Farnese II: Wo Neues flüstert

– und das Alte noch nicht weicht

2.1 Die Stadt

Rom lag ausgebreitet wie ein Text, der nur von innen gelesen werden konnte. Nicht von oben, nicht mit Feder, nicht mit einem Wappen auf dem Siegellack sondern zu Fuß. Also ging Farnese. Er war früh aufgebrochen. Noch war der Palast still gewesen und das Personal war mit sich selbst beschäftigt gewesen. Die Schatten waren lang von der aufgehenden Sonne. Er trug ein dunkles Gewand, schlicht aber von gutem Stoff. Nichts Markantes. Und doch verriet ihn sein Gang und die Art wie er auf Unebenheiten reagierte, wie er die Augen hob ohne die Stirn zu bewegen. Rom kannte solche Männer.

Er ging langsam und ohne Ziel. Der Wind war ungewöhnlich warm für die frühe Stunde. Er trug Gerüche von gebranntem Öl, von Feigen, von einem Markt der gerade in einer Seitengasse aufgebaut wurde. Brot, Knoblauch, Fisch. Ein Hahn schrie irgendwo, ein Wächter rief einen Namen. Dazwischen Glocken. Immer wieder Glocken.

Farnese trat an einen kleinen Platz. Dort stand ein Brunnen stand in der Mitte und das Wasser plätscherte klar. Er trank einen Schluck. Drei Kinder spieltenrund um den Brunnen. Sie warfen nasse Lappen aufeinander und lachten in kurzen, keckernden und hellen Tönen. Wie laut ein Lachen sein kann, dachte er. Wie es in Mauern schneiden kann. Und wie wenig dieses Lachen danach fragt, warum es da ist.

Er blieb stehen weil er etwas spürte. Er wusste nicht was es war, aber da war etwas. Der Platz war klein, die Mauern eng. Es war als würde etwas Altes, etwas Überkommenes, etwas Verkrustetes hier kleiner werden. Ein älterer Mann saß auf einer Treppenstufe. Er hatte die Hände über einem Stock gefaltet. Er sah Farnese nicht an aber seine Augen blickten in dieselbe Richtung. Auf die Kinder. Oder auch darüber hinaus. Farnese konnte es nicht sagen. Wie lange dauert es bis ein Blick endlich aufhört etwas zu wollen? fragte sich Farnese. Und wann beginnt er dann einfach nur zu sehen?

Er ging weiter durch einen Bogen hindurch in eine schmale Gasse. Von oben spannte sich eine Wäscheleine zur nächsten Wand. Hemden, Tücher, ein rotes Kleid und der Stoff bewegte sich leicht als würde er ihn grüßen. Manche Dinge wissen gar nicht, dass sie schön sind. Hinter dem Gitter eines Fensters brannte eine Kerze und das obwohl Tag war. Farnese blieb stehen. Eine Frauenstimme betete leise. Er verstand kein Wort. Und doch war ihm der Klang vertraut, nicht ihre Stimme oder die Wörter sondern das was in ihr bebte.

Am Ende der Gasse bog er dann in eine breitere Straße. Mehr Menschen hier. Händler, Pferde, Karren mit Gemüse. Ein Kutscher fluchte leise vor sich hin während er ein kaputtes Rad untersuchte. Daneben ein Mann in grober Kutte, der auf einer Kiste stand und predigte. Kein Priester sondern ein Wanderredner, vielleicht irgendein ein Bußprediger. Die Leute hörten ihm nur halb zu. Und der Mann sprach nicht zu ihnen, sondern er schien seine Stimme gegen das Geräusch der Stadt anzuheben. Auch das ist ein Glaube, dachte Farnese. Worte zu schleudern als könne man damit den Lärm übertönen.

Er ließ die Szene hinter sich. Seine Schritte wurden langsamer. Vor ihm lag ein kleiner Platz mit einer Kapelle am Rand. Es war kein berühmter Ort. Kein Pilgerziel. Bei der Kapelle handelte es sich nur um einen kleinen, unscheinbaren Bau aus hellem Tuffstein. Das Dach war mit grünem Efeu bewachsen. Eine Frau kniete davor. Sie hatte den Kopf geneigt und betete. Ihr Mund formte stimmlose Worte in Richtung eines Freskos. Über der Tür war das Fresko. Verwittert und kaum noch zu erkennen. Vielleicht war es Maria, vielleicht aber auch irgendein Heiliger. Die Farben waren verblasst, aber irgend etwas hielt Farnese bei der Szene. Wäre ich nicht Kardinal sondern irgend jemand – würde ich hier knien? fragte er sich. Ist es nur die Gnade der Unbekannten, dass sie sich klein machen können vor dem, was sie erhoffen?

Ein junger Mann trat aus dem Schatten der Kapelle. Einfach gekleidet. Er hatte ein Buch unter dem Arm. Er sah Farnese aber er erkannte ihn nicht als Kardinal. Es war ein Blick, der sagte „ich sehe dich aber ich will nichts von dir.“ Farnese nickte ihm kaum merklich zu. Der Mann ging weiter. Dann ging auch er weiter.

Und so kam er in die Nähe des Hauses der Gesellschaft Jesu. Er blieb dort nicht stehen. Noch nicht. Aber in ihm war ein Satz aufgestiegen, den er nicht gedacht hatte: Wenn ich morgen zurückkehren würde – wäre ich dann derselbe?

Und der Wind antwortete nicht. Aber etwas hatte sich verschoben.

2.2 Das Gespräch

Der Hof in den Farnese trat öffnete sich nicht wie ein Platz sondern eher wie ein innerer Raum, den man betritt wenn man schon eine Weile gegangen ist – im Schweigen, in jenem leisen Vorwärts das weniger mit Ziel als mit Bereitschaft zu tun hat. So stand er nun da, einen Moment lang noch unter dem steinernen Bogen. Dieser war von alter Hitze durchwärmt war als hätte sich die Sonne den ganzen Tages in ihm gesammelt.

