Loders

Martin ließ das Café hinter sich, die Sonne legte ihm einen hellen Streifen auf die Schulter. Er hörte noch, wie Mira drinnen laut „Sorry!“ rief, gefolgt vom Klirren einer Kaffeetasse. Er lächelte. „Wenigstens eine, der heute ganz in ihrem Element ist“, murmelte er. Dann bog er nach links ab.

Karin war noch nicht da, sie hatte jemanden im Vorbeigehen erkannt und war für ein kurzes Gespräch stehen geblieben. Das kam öfter vor – Martin hatte gelernt, sich in solchen Momenten nicht zu wundern, sondern einfach weiterzugehen, es war schon in Ordnung so.

Seine Schritte wurden langsamer, als er die rotbraune Markise sah, unter der ein Stand dampfte. Kein Schild, kein Lächeln, kein Willkommen – nur Dampf, Glut, Rauch. Ein Huhn drehte sich langsam im Grill, daneben lagen geflämmte Keulen, goldene Eier in Strohkörben, ein Topf mit Gänseschmalz. Alles wirkte wie aus der Zeit gefallen, archaisch. Als hätte Prometheus höchstpersönlich ein Mittagsangebot erstellt.

Und da stand er in der Raumzeit – der Mann. Völlig gegenwärtig, völlig anwesend im Zentrum seines Standes. Groß, schmal, in rußiger Schürze, mit Händen wie aus Stein und Augen wie aus Feuer. Seine Haare kurz, die Bewegungen ruhig, aber nie ganz still. Er sah nicht auf – aber er wusste, dass Martin da war. Und Martin wusste es auch.

Der trat jetzt näher. Langsam. Der Rauch legte sich wie ein Tuch über ihn, warm und erdig. Etwas in ihm spannte sich an – nicht aus Angst, sondern aus einer seltsamen Erwartung heraus. Er sagte immer noch nichts. Der Mann auch nicht. Zwischen ihnen stand ein Tisch mit einem einzigen Ei. Weiß. Makellos. Oval. Ruhend. Als hätte es dort auf ihn gewartet.

Der Mann hob nicht den Blick. Er wendete sich nicht ab, aber auch nicht zu. Nur seine Hand bewegte sich langsam – fest, wie aus einem inneren Rhythmus heraus – und griff nach einer Kelle, mit der er Glut im Ofen zur Seite schob. Es knackte kurz, irgendwo im Holz. Dann Stille.

Martin wollte etwas sagen, doch es kam ihm unpassend vor. Worte schienen hier zu stören, wie ein Handyläuten in einer Kirche. Er betrachtete das Ei. Es lag da wie ein Versprechen. Oder wie eine Erinnerung an etwas, das er längst vergessen hatte. Die Oberfläche war glatt, ohne Risse – und plötzlich dachte er an einen Heimweg im Herbst, an die Stimme seines Vaters beim Abendessen, an den Geruch von Bratkartoffeln.

„Das ist das erste Ei von der Neuen,“ sagte der Mann schließlich. Seine Stimme war tief, ruhig – fast wie Rauch selbst. Kein Smalltalk, keine Einladung. Nur ein Satz. Wie ein Stein, der ins Wasser fällt.

Martin nickte langsam. Dann sagte er: „Die legen früh, heuer, glaub’ ich.“

Der Mann sah ihn jetzt an. Kurz. Prüfend. Dann wieder der Blick zum Feuer. „Wenn das Feuer stimmt. Und die Zeit.“

Mehr nicht. Martin schwieg. Aber irgendetwas in ihm hatte sich verschoben. Nur ein Millimeter – aber spürbar. Er blieb noch stehen. Noch einen Moment. Dann fragte er: „Was soll’s kosten?“

„Ist nicht zu verkaufen.“ Der Satz kam ruhig, aber endgültig.

Martin stand noch da, das Ei zwischen ihnen wie ein Gespräch, das noch nicht begonnen hatte. Die Hitze des Ofens streichelte seine Wange.

„Wie lang braucht denn so ein Ei?“ fragte er schließlich.

