Der Weg in die Stadt

Die Tür des Gymnasiums schloss sich hinter ihnen mit einem vertrauten, schweren Geräusch – ein leiser Triumph nach der letzten Stunde am Freitag. Die Woche lag hinter ihnen und das Wochenende war schulfrei. Komplett. So hatten sie es vereinbart. Keine Korrekturen, keine Vorbereitungen. Die beiden stiegen die Steinstufen hoch in Richtung Stadtplatz. Karin links, Martin rechts. Wie immer. Der Frühsommer hatte die Luft weich gemacht. Es war zwar noch nicht heiß, aber warm genug, dass der Wind, der zwischen den Häuserzeilen herüberwehte, sich fast wie eine Streicheleinheit anfühlte. Aus der Ferne hörte man eine Kirchenglocke, irgendwo hupte einer in zu spätem gekommenem Zorn und ein Bus bog um die Ecke.

Martin warf einen Seitenblick auf Karin. Sie trug ihre dunkelgraue Softshelljacke, darunter ein helles, ärmelloses Top, das sachlich geschnitten war, aber an der Schulter einen kleinen, ungewollten Hauch von Sommerfreude zeigte. Ihre Haare – kupferrot mit einem Hauch Sanddorn – trug sie in einem praktischen Bob, der genau so lang war, dass er nicht stören konnte, und doch war er irgendwie weiblich fand Martin. Ihre Sneakers – weiß, wie frisch entfaltet – wirkten fast demonstrativ unauffällig.

„Ökologisch, atmungsaktiv, maschinenwaschbar“, hatte sie gesagt, als er gefragt hatte, ob sie neu seien. Nicht als Empfehlung. Sondern als Urteil. Martin hatte nur genickt. So war sie. Präzise bis in die Füße. Und nicht daran interessiert, es zu erklären.

Ihr Gesicht war konzentriert, der Blick leicht gesenkt – als würde sie den Anstieg in realen Newtonmetern kalkulieren, inklusive Fußsohlenreibung. Ihre graugrünen Augen – forschend, schnell, oft zu schnell – flackerten nur selten in die Umgebung. Er wusste: Sie war noch nicht ganz da. Noch nicht ganz im Freitagnachmittag angekommen. Der Schulmodus klammerte noch ein wenig nach.

„Heute hat mich die 9b endgültig davon überzeugt, dass Thermodynamik nicht auf natürlichem Wege vermittelbar ist“, sagte sie irgendwann, ohne aufzublicken.

Martin grinste. „Dann musst du wohl auf unnatürliche Methoden zurückgreifen.“

Sie schnaubte trocken. „Hypnose wäre eine Option. Oder kollektiver Sauerstoffentzug.“

Da war er, dieser seltsame, trockene Humor, der nie ganz ironisch war, nie ganz spaßig, aber immer einen seltsamen Nachhall hatte. Als käme er aus einem schrägen Paralleluniversum der Kausalitäten.

Ein Schüler rief ihnen etwas hinterher – sie drehten sich aber nicht um. Die Schule war vorbei. Abgehakt. Martin ließ seinen Blick kurz über den Gehweg schweifen. Eine alte Dame mit Rollator nickte ihnen zu, ein Kollege vom Bio-Leistungskurs grüßte knapp und verschwand in der Menge. Die Stadt öffnete sich langsam vor ihnen.

Er dachte an Karin. Daran, wie brillant sie war. Und wie wenig sie mit diesem Wort anfangen konnte. Brillant – das roch für sie nach Kompliment, nach Etikett. Aber Karin wollte keine Etiketten. Sie wollte Ordnung. Systeme. Eindeutigkeit. Und wenn die Welt ihr das nicht lieferte, dann suchte sie eben weiter. Mit Akribie. Mit wachem Blick. Und oft – mit viel zu wenig Raum für Gefühl. Er wusste, dass sie Mühe hatte mit Nähe. Dass ihr analytischer Verstand manchmal wie ein Nebelvorhang war, durch den sie ihre eigenen Emotionen nur schemenhaft sah. Aber er sah sie. Sah, wie sie manchmal innehielt, wenn Kinder lachten. Und wie sie dann ganz kurz lächelte, so als hätte sie ein Erinnerungsbild gesehen. Und er liebte sie. Nicht obwohl, sondern gerade weil sie so war.