Links und rechts standen Zitronenbäume, alt und schief gewachsen, jedoch voller Leben. Ihre Blätter waren tiefgrün und leicht eingerollt an den Rändern, von Staub überzogen wie mit einem Schleier versehen. Über all dem lag ein Geruch, der nicht aufdringlich war. Eher schwebte er wie eine Mischung aus Zitrusschale, warmem Stein und feuchtem Holz. Auch eine Spur von Leder und Papier lag in der Luft als hätte jemand eben noch ein Buch geschlossen.

In der Mitte des Hofes stand ein Brunnen, niedrig wr er und aus Travertin gebaut. Das Wasser darin war kaum bewegt, nur manchmal kräuselten sich kleine Ringe auf der Oberfläche wenn ein Zitronenblatt sich löste und lautlos im Wasser landete. Farnese hörte ihn aber doch diesen Laut, der eigentlich ein Laut war sondern eher ein winziges Ereignis in der Ordnung der Dinge, ein Hauch von Veränderung.

Ein Mann trat jetzt aus einem Seitenbogen. Er war klein von Statur, aufrecht, langsam gehend aber doch mit einer Präsenz, die aus seinem Inneren zu kommen schien – Diego Laínez.

Er trug kein besonderes Gewand und doch hätte niemand ihn übersehen können. Sein Gesicht trug jene Mischung aus Müdigkeit und Helligkeit, die nur Menschen haben, die wirklich sehr viel gesehen haben und dennoch darüber richteten. Seine Augen – Farnese bemerkte das sofort – waren nicht dunkel, nicht hell sondern von einer Farbe, die sich dem Blick entzog wie ein Spiegel, der kein Bild festhält, sondern der zurückwirft was man selbst hineinlegt.

„Eminenz“, sagte Laínez, und seine Stimme hatte einen Ton, der Farnese an alte Holzblasinstrumente erinnerte. Warm, trocken, leicht angeraut, dabei aber von einer Tiefe, die erst langsam spürbar wird. „Sie sehen mit den Augen eines Mannes, der nicht sucht aber bereit ist zu finden.“

Farnese antwortete nicht sofort. Er hatte nicht erwartet, angesprochen zu werden, zumindest nicht so ruhig und so direkt. „Ist es denn nicht die Aufgabe eines jeden, das zu sehen was da ist?“ Fragte er dann und seine Stimme klang heller als er gewollt hatte.

Laínez setzte sich auf eine steinerne Bank unter dem Zitronenbaum. Er wirkte ein wenig wie jemand der sich nicht zum Gespräch niederlässt, sondern um zuzuhören und der nur spricht wenn seine innere Stille es ihm erlaubt. Doch er sagte ohne lange zu überlegen: „Nein. Die meisten sehen nur das was sie zu sehen erwarten.“

Ein Blatt fiel, drehte sich in der Luft, berührte den Wasserfilm im Brunnen und trieb dann richtungslos auf der Oberfläche. Farnese trat näher. Er spürte, dass hier kein Platz für Nähe im weltlichen Sinne war sondern eher ein Ort in dem Zwischenraum nicht Trennung bedeutete sondern Möglichkeit. „Und was ist, wenn man beides nicht sehen will, weder das Erwartete, noch das Unbekannte?“ Fragte er.

Laínez lächelte nicht, doch seine Augen taten es sanft und kaum merklich. „Dann steht man genau dort, wo Gott spricht“, sagte er. Er streckte die Hand aus und pflückte eine kleine Zitrone, wie um das Gesagte mit einem Bild zu versehen. Er rieb sie zwischen den Fingern bis das ätherische Öl austrat und die Luft zwischen ihnen süß und scharf zugleich wurde. „Manchmal ist es solch ein Geruch“, sagte er, „der mich an die Gegenwart erinnert.“

Farnese setzte sich, langsam wie jemand, der noch nicht weiß ob er bleiben darf. „Sie haben Rom von unten her gesehen“, sagte er, „ich seit ich denken kann nur von oben.“

Laínez antwortete nicht gleich. Er ließ die Worte im Hof unter dem Zitronenbaum stehen, so als müssten sie sich erst einen Ort in ihm suchen. Dann sagte er: „Aber heute sind Sie gegangen, Eminenz. Nicht als Kardinal sondern als Mensch. Und der Stein unter Ihren Füßen hat es wohl bemerkt.“

Farnese schloss die Augen. Was habe ich gehört? Was war das, was mich trieb? War es sein Leben, das ihn ermüdete? Oder war es doch ein unbestimmtes Sehnen? „Ich weiß nicht auf was ich gehört habe als ich losgegangen bin“, sagte er.

Laínez nickte. „Man geht aber nicht, wenn man nicht gerufen wird. Auch wenn man vielleicht den Ruf noch nicht versteht.“ Dann biss er in die Zitrone. Farnese beobachtete, wie sich sein Gesicht kaum verzog. Ein kurzes Zucken der Wange, sonst nichts.

„Süße“, sagte Laínez. „Am Rand. Für einen Moment. Dann zieht sich aber alles zusammen.“ Er kaute langsam und fast nachdenklich.

„Ist das eine Lehre?“ fragte Farnese.

„Nein“, sagte Laínez. „Nur Erinnerung. An das, was bleibt wenn der Geschmack vergeht.“

Und dann nach einer längeren Pause: „Ich habe alles“, sagte Farnese, „und doch spüre ich, dass mir etwas fehlt. Ist das Arroganz?“

Laínez blickte ihn an. Lange. „Nein“, sagte er. „Das ist Gnade.“ Er erhob sich, schüttelte das restliche Zitronenöl von den Fingern, wie ein Maler, der die Farbe aufgibt, wenn das Bild fertig ist. „Sie müssen nichts entscheiden“, sagte er, „nicht heute und nicht morgen. Aber hören Sie nicht damit auf zuzuhören.“ Dann ging er.

Farnese blieb. Er roch noch immer das Öl. Er hörte den Brunnen der kaum klang und dennoch alles sagte.nEr spürte auf seiner Zunge eine Ahnung von Säure und von Süße. Und irgendwo in seinem Inneren wuchs ein Satz den er gar nicht gedacht hatte:

Was geschieht wenn die Stille zu antworten beginnt?

