Die Klinke ist kühl. Die Tür gibt leicht nach, ein dumpfer Ton als der Riegel in die Fassung zurückgleitet. Kein Quietschen, nur ein kurzes, trockenes Knacken. Dann schwingt sie auf. Langsam. Als hätte sie gewusst, dass man heute still eintreten würde. Wir bleiben in der Tür stehen. Und da sitzt er.
Er sitzt nicht an einem Tisch. Nicht auf einem Stuhl und auch nicht auf dem Bett. Nein er sitzt am Boden. Mit überkreuzten Beinen, den Rücken gerade, die Hände auf den Knien. Wie jemand der nicht ruht sondern einer der etwas hält. Etwas Inneres, das nicht zerbrechen darf. Er ist das Erste was wir in diesem Zimmer sehen. Nicht weil er den Raum ausfüllt sondern weil alles andere um ihn herum zu ihm hinführt.
Ein weiches Licht liegt auf dem Boden. Es kommt von links durch das offene Fenster. Es ist spätes Licht eines Sommerabends fast golden, aber nicht warm. Auf der Fensterbank liegt ein heller Stein, fast weiß ist er. Unser Blick bleibt kurz daran hängen. Glatt. Rund. Vielleicht aus einem Fluss? Vielleicht ein Erinnerungsstück? Vielleicht aber auch einfach nur da.
Das Bett steht an der Wand. Es hat ein schmales Gestell. Das Holz ist dunkel und an einer Ecke gesplittert. Die Decke darauf ist ordentlich gefaltet, zwar nicht militärisch aber doch bewusst zusammengelegt. Daneben steht ein kleiner Tisch, kaum kniehoch mit zwei Büchern darauf. Übereinander gelegt sind sie, das obere ohne Einband. Daneben steht eine Tonkanne, matt, mit einem Sprung am Hals. Die Kerze daneben ist schief abgebrannt. Ihr Wachs ist wie erstarrt in Bewegung. Wie ein Tropfen, der nie fällt.
An der rechten Wand hängt ein Blatt Papier. Unauffällig ist es, fast verloren wirkt es. Darauf sind Worte geschrieben, klein, dicht, lateinisch. Wir können sie nicht lesen aber sie sehen geschrieben aus wie in der Stunde kurz vor dem Schlaf, wenn das Denken noch heiß aber die Hand schon müde ist.
Der Stuhl unter dem Fenster wirkt fast fehl am Platz. Als hätte ihn jemand dort abgestellt und vergessen wozu er eigentlich da ist. Er steht im Licht, dieser Stuhl, wird aber nie benutzt. Das sieht man.
Unser Blick ist zurück auf dem Mann da am Boden. Seine Augen sind offen. Er sieht uns nicht. Oder er sieht durch uns hindurch? Vielleicht hört er etwas was wir nicht hören? Vielleicht ist er noch mitten in dem Gespräch, das er mit sich selbst geführt hat oder mit Gott, bevor wir die Tür geöffnet haben.
Er wirkt gar nicht überrascht. Gar nicht gestört. Nur bereit wirkt er. Als hätte er genau auf diesen Moment gewartet. Nicht auf die geöffnete Tür. Nicht auf uns. Sondern auf das, was morgen kommt.
Er ist etwa zweiundvierzig, von kräftiger Statur mit einem Gesicht das mehr vom Willen als vom Alter gezeichnet ist. Der Bart ist kurz, der Haaransatz etwas zurückgewichen und an den Schläfen grau. Seine Kleidung ist schlicht. Dunkle, grobe Wolle, ausgefranst ist sie an den Säumen aber sauber. Kein Ordensgewand. Noch nicht.
Was geht ihm wohl durch den Kopf? Sitzt er hier, weil er betet? Weil er zweifelt? Ist das ein Rückzug oder ein Aufbruch? Was erwartet ein Mensch von einem Eid, den er sich selbst vorgeschlagen hat – ohne Auftrag, ohne Applaus?
Ich muss wissen, dass ich nichts zurückhalte. Wenn ich morgen den Schwur spreche, dann darf kein Gedanke mehr zwischen mir und diesem Wort stehen. Es geht nicht um Sicherheit. Nicht um Struktur. Es geht darum ob das was ich gesehen habe endlich Form bekommt. Nicht für mich sondern für das, was kommen muss.
Er blickt zum Fenster. Auf der Fensterbank der Kieselstein, glatt und hell, vielleicht aus der Saône, vielleicht auch aus Spanien. Er nimmt ihn manchmal in die Hand wenn er denkt. Heute nicht. Heute liegt der Stein still, wie alles in diesem Raum.
Er denkt an Manresa und an die Höhle, an die übertriebene Askese, an die Nächte voller Selbsthass und Gottesbilder. Er denkt an die Reise nach Paris, an das mühsame Lateinlernen, an die Skepsis der Gelehrten, an die Kälte der Schlafsäle und die Wärme die plötzlich da war als Favre ihn nicht fragte sondern einfach blieb. Und Xavier? Der Stolze? Der Helle? Auch er hat Ja gesagt. Nicht laut, aber entschieden.
Ich habe sie nicht überredet. Ich habe sie nur gesehen. Und ich habe ihnen nicht meinen Plan gegeben. Ich habe ihnen ihre Entscheidung zugemutet. Wenn sie morgen da sind, ist es nicht meine Verantwortung. Es ist unsere.
Er steht langsam auf. Kein ruckartiges Aufspringen. Es ist eher eine Bewegung die schon länger vorbereitet war. Er streicht sich das Gewand glatt, mehr aus Gewohnheit als aus Eitelkeit. Dann geht er zum Tisch und bleibt kurz davor stehen, so als hätte er etwas holen wollen aber dann entscheidet er sich anders. Er legt die Hand auf das Buch das obenauf liegt. Nicht besonders lange. Dann zieht er sie langsam wieder zurück. Er setzt sich nicht wieder. Er bleibt stehen, die Stirn leicht gegen die Wand gelehnt. Vielleicht betet er. Vielleicht hört er auch nur. Was hat er davon, wenn er diesen Eid schwört? Was bekommt er? Eine Ordnung? Eine Aufgabe? Einfluss?
Ich bekomme nichts. Und das ist das Entscheidende. Ich gebe alles her damit etwas beginnen kann, das nicht mehr mir gehört.
Der Raum ist still mit ihm. Und Paris da draußen weiß nichts, gar nichts von dem was morgen geschehen wird.