„Ich hab übrigens heute meine Wasserflasche im Lehrerzimmer stehen lassen“, sagte sie. „Drittes Mal diesen Monat. Entweder ich bin im Stress. Oder mein System entgleist.“

„Oder du wirst menschlich“, sagte Martin.

Sie blieb kurz stehen. Drehte sich zu ihm, leicht, fast überrascht. „Vielleicht bin ich einfach inkonsistent“, sagte sie dann. „Widersprüchlich. Für ein physikalisches Modell wäre das fatal.“

Er lachte. „Für Menschen ist es… charmant.“

Die Sonne schien auf die alte Steinbank an der Treppe zum Stadtplatz. Ihr Sandstein war von Jahrzehnten geglättet, erwärmt nun vom Frühsommertag. Karin setzte sich links, wie immer. Martin rechts, wie meistens. Ihre Schultern berührten sich nicht, aber sie waren nah genug, um zu spüren: Jetzt beginnt also das Wochenende.

Martin blinzelte in den Himmel, reckte sich ein wenig und sah dann zu Karin hinüber, die gerade ihre Jacke fein säuberlich über die Lehne faltete. Ein leises Seufzen – halber Ausatmer, halbe Erleichterung.

„Weißt du, worauf ich morgen Lust hätte?“, sagte Martin, ohne sie direkt anzusehen.

Karin hob eine Augenbraue. Eine ihrer vielen Techniken, Interesse auszudrücken, ohne zu viel Gefühl preiszugeben. „Bitte nicht schon wieder Teichmolchbeobachtung“, sagte sie trocken.

„Nein“, grinste Martin. „Was Bodenständigeres. Ich hab neulich gelesen, im Bergener Moos wachsen jetzt die wilden Knoblauchsrauken. Und Giersch natürlich. Wär das nicht was? Wildkräuterwanderung. Frühsommer deluxe.“

Sie schwieg. Und das hieß nicht Nein. Es hieß: Berechnung läuft.

„Im Bergener Moos also. Und wie stellst du dir das vor? Wir fahren mit dem Radl, mit Körbchen am Lenker, sammeln Kräuter wie in einem Heimatfilm der 1950er?“

„Naja“, sagte Martin, „wir könnten einfach früh losfahren, wenn’s halt noch nicht so heiß ist. Danach verarbeiten wir sie – du könntest ja dein berühmtes Pesto machen. Ich trockne dann die Reste. Vielleicht mische ich wieder irgendein Teekraut-Projekt…“

„Du willst bloss wieder ein Etikettensystem für getrockneten Spitzwegerich bauen, gib’s zu“, sagte sie. Ihr Blick war scharf, aber ein Lächeln spielte um ihre Lippen.

„Natürlich“, antwortete er. „Ich bin schließlich kein Anarchist.“

„Und was ist, wenn es regnet?“ Karin blickte ihm direkt in die die braunen Augen.

„Tut es nicht. Ich hab den Wetterbericht geprüft. Stabil bis Sonntagmittag.“

Sie sah ihn an, prüfend. Der Mann hatte ein erstaunliches Talent, Naturromantik mit Tabellenkalkulation zu verbinden. Und irgendwie mochte sie das. Zumindest meistens.

„Okay, ich bin dabei“, sagte sie schließlich. „Aber nur, wenn du mir schwörst, dass wir diesmal nicht wieder versuchen, aus Waldmeister ein ökologisches Parfum zu destillieren. Ich hab immer noch das Marmeladenglas mit dem fermentierten Sud irgendwo im Keller.“

„Abgemacht“, sagte Martin. „Ich trag die Leinenhose, du bleibst rational. Balance muss sein.“

Sie schwiegen einen Moment, beobachteten dabei ein älteres Paar, das ihnen entgegenkam. Der Mann grüßte mit einem knappen Nicken. Karin nickte zurück – nur ein bisschen zu kühl. Martin dachte: Sie könnte das schon lernen. Dieses warme Nicken. Wenn sie nur wollte.