2.3 Das Buch

Der Raum war klein, fast unscheinbar und Farnese hätte ihn kaum bemerkt wäre er nicht im Gehen langsamer geworden. Hätte sein Blick nicht einen Spalt in der Wand entdeckt, durch den ein weiches Licht fiel. Es war ein Licht das nicht auf sich aufmerksam machte aber das dennoch da war wie der Duft eines alten Parfums den man nicht roch, sondern den man plötzlich schon in sich trug.

Ein junger Jesuit stand dort. Er war allein und hatte die Hände auf einem schmalen Pult, so als wollte er gerade etwas aufschreiben. Oder kämpfte er dagegen, dem eigenen Denken Form zu geben? Als er Farnese sah, richtete er sich auf und verbeugte sich knapp. „Wenn Sie wünschen, Eminenz“, sagte er leise, „hier liegen einige Texte, die… nah sind.“

Farnese trat ein und zog den Mantel etwas enger um die Schultern. Ihm war nicht kalt aber die Luft war hier anders. Wärmer, ja, aber auch dichter. Als hätte das Zimmer Worte gespeichert die nicht mehr gesprochen werden müssen, weil sie im Holz, im Papier, in den Seiten der Bücher lebten.

Er trat an das Pult heran. Die Handschrift war ruhig und aufrecht, fast zärtlich in der Linie. Kein Ornament, keine Eitelkeit, dafür Sorgfalt. Er schlug das erste Blatt auf. Es war ein Brief von Pierre Favre an einen jüngeren Bruder im Orden.

„Lerne, auf die kleinen Regungen deiner Seele zu achten, als wären es Tropfen Tau auf einer Blüte am frühen Morgen. Das Große kommt nicht durch das Große sondern durch das Wahrnehmen des Kleinen.“

Wie weich dieser Satz klingt. Wie wenig er braucht, um zu bleiben. Ich habe bisher nur auf Wirkungen geachtet – vielleicht ist das Hören selbst schon Wirkung genug. Er las weiter.

„Sprich nicht zuerst zu den Menschen, sondern zum Herzen das in ihnen bereit ist. Und wenn du spürst, dass es noch nicht antwortet, dann bleib bei ihm, nicht bei deiner Stimme.“

Farnese hielt inne. Er legte die Finger an die Schläfe als ob er horchen würde. Dann legte er den Finger wieder auf das Papier. Ich habe gelernt zu sprechen. Ich wurde ausgebildet im Ton, in der Geste, im Moment. Aber ich spüre, dass mein Blick oft schneller ist als mein Hören. Er blätterte um. Das Pergament war dick, leicht gewellt und an den Rändern ungleich geschnitten. Die nächste Seite: ein Ausschnitt aus den Exercitia spiritualia. Ignatius:

„Ordne dich bevor du handelst. Ordne deine Gedanken bevor du redest. Ordne dein Ziel bevor du betest. Die Unordnung beginnt dort wo die Absicht sich nicht bekennen will.“

Das ist kein Trost. Das ist Form. Und ich verstehe, warum dieser Mann nicht weich sein will. Er will wahr sein. Aber was ist, wenn ich beides suche?

„Die Seele ist nicht eine Flamme, die du entfachst sondern ein Feuer, das dich verbrennt, wenn du nicht lernst es zu tragen.“

Farnese schloss die Augen. Er sah nicht mehr die Schrift. Er sah sich selbst im roten Purpur, im Spiegel, im Gespräch, auf der Straße. Er sah sich hören. Und spürte, dass das, was er da in Händen hielt nicht nur ein Buch war, sondern eine andere Art zu sein. Er atmete durch die Nase. Das Papier roch nach Tierhaut und nach Tinte, sogar nach den Händen dessen, der es geschrieben hatte roch es. Ein feiner Hauch von Wacholder – oder war das nur Erinnerung?

Er hob den Blick. Ein Staubkorn tanzte im Licht. Langsam, still, schwerelos. Ich bin bereit, nicht zu wissen. Ich bin bereit, zu lesen ohne zu begreifen. Ich bin bereit, mich berühren zu lassen ohne sofort zu antworten. Er nahm das Buch und legte es vorsichtig zurück auf das Pult. Die Seiten hatten sich nicht bewegt aber etwas in ihm war nicht mehr dort wo es vor dem Lesen gewesen war. Er blieb noch stehen, während draußen die Glocke einer Kapelle begann die Vesper einzuläuten. Der Ton war fern, gedämpft, aber durchdringend wie ein Ruf, der nicht schreit.

Farnese legte die Hand auf das Buch, ein letztes Mal. Dann sagte er eher zu sich, vielleicht auch zum Raum: Wenn das Wort Fleisch geworden ist, dann beginnt das Lesen vielleicht mit einer Berührung. Und seine Hand blieb liegen. Noch einen Atemzug lang.

2.4 Die Unruhe

Die Nacht war nicht schwarz. Sie war von jenem matten Grau, das entsteht wenn das Licht der Stadt nicht verlöscht, sondern sich in Kuppeln, Ziegeln und Dächern bricht bis es wie ein matter Atem durch die Fenster dringt. Alessandro Farnese saß in seinem Schreibzimmer, das Fenster leicht geöffnet, eine Kerze auf dem Tisch. Sie flackerte nicht aber in ihrer Flamme trug sie eine unruhige Mitte als wäre auch sie im Zweifel ob sie nun leuchten oder vergehen solle.

Der Tisch war bedeckt mit Papieren, gestapelt, gefaltet, geöffnet, einige sorgsam geordnet, anderedagegen achtlos zurückgelegt. Unter ihnen war auch ein Schreiben mit dem Siegel des Konzils von Trient, dickes Pergament, der Rand rot eingefasst, die Worte in lateinischer Klarheit gesetzt. Schmucklos und von einer Schärfe, die keinen Raum ließ für höfische Glätte.

Farnese hatte den Text bereits zweimal gelesen. Er kannte die Formulierungen. Er wusste was sie bedeuteten. Aber jetzt, in dieser Stunde las er sie nicht mehr als Kardinal sondern als ein Mann, der begonnen hatte sich selbst zu hören. Und er entdeckte darin Worte die nicht mehr erklärten, sondern entblößten.

