Das Gemüse des Knigglbauern

Sie bogen um die Ecke beim Brunnen und da war er schon: Der Stand des Knigglbauern. Wenn man das überhaupt als Stand bezeichnen wollte. Eher ein archaisches Arrangement aus Kisten, Brettern und grob gezimmerten Auflagen, die ein bisschen so wirkten, als hätte jemand eine Lagerhalle beim Umzug erwischt. Es gab kein Schild, kein Preisetikett, keine ästhetische Botschaft. Nur Gemüse – schief, krumm, fleckig, aber irgendwie halt auch: ehrlich erdig. Wurzeln mit Charakter. Knollen mit Vergangenheit. Ein wackeliger Holztisch trug eine übervolle Kiste mit violetten Karotten, daneben lagen Sellerie mit halbleeren Bartfransen, Petersilienwurzeln, die sich kringelten wie müde Gedanken, und ein ganzer Schwung an Rüben, die aussahen, als hätten sie eine schwierige Kindheit gehabt.

Und mittendrin: der Knigglbauer. Groß, aber in sich zusammengesunken. Ein Gesicht wie aus dunklem Ton geformt, wettergegerbt und unbeirrbar. Die Augen lagen tief und blitzten trotzdem. Seine Schürze war gefleckt, sein Hemd aufgekrempelt, der Blick: prüfend. Aber nicht neugierig – eher so, als würde er nicht die Menschen betrachten, sondern was hinter ihnen stand.

Karin blieb einen halben Schritt zurück. „Ich frag mich jedes Mal, warum der überhaupt verkauft“, murmelte sie.

Martin grinste. „Vielleicht verkauft er gar nicht. Vielleicht lässt er nur mitnehmen.“

Sie traten näher. Der Knigglbauer sagte nichts. Er sah sie an – dann die Rüben – dann wieder sie. Karin zog die Augenbrauen hoch. „Also gut“, sagte sie. „Gemüse.“

„Wenn’s sein muss“, kam es trocken zurück. Dann drehte er sich um, griff eine Kartoffel mit drei Trieben, betrachtete sie wie ein Kunstwerk – und legte sie zurück. „Die lebt noch“, sagte er, als Erklärung.

Martin sah sich um. Ihm fiel sofort die Ordnungslosigkeit auf, aber es war keine Verwahrlosung – es war eher… gewachsene Unordnung. Wie im Inneren eines Komposthaufens: chaotisch, aber mit Richtung. Karin hingegen stand etwas steif da. Sie trug noch immer den Eindruck aus dem letzten Gespräch mit sich – wie ein Echo unter der Haut.

Der Knigglbauer sprach plötzlich. „Schee is überbewertet.“

Martin blinzelte. „Aha.“

„Es geht ned drum, dass’s g’fällt. Es geht drum, dass’s stimmt.“

Karin musterte ihn. Er hatte keinen Blick für sie übrig. Er sah auf eine Gurke, die sich wie ein Flusswindung um eine Zwiebel geschlungen hatte. „Stimmt“, sagte sie schließlich. „Aber manchmal darf’s auch gefallen.“

Da sah er auf, der Kniggl, nicht lang. Aber es war ein kurzer Moment, in dem sich die Luft anders anfühlte.

Martin wollte was sagen. Dann ließ er’s. Stattdessen bückte er sich und nahm eine Sellerieknolle in die Hand. Sie war hart. Erdkruste noch dran. „Gibts dazu auch Philosophie?“, fragte er.

„Nein“, sagte der Knigglbauer. „Blos Suppengrün.“

Dann kam eine kurze Stille. Die gute Art von Stille. So eine, in der man noch nicht weiß, ob’s jetzt gleich Streit gibt oder Gaudi.

Die ersten drei Sätze waren ja noch untergegangen bei den anderen Marktbesuchern. Dann aber drehte sich eine Frau mit Leinentasche um. Dann ein Mann mit Kinderwagen. Dann eine ältere Dame mit knallrotem Lippenstift, die sich sonst nie vom Fischstand wegbewegte.

„Einverstanden“, sagte der Kniggl gerade. „Aber das mit der Ordnung, das glauben nur solche Leut, die Paprika in Reih und Glied legen.“

Martin zuckte mit den Schultern, betrachtete die leicht schrumpelige Zucchini in seiner Hand und hielt sie dann hoch wie ein Beweisstück. „Aber wenn man doch alles sortiert, dann…“

Kniggl unterbrach: „…dann verliert’s die Seele. Schau mal die da.“ Er zeigte auf eine Gurke, die einen eleganten Halbkreis beschrieb. „Die hat glebt. Die is rebellisch gwesen. Und jetzt will keiner mehr was mit ihr zu tun haben.“

Karin konnte nicht anders. „Sie sieht aus wie ein C, das nicht geschrieben werden wollte.“

Kniggl grinste. „Oder wie ein Fragezeichen ohne Frage.“

Ein paar Leute lachten leise. Jemand raunte: „Was redet der da denn eigentlich?“ Eine junge Frau flüsterte zurück: „Ich weiß es auch nicht. Aber es stimmt halt irgendwie.“

Martin stellte die Gurke zurück, als hätte sie ihn beleidigt. „Ich hab halt einfach gern einen Überblick. Ordnung beruhigt mich.“

Der Kniggl ließ sich jetzt Zeit mit der Antwort. Dann schob er ein paar Rüben zur Seite und holte eine besonders verdrehte Pastinake hervor.