„Sag mal“, fragte sie plötzlich, „wie kommst du eigentlich auf Giersch? Du hasst doch Giersch.“

„Ja, ich hasse ihn im Garten“, sagte Martin. „In der Pfanne ist er… naja, sagen wir gesellschaftsfähig.“

„Wie du“, sagte sie, „in deiner Referendariatszeit.“

Sie lachten. Dann schwiegen sie einen Moment, ließen das Frühlingslicht zwischen den Häusern hindurchstreifen. Unten hupte ein Lieferwagen. Oben schoben sich die Schatten der Rathausfassade über die Giebel. Es war ein schöner Tag. Dann kam das Gespräch auf den Nachmittag: Fensterputzen.

„Fensterputzen und TSV 1860 – das ist für mich kontemplative Doppelsinnigkeit“, meinte Martin. „Ich höre die Löwen, du hältst den Abzieher.“

„Ich glaub, ich brauch ein neues Teleskop“, murmelte sie.

Am Abend wollten sie zuhause bleiben. Karin schlug vor, Scrabble zu spielen oder Hornochsen – eine Art absurd-regionales Kartenspiel, das sie in einem Ferienlager in der 9. Klasse gelernt hatte. Martin war einverstanden, sofern sie keine neuen Regeln erfand.

Am Sonntagvormittag wollte Karin dann wie immer joggen gehen. Martin würde derweil an seiner digitalen Kartierung historischer Flurformen in OpenStreetMap weiterarbeiten. „Wenn du fertig bist mit rennen, bin ich vermutlich irgendwo im 18. Jahrhundert, im Achendelta am  Südost-Rand des Chiemsees.“

„Sag bloß, du lässt mich dann ganz alleine mit der Gegenwart.“ Sie beschleuderte ihn mit einem gespielt vorwurfsvollen Blick.

„Die Gegenwart ist eh überbewertet“, meinte er und grinste.

Mittagessen war jetzt noch offen. Eventuell vegetarische Weißwürste mit süßem Senf. „Wenn du willst, back ich auch eine Breze. Oder ich versuch es zumindest“, bot Martin an.

„Lieber nicht, ich will nicht, dass du die Küche wieder in eine Mischung aus Bastelwerkstatt und Mittelaltermarkt verwandelst“, sagte Karin. „Aber ich will Weißwürste. Wir lassen es drauf ankommen.“

„Sonntag vielleicht ein Museum?“ fragte er schließlich, während sein Blick einer kleinen Ameise folgte, die über seine Schuhspitze krabbelte, als hätte sie eine Mission.

Karin verzog keine Miene. „Siegsdorf. Mammutmuseum. Sonderausstellung Molassebecken.“

Martin drehte sich leicht zu ihr, als müsse er prüfen, ob sie das ernst meinte. „Das klingt ja nach… Fossilien mit Charme. Schlägst du das mir zuliebe vor?“

Karin zögerte keine Sekunde. „Nein. Ich schlage das der Realität zuliebe vor. Du bist Erdkundelehrer. Ich bin Physikerin. Und draußen regnet’s.“

Dann drehte sie sich zu ihm, ganz leicht, fast zärtlich. „Aber ja – ein bisschen auch dir zuliebe. Damit du wieder mit leuchtenden Augen vor irgendeinem Gesteinsbohrkern stehst und mir erklärst, warum Kieselgur sexy ist.“

Martin lachte. „Ist es doch auch.“

„Ich weiß“, sagte sie. „Deshalb gehen wir ja hin.“

Sie zog wieder die Augenbraue ein wenig hoch, wie sie das tat, wenn sie gleichzeitig Zustimmung und Ironie ausdrücken wollte – ein Gesichtsausdruck, den sie wahrscheinlich im Matheunterricht perfektioniert hatte.

„Ich sag ja: perfekte Kombi.“ Er grinste. „Sedimente schauen, während’s nieselt. Gibt nix Bayerischeres.“

„Aber falls du wieder versuchst, die die Gehäusestruktur eines Ammoniten mit der Entstehung von Spiralgalaxien zu vergleichen – dann tu ich so, als wär ich deine Begleitperson mit medizinischer Indikation.“

„Du bist doch die Astrophysikerin“, grinste Martin.