„…damit die Ämter der Kirche nicht länger Werkzeuge persönlichen Vorteils seien, sondern Orte geistlicher Verantwortung…“
„…die Bischöfe sollen anwesend sein in ihren Diözesen, und das Volk in ihrer Nähe wissen…“
„…kein Priester solle über Güter verfügen wie ein Fürst…“

Er lehnte sich zurück, die Hand auf der Tischkante, die Finger leicht gespreizt als würden sie tasten wollen ob der Boden unter der Sprache noch vorhanden war. Ich bin durch diese Struktur hindurch gewachsen wie ein Baum durch ein Gitter nicht weil ich wollte, sondern weil ich darin geboren wurde, dachte er, aber jetzt sehe ich, dass das Gitter längst rostet und meine Äste wachsen weiter. Sein Blick glitt zum Fenster.

In der Ferne klang eine Glocke mit einer Klarheit, die sich wie ein Schnitt in der Stille wirkte. Die Reformer sind nicht meine Feinde, dachte er, sie sind die Stimme eines Schmerzes, den wir zu lange hinter Marmorfassaden gedämpft haben. Sie werfen keine Steine diese Reformer sondern sie zeigen auf Wunden. Und ich kann einfach nicht mehr länger behaupten, sie nicht zu sehen.

Er stand auf. Langsam. Seine Knie schmersten. Er trat ans Fenster und sah auf die Stadt, die in dunklen Farbtönen ruhte aber mit Lichtpunkten die flimmerten wie Fragen, die nicht mehr zu vertreiben waren.

Trient ist kein Angriff, es ist ein Spiegel. Und ich beginne zu erkennen, dass mein Gesicht in diesem Spiegel nicht verurteilt werden sollte sondern dass ich endlich erwachen sollte.

Er ging zurück zum Tisch und legte die Hand auf das Konzilsdokument. Er ließ sie dort ruhen, wie zuvor auf dem Buch der Jesuiten, nur diesmal nicht mit Ehrfurcht sondern mit einem Gefühl der Verantwortung. Was ich jetzt bin, wurde mir gegeben. Was ich aber werde, das muss ich selbst wählen. Die Kerze knisterte leise. Der Schatten an der Wand verzog sich.

Und in seinem Innersten, ganz nah an der Stelle wo der Wille geboren wird da zog etwas an ihm wie ein neuer Takt: langsamer, schwerer, aber wahr.

2.5 – Das Schweigen

Wir treten näher in die Geschichte.

Der Korridor war lang. Er lag im Ostflügel des Hauses, kaum begangen, ein Durchgang. Und doch war Farnese hier. Alleine, kurz nach Sonnenaufgang. Die Fliesen unter seinen Füßen hatten jene unentschiedene Farbe zwischen Elfenbein und Asche, der Putz war stellenweise abgeplatzt, der Wandfries aus verblichenem Blau.

Das Licht fiel schräg durch ein schmales Fenster. Es war nicht hell. Eher tastend. Von rechts oben. Ein Licht das öffnete. Er stand dortabsichtslos. Die Hände am Rücken verschränkt weil sie genau dorthin gehörten, heute, jetzt, in diesem Moment.

Ein alter Mann ging den Korridor entlang. Langsam. Mit gebeugten Schultern. Er ging an Farnese vorbei ohne ihn anzusehen. Doch in diesem Gehen, in dieser unbeirrbaren Bewegung lag etwas das mehr sagte als jedes Wort. So geht einer der nicht mehr fragt wohin und warum. So geht man wenn man lange genug gewesen ist, um einfach nur noch zu sein. Farnese atmete aus. Er bewegte sich nicht.

Dann kam eine junge Frau. Ihr Schritt war fast schwebend. Sie trug ein Tuch über dem Haar und in ihrer Bewegung lag eine Selbstverständlichkeit als gehöre sie nicht der Zeit sondern nur dem Rhythmus den ihr Körper lebte. Sie trug einen Korb mit Leinen, den sie an der Hüfte balancierte. Als sie an ihm vorbeiging hob sie kurz den Blick. Kein Lächeln. Nur ein Moment des Erkennens ohne Konsequenz. Wie schön sie ist, dachte Farnese, nicht weil sie auffällt sondern weil sie nicht um Aufmerksamkeit bittet. Der Geruch von getrocknetem Lavendel stieg aus dem Korb. Er blieb zurück und sie war längst gegangen.

Schließlich zwei Kinder. Ein Junge und ein Mädchen. Etwa sechs, sieben Jahre alt. Sie rannten. Fast lautlos. Und doch war ihr Lachen ein Echo das sich im Raum hielt. Sie trugen nichts bei sich. Nur sich selbst. Sie rannten und hielten inne als sie ihn sahen. Nicht aus Respekt. Sondern aus Neugier. Dann lachten sie wieder, nickten knapp und liefen weiter.

Und da, in diesem Moment, spürte Farnese etwas, das er nicht benennen konnte aber das sich in ihm festsetzte wie ein leichtes Zittern. Der Alte, die Frau, die Kinder. Die Zeit, die Bewegung, das Dazwischen. Die Nähe, die sich nicht aufdrängt. Die Schönheit, die nicht ruft.

Er schloss kurz die Augen.Und wir, wir als Barock, wir standen hinter ihm. Noch nicht sichtbar aber schon da. In seinem Nacken ein Hauch. In seinem Brustbein ein Ton, nicht laut genug um schon zu klingen aber hörbar genug um zu bleiben.

Und dann geschah es. Er hörte auf, zu denken und er begann zu sehen. Nicht mit den Augen. Mit etwas anderem. Etwas, das sich gerade erst zu formen begann. Und wir blieben bei ihm. Still. Aber nahe.

