mantels bewegt sich kaum. Es geht ein leiser, kaum spürbarer Wind aber wir sehen doch, wie er den Staub um seine Füsse aufwirbelt, ganz fein nur, Bewegung. Fast wie ein Zeichen dass die Welt sich auch ohne ihre Entscheidung weiterdrehen wird. Wir beobachten sein Gesicht von der Seite. Das Licht streicht über seine Wange, über seine Braue, über seine Stirn, die glatter scheint als man es von einem Philosophen erwarten würde. Vielleicht ja auch weil er eigentlich keiner ist. Zumindest nicht im herkömmlichen Sinn.
Was denkt er wohl? Wir wissen es nicht. Aber wir vermuten, dass es ziemlich still ist in ihm. Nicht leer ist diese Stille, auch nicht dumpf, einfach nur ruhig. Als ob er nicht mehr denken muss, weil er längst schon entschieden hat. Oder weil er weiß, dass Denken heute nicht weiterhilft. Vielleicht steht er auch einfach nur da, weil der Sonnenuntergang die einzige Form ist, in der man das Unsagbare aushält.
Wir wissen aber einiges, was er nicht weiß. Dass er bald gehen wird. Erst nach Rom. Dann nach Lissabon. Dann über das Meer. Goa. Japan. Fast China. Wir wissen, dass er auf einem Felsen sterben wird, allein, krank, mit Blick auf ein Land, das er nicht mehr betreten darf. Und dass er dort sterben wird, wie er jetzt steht: gegen Westen und gegen das Licht.
Aber er weiß es nicht. Er weiß nur, dass morgen der Schwur kommt. Wir fragen uns ob er ihn mit vollem Herzen spricht? Oder ob er ihn mit einem Vorbehalt trägt, einem Rest von Freiheit, den er sich noch bewahrt. Wir glauben, dass er nicht aus Überzeugung folgt sondern aus Klarheit. Nicht weil er mit dem Verstand überzeugt ist, sondern weil er innerlich gerufen wurde.
Was ruft ihn wohl? Ist es Ignatius? Oder ist es die Sehnsucht, nicht wie sein Vater zu enden, in Navarra, in der Politik im Staub der Höfe? Oder ist es etwas, das nicht von dieser Welt ist? Schlichtweg nicht erklärbar, nicht formulierbar, nur fühlbar wie ein inneres Licht, das sich nicht mehr löschen lässt?
Er bewegt sich kaum. Nur einmal streicht er mit der Hand durch sein Haar. Wie jemand der sich vergewissern will, dass er noch da ist. Dass dies hier kein Traum ist. Aber vielleicht ist es das doch: ein Moment zwischen zwei Tagen, zwischen zwei Leben.
Wir sehen ihm an dass er nicht fragt. Er muss nichts prüfen, nichts zerpflücken. Er trägt eine tiefe Ruhe in sich. Vielleicht ist das sein Geheimnis. Dass er nicht zweifelt, weil er nichts muss, gar nichts muss er. Weil er bereit ist, etwas herauszufinden. Auf einem Weg und nicht in einer Klosterzelle oder einer Amtsstube.
Der den wir da sehen ist kein Held. Er ist kein Ritter oder Ordensgründer. Er ist nur ein Mann, der bereit ist sich einzusetzen. Noch ohne Ziel. Aber mit Richtung.
Er steht lange. Die Sonne berührt nun die Linie des Horizonts. Wir fragen uns, ob er wohl betet. Oder ob sein Schweigen das eigentliche Gebet ist. Er könnte etwas sagen. Tut es aber nicht. Wir hören nichts. Und dennoch verstehen wir: Dies ist der Moment in dem er innerlich aufbricht. Nicht mit Feuer sondern mit einem tiefen friedlichen Einverständnis.
Und dann – ein Schritt. Er wendet sich langsam um. Die Stadt liegt unter ihm, schattiger ist sie jetzt. Er geht weder eilig noch feierlich. Einfach nur so. Als hätte er den Sonnenuntergang gefragt und eine Antwort bekommen, die keiner hören kann. Aber das reicht ihm.