„Nein. Ich bin Physikerin. Das Universum ist nur, nur… ein Nebenschauplatz.“

Sie streckte die Beine von der Bank, als hätte sie gerade beschlossen, das Gespräch auf Pause zu setzen – aber mit Fußnote.

Sie lächelte – ganz leicht. Ihr Blick blieb in der Ferne hängen, an einem Ast, der zitterte im flachen Licht.

„Tatort am Abend?“ fragte sie schließlich, als würde sie sich selbst daran erinnern müssen.

Martin drehte ein Blatt in den Fingern. „Münster.“

Karin hob die Augenbrauen wie jemand, der auf eine mathematisch absurde Lösung gestoßen ist – aber sie akzeptiert. „Ach, wie ich mich freu.“ Karins Stimme war trocken wie Kreidestaub auf dem Tafelsims. „Börne, Thiel – herrlich. Zwei neurotische Männer mit Beziehungsallergie, die sich gegenseitig therapieren, während die Leichen auskühlen.“

Martin grinste. „Es ist kein Krimi. Es ist… Klamauk.“

„Aber Klamauk mit Haltung.“ Sie verschränkte die Arme, musterte die Sonne wie eine skeptische Wissenschaftlerin, die einen Verdunstungsversuch beäugt. „Immerhin ein Format, in dem man Dialekt sprechen darf, ohne dass es als Regionalquote gilt.“

„Mit Leiche.“

„Mit Stil.“

„Mit Witz.“

„Mit Fußball-Fehlprägung“, ergänzte Martin. „Der Thiel ist Fan von St. Pauli. Völlig untragbar.“

Karin zog eine Braue hoch. „Und die korrekte soziophilosophische Alternative sollen deine Löwen sein?“

„1860 München. Geschichte, Tragik, Stil. Der Club fürs Leben, wenn man es ernst meint.“

Sie schüttelte den Kopf – nicht ablehnend, eher wie jemand, der einen Freund für seinen Irrtum liebgewinnt. Sie sah ihn an, ein bisschen zu lange, um es Zufall zu nennen. Dann:

„Na gut. Wir lassen es drauf ankommen.“ Sie saßen noch einen Moment schweigend nebeneinander. Karin strich mit dem Daumen über die Rückenlehne der Bank. Sie bückte sich nach einer Kastanie, wohl aus dem letzten Herbst noch – sie nahm sie, betrachtete sie, drehte sie hin und her und liess sie schliesslich einfach wieder fallen, wie einen Gedanken, der noch nicht reif war.

So sassen sie noch eine Weile nebeneinander, dann stand sie auf und strich die Hose glatt, die das aber eigentlich gar nicht nötig gehabt hätte. Martin erhob sich ebenfalls und sah zur Gasse hinunter.

„Was brauchen wir denn eigentlich alles?“

„Alles“, sagte sie trocken. „Wir haben nichts mehr. Also: Brot, Gemüse, was Eiweißhaltiges, Quark, vielleicht Linsen… vegetarische Weißwürste?“

Er grinste. „Einmal im Leben muss man…“

„…enttäuscht werden.“

Sie gingen langsam los, Richtung Markt. Die Sonne, das weiche Licht, der Lärm der Woche blätterte wie Hautschuppen nach einem Sonnenbrand von ihnen ab.

„Wir besprechen das doch eigentlich immer vorher“, sagte Karin nach einer Weile. „Und kommen dann schlussendlich mit ganz was anderem heim.“

„Das ist unser System“, sagte Martin. „Das muss so sein.“

„Eigentlich bräuchte man eine Excel-Tabelle“, murmelte sie. „Oder so eine Checkliste. Mit Bulletpoints. Eindeutige Abhakstruktur.“

„Und dann kaufen wir trotzdem das, was uns anlacht.“

„Stimmt.“ Sie nickte. „Eigentlich hast du recht.“

Er schwieg, aber sein Lächeln war eindeutig: Er wusste, dass sie das nicht oft sagte. Aber dass sie es trotzdem oft meinte.