Und so endet Farnese II: Wo Neues flüstert und das Alte nch nicht weicht


Farnese: Überblick

Farnese I – Ein Kind trägt Purpur

Farnese II – Wo Neues flüstert

Farnese III – Farnese baut

Farnese IV – Der Raum atmet

Farnese V – Wenn die Form wandert

Farnese II: Wo Neues flüstert

– und das Alte noch nicht weicht

2.1 Die Stadt

Rom lag ausgebreitet wie ein Text, der nur von innen gelesen werden konnte. Nicht von oben, nicht mit Feder, nicht mit einem Wappen auf dem Siegellack sondern zu Fuß. Also ging Farnese. Er war früh aufgebrochen. Noch war der Palast still gewesen und das Personal war mit sich selbst beschäftigt gewesen. Die Schatten waren lang von der aufgehenden Sonne. Er trug ein dunkles Gewand, schlicht aber von gutem Stoff. Nichts Markantes. Und doch verriet ihn sein Gang und die Art wie er auf Unebenheiten reagierte, wie er die Augen hob ohne die Stirn zu bewegen. Rom kannte solche Männer.

Er ging langsam und ohne Ziel. Der Wind war ungewöhnlich warm für die frühe Stunde. Er trug Gerüche von gebranntem Öl, von Feigen, von einem Markt der gerade in einer Seitengasse aufgebaut wurde. Brot, Knoblauch, Fisch. Ein Hahn schrie irgendwo, ein Wächter rief einen Namen. Dazwischen Glocken. Immer wieder Glocken.

Farnese trat an einen kleinen Platz. Dort stand ein Brunnen stand in der Mitte und das Wasser plätscherte klar. Er trank einen Schluck. Drei Kinder spieltenrund um den Brunnen. Sie warfen nasse Lappen aufeinander und lachten in kurzen, keckernden und hellen Tönen. Wie laut ein Lachen sein kann, dachte er. Wie es in Mauern schneiden kann. Und wie wenig dieses Lachen danach fragt, warum es da ist.

Er blieb stehen weil er etwas spürte. Er wusste nicht was es war, aber da war etwas. Der Platz war klein, die Mauern eng. Es war als würde etwas Altes, etwas Überkommenes, etwas Verkrustetes hier kleiner werden. Ein älterer Mann saß auf einer Treppenstufe. Er hatte die Hände über einem Stock gefaltet. Er sah Farnese nicht an aber seine Augen blickten in dieselbe Richtung. Auf die Kinder. Oder auch darüber hinaus. Farnese konnte es nicht sagen. Wie lange dauert es bis ein Blick endlich aufhört etwas zu wollen? fragte sich Farnese. Und wann beginnt er dann einfach nur zu sehen?

Er ging weiter durch einen Bogen hindurch in eine schmale Gasse. Von oben spannte sich eine Wäscheleine zur nächsten Wand. Hemden, Tücher, ein rotes Kleid und der Stoff bewegte sich leicht als würde er ihn grüßen. Manche Dinge wissen gar nicht, dass sie schön sind. Hinter dem Gitter eines Fensters brannte eine Kerze und das obwohl Tag war. Farnese blieb stehen. Eine Frauenstimme betete leise. Er verstand kein Wort. Und doch war ihm der Klang vertraut, nicht ihre Stimme oder die Wörter sondern das was in ihr bebte.

Am Ende der Gasse bog er dann in eine breitere Straße. Mehr Menschen hier. Händler, Pferde, Karren mit Gemüse. Ein Kutscher fluchte leise vor sich hin während er ein kaputtes Rad untersuchte. Daneben ein Mann in grober Kutte, der auf einer Kiste stand und predigte. Kein Priester sondern ein Wanderredner, vielleicht irgendein ein Bußprediger. Die Leute hörten ihm nur halb zu. Und der Mann sprach nicht zu ihnen, sondern er schien seine Stimme gegen das Geräusch der Stadt anzuheben. Auch das ist ein Glaube, dachte Farnese. Worte zu schleudern als könne man damit den Lärm übertönen.

Er ließ die Szene hinter sich. Seine Schritte wurden langsamer. Vor ihm lag ein kleiner Platz mit einer Kapelle am Rand. Es war kein berühmter Ort. Kein Pilgerziel. Bei der Kapelle handelte es sich nur um einen kleinen, unscheinbaren Bau aus hellem Tuffstein. Das Dach war mit grünem Efeu bewachsen. Eine Frau kniete davor. Sie hatte den Kopf geneigt und betete. Ihr Mund formte stimmlose Worte in Richtung eines Freskos. Über der Tür war das Fresko. Verwittert und kaum noch zu erkennen. Vielleicht war es Maria, vielleicht aber auch irgendein Heiliger. Die Farben waren verblasst, aber irgend etwas hielt Farnese bei der Szene. Wäre ich nicht Kardinal sondern irgend jemand – würde ich hier knien? fragte er sich. Ist es nur die Gnade der Unbekannten, dass sie sich klein machen können vor dem, was sie erhoffen?

Ein junger Mann trat aus dem Schatten der Kapelle. Einfach gekleidet. Er hatte ein Buch unter dem Arm. Er sah Farnese aber er erkannte ihn nicht als Kardinal. Es war ein Blick, der sagte „ich sehe dich aber ich will nichts von dir.“ Farnese nickte ihm kaum merklich zu. Der Mann ging weiter. Dann ging auch er weiter.

Und so kam er in die Nähe des Hauses der Gesellschaft Jesu. Er blieb dort nicht stehen. Noch nicht. Aber in ihm war ein Satz aufgestiegen, den er nicht gedacht hatte: Wenn ich morgen zurückkehren würde – wäre ich dann derselbe?

Und der Wind antwortete nicht. Aber etwas hatte sich verschoben.

2.2 Das Gespräch

Der Hof in den Farnese trat öffnete sich nicht wie ein Platz sondern eher wie ein innerer Raum, den man betritt wenn man schon eine Weile gegangen ist – im Schweigen, in jenem leisen Vorwärts das weniger mit Ziel als mit Bereitschaft zu tun hat. So stand er nun da, einen Moment lang noch unter dem steinernen Bogen. Dieser war von alter Hitze durchwärmt war als hätte sich die Sonne den ganzen Tages in ihm gesammelt.