Loders hob leicht das Kinn. „Kommt drauf an.“
„Worauf?“
„Auf das Tier. Auf das Licht. Auf das Feuer.“

Martin zögerte, versuchte zu verstehen. „Sie meinen… das Wetter? Oder den Stall?“

Loders schüttelte kaum merklich den Kopf. „Ich meine, was in der Luft liegt. Ob’s zieht. Ob die Glut hält. Ob’s passt.“

Martin betrachtete das Ei, als könnte es ihm die Antwort geben. „Und wenn’s nicht passt?“

„Dann legt sie nicht. Oder sie legt’s falsch. Zu früh. Zu spät. Zu weich. Zu viel.“ Es war keine Aufzählung, es war ein Rhythmus.

Martin lächelte schief. „Klingt, als wär das mit dem Ei gar nicht so einfach.“

„Nichts ist einfach. Wenn’s echt ist.“ Ein kurzes Schweigen. Nur der Glutofen atmete hörbar.

„Und… was ist mit dem da?“ Martin nickte zum Ei.

Loders sah es an, wie ein Vater auf ein Kind. „Das ist eins, das genau gepasst hat.“ Loders sah ihn an. Nicht prüfend – nur still. Dann sah er wieder das Ei an. Dann sagte er: „Schenk ich dir.“

Martin war einen Moment lang sprachlos. „Einfach so?“

„Wenn’s passt, passt’s.“

Er nahm das Ei behutsam entgegen. Es war warm. Und schwerer, als es aussah. Martin schluckte trocken. „Verstehe.“

Und irgendwie tat er das auch. Er wusste nicht genau, warum. Aber es war in Ordnung so. „Danke“, sagte er. Nicht mehr. Nicht weniger.

Loders erwiderte seinen Blick, ein kaum merkliches Nicken – wie Glut, die nicht flackert, sondern glimmt. Martin drehte sich um. Einen Moment blieb er noch stehen, sah zurück auf den Stand mit dem Ofen, dem Rauch, dem Ei. Dann hob er leicht die Hand zum Abschied, ohne umzudrehen.

Sein Blick tastete über den Platz. Zwischen den Marktständen, dem Stimmengewirr und dem gedämpften Klang von Einkaufstaschen sah er sie. Karin. Am Fischstand. Er setzte sich in Bewegung.

Kapitel 10

Loders

Martin ließ das Café hinter sich, die Sonne legte ihm einen hellen Streifen auf die Schulter. Er hörte noch, wie Mira drinnen laut „Sorry!“ rief, gefolgt vom Klirren einer Kaffeetasse. Er lächelte. „Wenigstens eine, der heute ganz in ihrem Element ist“, murmelte er. Dann bog er nach links ab.

Karin war noch nicht da, sie hatte jemanden im Vorbeigehen erkannt und war für ein kurzes Gespräch stehen geblieben. Das kam öfter vor – Martin hatte gelernt, sich in solchen Momenten nicht zu wundern, sondern einfach weiterzugehen, es war schon in Ordnung so.

Seine Schritte wurden langsamer, als er die rotbraune Markise sah, unter der ein Stand dampfte. Kein Schild, kein Lächeln, kein Willkommen – nur Dampf, Glut, Rauch. Ein Huhn drehte sich langsam im Grill, daneben lagen geflämmte Keulen, goldene Eier in Strohkörben, ein Topf mit Gänseschmalz. Alles wirkte wie aus der Zeit gefallen, archaisch. Als hätte Prometheus höchstpersönlich ein Mittagsangebot erstellt.

Und da stand er in der Raumzeit – der Mann. Völlig gegenwärtig, völlig anwesend im Zentrum seines Standes. Groß, schmal, in rußiger Schürze, mit Händen wie aus Stein und Augen wie aus Feuer. Seine Haare kurz, die Bewegungen ruhig, aber nie ganz still. Er sah nicht auf – aber er wusste, dass Martin da war. Und Martin wusste es auch.

Der trat jetzt näher. Langsam. Der Rauch legte sich wie ein Tuch über ihn, warm und erdig. Etwas in ihm spannte sich an – nicht aus Angst, sondern aus einer seltsamen Erwartung heraus. Er sagte immer noch nichts. Der Mann auch nicht. Zwischen ihnen stand ein Tisch mit einem einzigen Ei. Weiß. Makellos. Oval. Ruhend. Als hätte es dort auf ihn gewartet.