Kapitel 4

Der Weg in die Stadt

Die Tür des Gymnasiums schloss sich hinter ihnen mit einem vertrauten, schweren Geräusch – ein leiser Triumph nach der letzten Stunde am Freitag. Die Woche lag hinter ihnen und das Wochenende war schulfrei. Komplett. So hatten sie es vereinbart. Keine Korrekturen, keine Vorbereitungen. Die beiden stiegen die Steinstufen hoch in Richtung Stadtplatz. Karin links, Martin rechts. Wie immer. Der Frühsommer hatte die Luft weich gemacht. Es war zwar noch nicht heiß, aber warm genug, dass der Wind, der zwischen den Häuserzeilen herüberwehte, sich fast wie eine Streicheleinheit anfühlte. Aus der Ferne hörte man eine Kirchenglocke, irgendwo hupte einer in zu spätem gekommenem Zorn und ein Bus bog um die Ecke.

Martin warf einen Seitenblick auf Karin. Sie trug ihre dunkelgraue Softshelljacke, darunter ein helles, ärmelloses Top, das sachlich geschnitten war, aber an der Schulter einen kleinen, ungewollten Hauch von Sommerfreude zeigte. Ihre Haare – kupferrot mit einem Hauch Sanddorn – trug sie in einem praktischen Bob, der genau so lang war, dass er nicht stören konnte, und doch war er irgendwie weiblich fand Martin. Ihre Sneakers – weiß, wie frisch entfaltet – wirkten fast demonstrativ unauffällig.

„Ökologisch, atmungsaktiv, maschinenwaschbar“, hatte sie gesagt, als er gefragt hatte, ob sie neu seien. Nicht als Empfehlung. Sondern als Urteil. Martin hatte nur genickt. So war sie. Präzise bis in die Füße. Und nicht daran interessiert, es zu erklären.

Ihr Gesicht war konzentriert, der Blick leicht gesenkt – als würde sie den Anstieg in realen Newtonmetern kalkulieren, inklusive Fußsohlenreibung. Ihre graugrünen Augen – forschend, schnell, oft zu schnell – flackerten nur selten in die Umgebung. Er wusste: Sie war noch nicht ganz da. Noch nicht ganz im Freitagnachmittag angekommen. Der Schulmodus klammerte noch ein wenig nach.

„Heute hat mich die 9b endgültig davon überzeugt, dass Thermodynamik nicht auf natürlichem Wege vermittelbar ist“, sagte sie irgendwann, ohne aufzublicken.

Martin grinste. „Dann musst du wohl auf unnatürliche Methoden zurückgreifen.“

Sie schnaubte trocken. „Hypnose wäre eine Option. Oder kollektiver Sauerstoffentzug.“

Da war er, dieser seltsame, trockene Humor, der nie ganz ironisch war, nie ganz spaßig, aber immer einen seltsamen Nachhall hatte. Als käme er aus einem schrägen Paralleluniversum der Kausalitäten.

Ein Schüler rief ihnen etwas hinterher – sie drehten sich aber nicht um. Die Schule war vorbei. Abgehakt. Martin ließ seinen Blick kurz über den Gehweg schweifen. Eine alte Dame mit Rollator nickte ihnen zu, ein Kollege vom Bio-Leistungskurs grüßte knapp und verschwand in der Menge. Die Stadt öffnete sich langsam vor ihnen.

Er dachte an Karin. Daran, wie brillant sie war. Und wie wenig sie mit diesem Wort anfangen konnte. Brillant – das roch für sie nach Kompliment, nach Etikett. Aber Karin wollte keine Etiketten. Sie wollte Ordnung. Systeme. Eindeutigkeit. Und wenn die Welt ihr das nicht lieferte, dann suchte sie eben weiter. Mit Akribie. Mit wachem Blick. Und oft – mit viel zu wenig Raum für Gefühl. Er wusste, dass sie Mühe hatte mit Nähe. Dass ihr analytischer Verstand manchmal wie ein Nebelvorhang war, durch den sie ihre eigenen Emotionen nur schemenhaft sah. Aber er sah sie. Sah, wie sie manchmal innehielt, wenn Kinder lachten. Und wie sie dann ganz kurz lächelte, so als hätte sie ein Erinnerungsbild gesehen. Und er liebte sie. Nicht obwohl, sondern gerade weil sie so war.