Links und rechts standen Zitronenbäume, alt und schief gewachsen, jedoch voller Leben. Ihre Blätter waren tiefgrün und leicht eingerollt an den Rändern, von Staub überzogen wie mit einem Schleier versehen. Über all dem lag ein Geruch, der nicht aufdringlich war. Eher schwebte er wie eine Mischung aus Zitrusschale, warmem Stein und feuchtem Holz. Auch eine Spur von Leder und Papier lag in der Luft als hätte jemand eben noch ein Buch geschlossen.

In der Mitte des Hofes stand ein Brunnen, niedrig wr er und aus Travertin gebaut. Das Wasser darin war kaum bewegt, nur manchmal kräuselten sich kleine Ringe auf der Oberfläche wenn ein Zitronenblatt sich löste und lautlos im Wasser landete. Farnese hörte ihn aber doch diesen Laut, der eigentlich ein Laut war sondern eher ein winziges Ereignis in der Ordnung der Dinge, ein Hauch von Veränderung.

Ein Mann trat jetzt aus einem Seitenbogen. Er war klein von Statur, aufrecht, langsam gehend aber doch mit einer Präsenz, die aus seinem Inneren zu kommen schien – Diego Laínez.

Er trug kein besonderes Gewand und doch hätte niemand ihn übersehen können. Sein Gesicht trug jene Mischung aus Müdigkeit und Helligkeit, die nur Menschen haben, die wirklich sehr viel gesehen haben und dennoch darüber richteten. Seine Augen – Farnese bemerkte das sofort – waren nicht dunkel, nicht hell sondern von einer Farbe, die sich dem Blick entzog wie ein Spiegel, der kein Bild festhält, sondern der zurückwirft was man selbst hineinlegt.

„Eminenz“, sagte Laínez, und seine Stimme hatte einen Ton, der Farnese an alte Holzblasinstrumente erinnerte. Warm, trocken, leicht angeraut, dabei aber von einer Tiefe, die erst langsam spürbar wird. „Sie sehen mit den Augen eines Mannes, der nicht sucht aber bereit ist zu finden.“

Farnese antwortete nicht sofort. Er hatte nicht erwartet, angesprochen zu werden, zumindest nicht so ruhig und so direkt. „Ist es denn nicht die Aufgabe eines jeden, das zu sehen was da ist?“ Fragte er dann und seine Stimme klang heller als er gewollt hatte.

Laínez setzte sich auf eine steinerne Bank unter dem Zitronenbaum. Er wirkte ein wenig wie jemand der sich nicht zum Gespräch niederlässt, sondern um zuzuhören und der nur spricht wenn seine innere Stille es ihm erlaubt. Doch er sagte ohne lange zu überlegen: „Nein. Die meisten sehen nur das was sie zu sehen erwarten.“

Ein Blatt fiel, drehte sich in der Luft, berührte den Wasserfilm im Brunnen und trieb dann richtungslos auf der Oberfläche. Farnese trat näher. Er spürte, dass hier kein Platz für Nähe im weltlichen Sinne war sondern eher ein Ort in dem Zwischenraum nicht Trennung bedeutete sondern Möglichkeit. „Und was ist, wenn man beides nicht sehen will, weder das Erwartete, noch das Unbekannte?“ Fragte er.

Laínez lächelte nicht, doch seine Augen taten es sanft und kaum merklich. „Dann steht man genau dort, wo Gott spricht“, sagte er. Er streckte die Hand aus und pflückte eine kleine Zitrone, wie um das Gesagte mit einem Bild zu versehen. Er rieb sie zwischen den Fingern bis das ätherische Öl austrat und die Luft zwischen ihnen süß und scharf zugleich wurde. „Manchmal ist es solch ein Geruch“, sagte er, „der mich an die Gegenwart erinnert.“

Farnese setzte sich, langsam wie jemand, der noch nicht weiß ob er bleiben darf. „Sie haben Rom von unten her gesehen“, sagte er, „ich seit ich denken kann nur von oben.“

Laínez antwortete nicht gleich. Er ließ die Worte im Hof unter dem Zitronenbaum stehen, so als müssten sie sich erst einen Ort in ihm suchen. Dann sagte er: „Aber heute sind Sie gegangen, Eminenz. Nicht als Kardinal sondern als Mensch. Und der Stein unter Ihren Füßen hat es wohl bemerkt.“

Farnese schloss die Augen. Was habe ich gehört? Was war das, was mich trieb? War es sein Leben, das ihn ermüdete? Oder war es doch ein unbestimmtes Sehnen? „Ich weiß nicht auf was ich gehört habe als ich losgegangen bin“, sagte er.

Laínez nickte. „Man geht aber nicht, wenn man nicht gerufen wird. Auch wenn man vielleicht den Ruf noch nicht versteht.“ Dann biss er in die Zitrone. Farnese beobachtete, wie sich sein Gesicht kaum verzog. Ein kurzes Zucken der Wange, sonst nichts.

„Süße“, sagte Laínez. „Am Rand. Für einen Moment. Dann zieht sich aber alles zusammen.“ Er kaute langsam und fast nachdenklich.

„Ist das eine Lehre?“ fragte Farnese.

„Nein“, sagte Laínez. „Nur Erinnerung. An das, was bleibt wenn der Geschmack vergeht.“

Und dann nach einer längeren Pause: „Ich habe alles“, sagte Farnese, „und doch spüre ich, dass mir etwas fehlt. Ist das Arroganz?“

Laínez blickte ihn an. Lange. „Nein“, sagte er. „Das ist Gnade.“ Er erhob sich, schüttelte das restliche Zitronenöl von den Fingern, wie ein Maler, der die Farbe aufgibt, wenn das Bild fertig ist. „Sie müssen nichts entscheiden“, sagte er, „nicht heute und nicht morgen. Aber hören Sie nicht damit auf zuzuhören.“ Dann ging er.

Farnese blieb. Er roch noch immer das Öl. Er hörte den Brunnen der kaum klang und dennoch alles sagte.nEr spürte auf seiner Zunge eine Ahnung von Säure und von Süße. Und irgendwo in seinem Inneren wuchs ein Satz den er gar nicht gedacht hatte:

Was geschieht wenn die Stille zu antworten beginnt?