Der Mann hob nicht den Blick. Er wendete sich nicht ab, aber auch nicht zu. Nur seine Hand bewegte sich langsam – fest, wie aus einem inneren Rhythmus heraus – und griff nach einer Kelle, mit der er Glut im Ofen zur Seite schob. Es knackte kurz, irgendwo im Holz. Dann Stille.

Martin wollte etwas sagen, doch es kam ihm unpassend vor. Worte schienen hier zu stören, wie ein Handyläuten in einer Kirche. Er betrachtete das Ei. Es lag da wie ein Versprechen. Oder wie eine Erinnerung an etwas, das er längst vergessen hatte. Die Oberfläche war glatt, ohne Risse – und plötzlich dachte er an einen Heimweg im Herbst, an die Stimme seines Vaters beim Abendessen, an den Geruch von Bratkartoffeln.

„Das ist das erste Ei von der Neuen,“ sagte der Mann schließlich. Seine Stimme war tief, ruhig – fast wie Rauch selbst. Kein Smalltalk, keine Einladung. Nur ein Satz. Wie ein Stein, der ins Wasser fällt.

Martin nickte langsam. Dann sagte er: „Die legen früh, heuer, glaub’ ich.“

Der Mann sah ihn jetzt an. Kurz. Prüfend. Dann wieder der Blick zum Feuer. „Wenn das Feuer stimmt. Und die Zeit.“

Mehr nicht. Martin schwieg. Aber irgendetwas in ihm hatte sich verschoben. Nur ein Millimeter – aber spürbar. Er blieb noch stehen. Noch einen Moment. Dann fragte er: „Was soll’s kosten?“

„Ist nicht zu verkaufen.“ Der Satz kam ruhig, aber endgültig.

Martin stand noch da, das Ei zwischen ihnen wie ein Gespräch, das noch nicht begonnen hatte. Die Hitze des Ofens streichelte seine Wange.

„Wie lang braucht denn so ein Ei?“ fragte er schließlich.

Loders hob leicht das Kinn. „Kommt drauf an.“
„Worauf?“
„Auf das Tier. Auf das Licht. Auf das Feuer.“

Martin zögerte, versuchte zu verstehen. „Sie meinen… das Wetter? Oder den Stall?“

Loders schüttelte kaum merklich den Kopf. „Ich meine, was in der Luft liegt. Ob’s zieht. Ob die Glut hält. Ob’s passt.“

Martin betrachtete das Ei, als könnte es ihm die Antwort geben. „Und wenn’s nicht passt?“

„Dann legt sie nicht. Oder sie legt’s falsch. Zu früh. Zu spät. Zu weich. Zu viel.“ Es war keine Aufzählung, es war ein Rhythmus.

Martin lächelte schief. „Klingt, als wär das mit dem Ei gar nicht so einfach.“

„Nichts ist einfach. Wenn’s echt ist.“ Ein kurzes Schweigen. Nur der Glutofen atmete hörbar.

„Und… was ist mit dem da?“ Martin nickte zum Ei.

Loders sah es an, wie ein Vater auf ein Kind. „Das ist eins, das genau gepasst hat.“ Loders sah ihn an. Nicht prüfend – nur still. Dann sah er wieder das Ei an. Dann sagte er: „Schenk ich dir.“

Martin war einen Moment lang sprachlos. „Einfach so?“

„Wenn’s passt, passt’s.“

Er nahm das Ei behutsam entgegen. Es war warm. Und schwerer, als es aussah. Martin schluckte trocken. „Verstehe.“

Und irgendwie tat er das auch. Er wusste nicht genau, warum. Aber es war in Ordnung so. „Danke“, sagte er. Nicht mehr. Nicht weniger.

Loders erwiderte seinen Blick, ein kaum merkliches Nicken – wie Glut, die nicht flackert, sondern glimmt. Martin drehte sich um. Einen Moment blieb er noch stehen, sah zurück auf den Stand mit dem Ofen, dem Rauch, dem Ei. Dann hob er leicht die Hand zum Abschied, ohne umzudrehen.

Sein Blick tastete über den Platz. Zwischen den Marktständen, dem Stimmengewirr und dem gedämpften Klang von Einkaufstaschen sah er sie. Karin. Am Fischstand. Er setzte sich in Bewegung.

Kapitel 10

back
forward