„Ich hab übrigens heute meine Wasserflasche im Lehrerzimmer stehen lassen“, sagte sie. „Drittes Mal diesen Monat. Entweder ich bin im Stress. Oder mein System entgleist.“

„Oder du wirst menschlich“, sagte Martin.

Sie blieb kurz stehen. Drehte sich zu ihm, leicht, fast überrascht. „Vielleicht bin ich einfach inkonsistent“, sagte sie dann. „Widersprüchlich. Für ein physikalisches Modell wäre das fatal.“

Er lachte. „Für Menschen ist es… charmant.“

Die Sonne schien auf die alte Steinbank an der Treppe zum Stadtplatz. Ihr Sandstein war von Jahrzehnten geglättet, erwärmt nun vom Frühsommertag. Karin setzte sich links, wie immer. Martin rechts, wie meistens. Ihre Schultern berührten sich nicht, aber sie waren nah genug, um zu spüren: Jetzt beginnt also das Wochenende.

Martin blinzelte in den Himmel, reckte sich ein wenig und sah dann zu Karin hinüber, die gerade ihre Jacke fein säuberlich über die Lehne faltete. Ein leises Seufzen – halber Ausatmer, halbe Erleichterung.

„Weißt du, worauf ich morgen Lust hätte?“, sagte Martin, ohne sie direkt anzusehen.

Karin hob eine Augenbraue. Eine ihrer vielen Techniken, Interesse auszudrücken, ohne zu viel Gefühl preiszugeben. „Bitte nicht schon wieder Teichmolchbeobachtung“, sagte sie trocken.

„Nein“, grinste Martin. „Was Bodenständigeres. Ich hab neulich gelesen, im Bergener Moos wachsen jetzt die wilden Knoblauchsrauken. Und Giersch natürlich. Wär das nicht was? Wildkräuterwanderung. Frühsommer deluxe.“

Sie schwieg. Und das hieß nicht Nein. Es hieß: Berechnung läuft.

„Im Bergener Moos also. Und wie stellst du dir das vor? Wir fahren mit dem Radl, mit Körbchen am Lenker, sammeln Kräuter wie in einem Heimatfilm der 1950er?“

„Naja“, sagte Martin, „wir könnten einfach früh losfahren, wenn’s halt noch nicht so heiß ist. Danach verarbeiten wir sie – du könntest ja dein berühmtes Pesto machen. Ich trockne dann die Reste. Vielleicht mische ich wieder irgendein Teekraut-Projekt…“

„Du willst bloss wieder ein Etikettensystem für getrockneten Spitzwegerich bauen, gib’s zu“, sagte sie. Ihr Blick war scharf, aber ein Lächeln spielte um ihre Lippen.

„Natürlich“, antwortete er. „Ich bin schließlich kein Anarchist.“

„Und was ist, wenn es regnet?“ Karin blickte ihm direkt in die die braunen Augen.

„Tut es nicht. Ich hab den Wetterbericht geprüft. Stabil bis Sonntagmittag.“

Sie sah ihn an, prüfend. Der Mann hatte ein erstaunliches Talent, Naturromantik mit Tabellenkalkulation zu verbinden. Und irgendwie mochte sie das. Zumindest meistens.

„Okay, ich bin dabei“, sagte sie schließlich. „Aber nur, wenn du mir schwörst, dass wir diesmal nicht wieder versuchen, aus Waldmeister ein ökologisches Parfum zu destillieren. Ich hab immer noch das Marmeladenglas mit dem fermentierten Sud irgendwo im Keller.“

„Abgemacht“, sagte Martin. „Ich trag die Leinenhose, du bleibst rational. Balance muss sein.“

Sie schwiegen einen Moment, beobachteten dabei ein älteres Paar, das ihnen entgegenkam. Der Mann grüßte mit einem knappen Nicken. Karin nickte zurück – nur ein bisschen zu kühl. Martin dachte: Sie könnte das schon lernen. Dieses warme Nicken. Wenn sie nur wollte.