2.3 Das Buch

Der Raum war klein, fast unscheinbar und Farnese hätte ihn kaum bemerkt wäre er nicht im Gehen langsamer geworden. Hätte sein Blick nicht einen Spalt in der Wand entdeckt, durch den ein weiches Licht fiel. Es war ein Licht das nicht auf sich aufmerksam machte aber das dennoch da war wie der Duft eines alten Parfums den man nicht roch, sondern den man plötzlich schon in sich trug.

Ein junger Jesuit stand dort. Er war allein und hatte die Hände auf einem schmalen Pult, so als wollte er gerade etwas aufschreiben. Oder kämpfte er dagegen, dem eigenen Denken Form zu geben? Als er Farnese sah, richtete er sich auf und verbeugte sich knapp. „Wenn Sie wünschen, Eminenz“, sagte er leise, „hier liegen einige Texte, die… nah sind.“

Farnese trat ein und zog den Mantel etwas enger um die Schultern. Ihm war nicht kalt aber die Luft war hier anders. Wärmer, ja, aber auch dichter. Als hätte das Zimmer Worte gespeichert die nicht mehr gesprochen werden müssen, weil sie im Holz, im Papier, in den Seiten der Bücher lebten.

Er trat an das Pult heran. Die Handschrift war ruhig und aufrecht, fast zärtlich in der Linie. Kein Ornament, keine Eitelkeit, dafür Sorgfalt. Er schlug das erste Blatt auf. Es war ein Brief von Pierre Favre an einen jüngeren Bruder im Orden.

„Lerne, auf die kleinen Regungen deiner Seele zu achten, als wären es Tropfen Tau auf einer Blüte am frühen Morgen. Das Große kommt nicht durch das Große sondern durch das Wahrnehmen des Kleinen.“

Wie weich dieser Satz klingt. Wie wenig er braucht, um zu bleiben. Ich habe bisher nur auf Wirkungen geachtet – vielleicht ist das Hören selbst schon Wirkung genug. Er las weiter.

„Sprich nicht zuerst zu den Menschen, sondern zum Herzen das in ihnen bereit ist. Und wenn du spürst, dass es noch nicht antwortet, dann bleib bei ihm, nicht bei deiner Stimme.“

Farnese hielt inne. Er legte die Finger an die Schläfe als ob er horchen würde. Dann legte er den Finger wieder auf das Papier. Ich habe gelernt zu sprechen. Ich wurde ausgebildet im Ton, in der Geste, im Moment. Aber ich spüre, dass mein Blick oft schneller ist als mein Hören. Er blätterte um. Das Pergament war dick, leicht gewellt und an den Rändern ungleich geschnitten. Die nächste Seite: ein Ausschnitt aus den Exercitia spiritualia. Ignatius:

„Ordne dich bevor du handelst. Ordne deine Gedanken bevor du redest. Ordne dein Ziel bevor du betest. Die Unordnung beginnt dort wo die Absicht sich nicht bekennen will.“

Das ist kein Trost. Das ist Form. Und ich verstehe, warum dieser Mann nicht weich sein will. Er will wahr sein. Aber was ist, wenn ich beides suche?

„Die Seele ist nicht eine Flamme, die du entfachst sondern ein Feuer, das dich verbrennt, wenn du nicht lernst es zu tragen.“

Farnese schloss die Augen. Er sah nicht mehr die Schrift. Er sah sich selbst im roten Purpur, im Spiegel, im Gespräch, auf der Straße. Er sah sich hören. Und spürte, dass das, was er da in Händen hielt nicht nur ein Buch war, sondern eine andere Art zu sein. Er atmete durch die Nase. Das Papier roch nach Tierhaut und nach Tinte, sogar nach den Händen dessen, der es geschrieben hatte roch es. Ein feiner Hauch von Wacholder – oder war das nur Erinnerung?

Er hob den Blick. Ein Staubkorn tanzte im Licht. Langsam, still, schwerelos. Ich bin bereit, nicht zu wissen. Ich bin bereit, zu lesen ohne zu begreifen. Ich bin bereit, mich berühren zu lassen ohne sofort zu antworten. Er nahm das Buch und legte es vorsichtig zurück auf das Pult. Die Seiten hatten sich nicht bewegt aber etwas in ihm war nicht mehr dort wo es vor dem Lesen gewesen war. Er blieb noch stehen, während draußen die Glocke einer Kapelle begann die Vesper einzuläuten. Der Ton war fern, gedämpft, aber durchdringend wie ein Ruf, der nicht schreit.

Farnese legte die Hand auf das Buch, ein letztes Mal. Dann sagte er eher zu sich, vielleicht auch zum Raum: Wenn das Wort Fleisch geworden ist, dann beginnt das Lesen vielleicht mit einer Berührung. Und seine Hand blieb liegen. Noch einen Atemzug lang.

2.4 Die Unruhe

Die Nacht war nicht schwarz. Sie war von jenem matten Grau, das entsteht wenn das Licht der Stadt nicht verlöscht, sondern sich in Kuppeln, Ziegeln und Dächern bricht bis es wie ein matter Atem durch die Fenster dringt. Alessandro Farnese saß in seinem Schreibzimmer, das Fenster leicht geöffnet, eine Kerze auf dem Tisch. Sie flackerte nicht aber in ihrer Flamme trug sie eine unruhige Mitte als wäre auch sie im Zweifel ob sie nun leuchten oder vergehen solle.

Der Tisch war bedeckt mit Papieren, gestapelt, gefaltet, geöffnet, einige sorgsam geordnet, anderedagegen achtlos zurückgelegt. Unter ihnen war auch ein Schreiben mit dem Siegel des Konzils von Trient, dickes Pergament, der Rand rot eingefasst, die Worte in lateinischer Klarheit gesetzt. Schmucklos und von einer Schärfe, die keinen Raum ließ für höfische Glätte.

Farnese hatte den Text bereits zweimal gelesen. Er kannte die Formulierungen. Er wusste was sie bedeuteten. Aber jetzt, in dieser Stunde las er sie nicht mehr als Kardinal sondern als ein Mann, der begonnen hatte sich selbst zu hören. Und er entdeckte darin Worte die nicht mehr erklärten, sondern entblößten.