„Sag mal“, fragte sie plötzlich, „wie kommst du eigentlich auf Giersch? Du hasst doch Giersch.“

„Ja, ich hasse ihn im Garten“, sagte Martin. „In der Pfanne ist er… naja, sagen wir gesellschaftsfähig.“

„Wie du“, sagte sie, „in deiner Referendariatszeit.“

Sie lachten. Dann schwiegen sie einen Moment, ließen das Frühlingslicht zwischen den Häusern hindurchstreifen. Unten hupte ein Lieferwagen. Oben schoben sich die Schatten der Rathausfassade über die Giebel. Es war ein schöner Tag. Dann kam das Gespräch auf den Nachmittag: Fensterputzen.

„Fensterputzen und TSV 1860 – das ist für mich kontemplative Doppelsinnigkeit“, meinte Martin. „Ich höre die Löwen, du hältst den Abzieher.“

„Ich glaub, ich brauch ein neues Teleskop“, murmelte sie.

Am Abend wollten sie zuhause bleiben. Karin schlug vor, Scrabble zu spielen oder Hornochsen – eine Art absurd-regionales Kartenspiel, das sie in einem Ferienlager in der 9. Klasse gelernt hatte. Martin war einverstanden, sofern sie keine neuen Regeln erfand.

Am Sonntagvormittag wollte Karin dann wie immer joggen gehen. Martin würde derweil an seiner digitalen Kartierung historischer Flurformen in OpenStreetMap weiterarbeiten. „Wenn du fertig bist mit rennen, bin ich vermutlich irgendwo im 18. Jahrhundert, im Achendelta am  Südost-Rand des Chiemsees.“

„Sag bloß, du lässt mich dann ganz alleine mit der Gegenwart.“ Sie beschleuderte ihn mit einem gespielt vorwurfsvollen Blick.

„Die Gegenwart ist eh überbewertet“, meinte er und grinste.

Mittagessen war jetzt noch offen. Eventuell vegetarische Weißwürste mit süßem Senf. „Wenn du willst, back ich auch eine Breze. Oder ich versuch es zumindest“, bot Martin an.

„Lieber nicht, ich will nicht, dass du die Küche wieder in eine Mischung aus Bastelwerkstatt und Mittelaltermarkt verwandelst“, sagte Karin. „Aber ich will Weißwürste. Wir lassen es drauf ankommen.“

„Sonntag vielleicht ein Museum?“ fragte er schließlich, während sein Blick einer kleinen Ameise folgte, die über seine Schuhspitze krabbelte, als hätte sie eine Mission.

Karin verzog keine Miene. „Siegsdorf. Mammutmuseum. Sonderausstellung Molassebecken.“

Martin drehte sich leicht zu ihr, als müsse er prüfen, ob sie das ernst meinte. „Das klingt ja nach… Fossilien mit Charme. Schlägst du das mir zuliebe vor?“

Karin zögerte keine Sekunde. „Nein. Ich schlage das der Realität zuliebe vor. Du bist Erdkundelehrer. Ich bin Physikerin. Und draußen regnet’s.“

Dann drehte sie sich zu ihm, ganz leicht, fast zärtlich. „Aber ja – ein bisschen auch dir zuliebe. Damit du wieder mit leuchtenden Augen vor irgendeinem Gesteinsbohrkern stehst und mir erklärst, warum Kieselgur sexy ist.“

Martin lachte. „Ist es doch auch.“

„Ich weiß“, sagte sie. „Deshalb gehen wir ja hin.“

Sie zog wieder die Augenbraue ein wenig hoch, wie sie das tat, wenn sie gleichzeitig Zustimmung und Ironie ausdrücken wollte – ein Gesichtsausdruck, den sie wahrscheinlich im Matheunterricht perfektioniert hatte.

„Ich sag ja: perfekte Kombi.“ Er grinste. „Sedimente schauen, während’s nieselt. Gibt nix Bayerischeres.“

„Aber falls du wieder versuchst, die die Gehäusestruktur eines Ammoniten mit der Entstehung von Spiralgalaxien zu vergleichen – dann tu ich so, als wär ich deine Begleitperson mit medizinischer Indikation.“

„Du bist doch die Astrophysikerin“, grinste Martin.

„Nein. Ich bin Physikerin. Das Universum ist nur, nur… ein Nebenschauplatz.“

Sie streckte die Beine von der Bank, als hätte sie gerade beschlossen, das Gespräch auf Pause zu setzen – aber mit Fußnote.

Sie lächelte – ganz leicht. Ihr Blick blieb in der Ferne hängen, an einem Ast, der zitterte im flachen Licht.

„Tatort am Abend?“ fragte sie schließlich, als würde sie sich selbst daran erinnern müssen.

Martin drehte ein Blatt in den Fingern. „Münster.“

Karin hob die Augenbrauen wie jemand, der auf eine mathematisch absurde Lösung gestoßen ist – aber sie akzeptiert. „Ach, wie ich mich freu.“ Karins Stimme war trocken wie Kreidestaub auf dem Tafelsims. „Börne, Thiel – herrlich. Zwei neurotische Männer mit Beziehungsallergie, die sich gegenseitig therapieren, während die Leichen auskühlen.“

Martin grinste. „Es ist kein Krimi. Es ist… Klamauk.“

„Aber Klamauk mit Haltung.“ Sie verschränkte die Arme, musterte die Sonne wie eine skeptische Wissenschaftlerin, die einen Verdunstungsversuch beäugt. „Immerhin ein Format, in dem man Dialekt sprechen darf, ohne dass es als Regionalquote gilt.“

„Mit Leiche.“

„Mit Stil.“

„Mit Witz.“

„Mit Fußball-Fehlprägung“, ergänzte Martin. „Der Thiel ist Fan von St. Pauli. Völlig untragbar.“

Karin zog eine Braue hoch. „Und die korrekte soziophilosophische Alternative sollen deine Löwen sein?“

„1860 München. Geschichte, Tragik, Stil. Der Club fürs Leben, wenn man es ernst meint.“

Sie schüttelte den Kopf – nicht ablehnend, eher wie jemand, der einen Freund für seinen Irrtum liebgewinnt. Sie sah ihn an, ein bisschen zu lange, um es Zufall zu nennen. Dann:

„Na gut. Wir lassen es drauf ankommen.“ Sie saßen noch einen Moment schweigend nebeneinander. Karin strich mit dem Daumen über die Rückenlehne der Bank. Sie bückte sich nach einer Kastanie, wohl aus dem letzten Herbst noch – sie nahm sie, betrachtete sie, drehte sie hin und her und liess sie schliesslich einfach wieder fallen, wie einen Gedanken, der noch nicht reif war.

So sassen sie noch eine Weile nebeneinander, dann stand sie auf und strich die Hose glatt, die das aber eigentlich gar nicht nötig gehabt hätte. Martin erhob sich ebenfalls und sah zur Gasse hinunter.

„Was brauchen wir denn eigentlich alles?“

„Alles“, sagte sie trocken. „Wir haben nichts mehr. Also: Brot, Gemüse, was Eiweißhaltiges, Quark, vielleicht Linsen… vegetarische Weißwürste?“

Er grinste. „Einmal im Leben muss man…“

„…enttäuscht werden.“

Sie gingen langsam los, Richtung Markt. Die Sonne, das weiche Licht, der Lärm der Woche blätterte wie Hautschuppen nach einem Sonnenbrand von ihnen ab.

„Wir besprechen das doch eigentlich immer vorher“, sagte Karin nach einer Weile. „Und kommen dann schlussendlich mit ganz was anderem heim.“

„Das ist unser System“, sagte Martin. „Das muss so sein.“

„Eigentlich bräuchte man eine Excel-Tabelle“, murmelte sie. „Oder so eine Checkliste. Mit Bulletpoints. Eindeutige Abhakstruktur.“

„Und dann kaufen wir trotzdem das, was uns anlacht.“

„Stimmt.“ Sie nickte. „Eigentlich hast du recht.“

Er schwieg, aber sein Lächeln war eindeutig: Er wusste, dass sie das nicht oft sagte. Aber dass sie es trotzdem oft meinte.

Kapitel 4

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