„…damit die Ämter der Kirche nicht länger Werkzeuge persönlichen Vorteils seien, sondern Orte geistlicher Verantwortung…“
„…die Bischöfe sollen anwesend sein in ihren Diözesen, und das Volk in ihrer Nähe wissen…“
„…kein Priester solle über Güter verfügen wie ein Fürst…“

Er lehnte sich zurück, die Hand auf der Tischkante, die Finger leicht gespreizt als würden sie tasten wollen ob der Boden unter der Sprache noch vorhanden war. Ich bin durch diese Struktur hindurch gewachsen wie ein Baum durch ein Gitter nicht weil ich wollte, sondern weil ich darin geboren wurde, dachte er, aber jetzt sehe ich, dass das Gitter längst rostet und meine Äste wachsen weiter. Sein Blick glitt zum Fenster.

In der Ferne klang eine Glocke mit einer Klarheit, die sich wie ein Schnitt in der Stille wirkte. Die Reformer sind nicht meine Feinde, dachte er, sie sind die Stimme eines Schmerzes, den wir zu lange hinter Marmorfassaden gedämpft haben. Sie werfen keine Steine diese Reformer sondern sie zeigen auf Wunden. Und ich kann einfach nicht mehr länger behaupten, sie nicht zu sehen.

Er stand auf. Langsam. Seine Knie schmersten. Er trat ans Fenster und sah auf die Stadt, die in dunklen Farbtönen ruhte aber mit Lichtpunkten die flimmerten wie Fragen, die nicht mehr zu vertreiben waren.

Trient ist kein Angriff, es ist ein Spiegel. Und ich beginne zu erkennen, dass mein Gesicht in diesem Spiegel nicht verurteilt werden sollte sondern dass ich endlich erwachen sollte.

Er ging zurück zum Tisch und legte die Hand auf das Konzilsdokument. Er ließ sie dort ruhen, wie zuvor auf dem Buch der Jesuiten, nur diesmal nicht mit Ehrfurcht sondern mit einem Gefühl der Verantwortung. Was ich jetzt bin, wurde mir gegeben. Was ich aber werde, das muss ich selbst wählen. Die Kerze knisterte leise. Der Schatten an der Wand verzog sich.

Und in seinem Innersten, ganz nah an der Stelle wo der Wille geboren wird da zog etwas an ihm wie ein neuer Takt: langsamer, schwerer, aber wahr.

2.5 – Das Schweigen

Wir treten näher in die Geschichte.

Der Korridor war lang. Er lag im Ostflügel des Hauses, kaum begangen, ein Durchgang. Und doch war Farnese hier. Alleine, kurz nach Sonnenaufgang. Die Fliesen unter seinen Füßen hatten jene unentschiedene Farbe zwischen Elfenbein und Asche, der Putz war stellenweise abgeplatzt, der Wandfries aus verblichenem Blau.

Das Licht fiel schräg durch ein schmales Fenster. Es war nicht hell. Eher tastend. Von rechts oben. Ein Licht das öffnete. Er stand dortabsichtslos. Die Hände am Rücken verschränkt weil sie genau dorthin gehörten, heute, jetzt, in diesem Moment.

Ein alter Mann ging den Korridor entlang. Langsam. Mit gebeugten Schultern. Er ging an Farnese vorbei ohne ihn anzusehen. Doch in diesem Gehen, in dieser unbeirrbaren Bewegung lag etwas das mehr sagte als jedes Wort. So geht einer der nicht mehr fragt wohin und warum. So geht man wenn man lange genug gewesen ist, um einfach nur noch zu sein. Farnese atmete aus. Er bewegte sich nicht.

Dann kam eine junge Frau. Ihr Schritt war fast schwebend. Sie trug ein Tuch über dem Haar und in ihrer Bewegung lag eine Selbstverständlichkeit als gehöre sie nicht der Zeit sondern nur dem Rhythmus den ihr Körper lebte. Sie trug einen Korb mit Leinen, den sie an der Hüfte balancierte. Als sie an ihm vorbeiging hob sie kurz den Blick. Kein Lächeln. Nur ein Moment des Erkennens ohne Konsequenz. Wie schön sie ist, dachte Farnese, nicht weil sie auffällt sondern weil sie nicht um Aufmerksamkeit bittet. Der Geruch von getrocknetem Lavendel stieg aus dem Korb. Er blieb zurück und sie war längst gegangen.

Schließlich zwei Kinder. Ein Junge und ein Mädchen. Etwa sechs, sieben Jahre alt. Sie rannten. Fast lautlos. Und doch war ihr Lachen ein Echo das sich im Raum hielt. Sie trugen nichts bei sich. Nur sich selbst. Sie rannten und hielten inne als sie ihn sahen. Nicht aus Respekt. Sondern aus Neugier. Dann lachten sie wieder, nickten knapp und liefen weiter.

Und da, in diesem Moment, spürte Farnese etwas, das er nicht benennen konnte aber das sich in ihm festsetzte wie ein leichtes Zittern. Der Alte, die Frau, die Kinder. Die Zeit, die Bewegung, das Dazwischen. Die Nähe, die sich nicht aufdrängt. Die Schönheit, die nicht ruft.

Er schloss kurz die Augen.Und wir, wir als Barock, wir standen hinter ihm. Noch nicht sichtbar aber schon da. In seinem Nacken ein Hauch. In seinem Brustbein ein Ton, nicht laut genug um schon zu klingen aber hörbar genug um zu bleiben.

Und dann geschah es. Er hörte auf, zu denken und er begann zu sehen. Nicht mit den Augen. Mit etwas anderem. Etwas, das sich gerade erst zu formen begann. Und wir blieben bei ihm. Still. Aber nahe.

Und so endet Farnese II: Wo Neues flüstert und das Alte nch nicht weicht


Farnese: Überblick

Farnese I – Ein Kind trägt Purpur

Farnese II – Wo Neues flüstert

Farnese III – Farnese baut

Farnese IV – Der Raum atmet

Farnese V – Wenn die Form wandert

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