„Du bist wie der da“, sagte er zu Martin.

„Bitte?“

„Schaut aus wie ein Fragezeichen, weiß aber aa ned mehr als du. Aber trotzdem ist er da.“

Martin wollte zuerst widersprechen, aber dann musste er lachen. Und alle, die das hörten, lachten mit. Die Szene war inzwischen ein Kreis geworden. Fünf, sechs, sieben Leute. Zwei kleine Kinder vorne, eines zeigte auf eine violette Karotte. „Warum ist die so lila?“, fragte es.

„Weil sie sich halt ned entscheiden wollte, ob sie jetzt edel oder wild sein möcht“, antwortete Kniggl. „Und manchmal wird dann aus dem Dazwischen was ganz was Eigenes.“

Die ältere Dame mit dem Lippenstift klatschte leise in die Hände. „Der ist ja besser als der Mann vom Literaturkreis letzte Woche!“

Karin trat einen Schritt zur Seite, um einer älteren Frau mit Kinderwagen Platz zu machen, und blieb neben einer wackligen Kiste mit Sellerie stehen. Erst da sah sie es: ein kleines, handgeschriebenes Schild, fast verdeckt vom Grün. Die Buchstaben schief, aber mit Tinte gezogen: Pánta rheî. Sie runzelte die Stirn, blinzelte, als wollte sie prüfen, ob das wirklich da stand – dann nickte sie unmerklich. Irgendwas an diesem Satz war… stimmig.

Karin beobachtete das Ganze nun mit wachsender Freude. Ihre innere Schwere, das unsichtbare Flirren von eben, hatte sich gelöst – war zwar noch nicht ganz verschwunden, aber immerhin durchlässig geworden. Sie griff sich eine krumme Karotte und hielt sie hoch. „Also wenn wir uns schon alle mit Wurzelgemüse identifizieren – ich nehm die hier. Die sieht aus wie meine Meinung zum Thermomix.“

Kniggl zwinkerte. „Und das wäre? Gut oder schlecht?“

„Kommt drauf an, wie man’s würzt.“ Karin begann das Spielchen Spass zu machen. Ein Raunen. Ein Lachen. Und da war wieder diese seltsame Stille, die entsteht, wenn man sich plötzlich gemeinsam in etwas wiederfindet, das vorher nur Gemüse gewesen war.

Martin starrte auf eine mehlig-braune Kartoffel, die aussah wie eine krumme Faust.

„Die da“, sagte Kniggl. „Is wie euer Verein.“

Martin schaute auf. „Welche jetzt?“

„Na die. Da.“ Kniggl deutete mit einem kleinen Messer auf die Kartoffel. „Die schaut aus, als hätt’s schon alles g’wollt. Und nix erreicht. Aber sie liegt immer no da. Und keiner hat’s Herz dazu, dass er sie wegschmeißt.“

Martin lächelte. „Du redest jetzt aber nicht von den Sechzigern…“

„I red von eana. Und von dir aa. Aber mei – passt schon.“

Eine Frau in rotem Kostüm schielte interessiert rüber. Ein älterer Herr mit Strohhut nickte dazu leise. Da war jetzt tatsächlich eine kleine Menschentraube um den Stand vom Kniggl-Bauern..

„Wissen S’“, sagte der Kniggl, „manche Leut san halt so. Die binden sich an was, das ihnen ned g’hört, nie g’hört hat und aa nie g’hörn werd. Und das sie jetzt aber trotzdem nie loslassen werd. Des is Liebe. Oder halt Dummheit. Oder beides, kann sei.“

Martin nickte. „Ich kann’s ja auch nicht erklären. Es ist… Giesing halt. Es ist Montagabend, Regionalliga. Es ist eine kaputte Anzeigetafel und fünfzig Minuten Flutlichtausfall. Und trotzdem: Du bist da.“

Kniggl griff in einen Korb. Holte eine lila Rübe heraus, hielt sie hoch. „So schaugst aus, wennst liebst. Innen zart, außen schiach. Und voll Erde.“

Ein Lachen ging durch die Runde.

Karin war inzwischen nähergetreten. „Ich dachte, du putzt morgen Fenster, Martin.“

„Mach ich ja auch. Und dabei hör ich ihnen beim Verlieren zu.“

„Multitasking auf höchstem Niveau.“

„Verlieren können ist auch eine Fähigkeit.“

„Darin seid ihr ja Meister.“

Kniggl grinste. „Ihr seid’s Philosophen, ihr zwoa.“

Martin: „Nur am Wochenende.“

Die Menge wuchs. Jetzt blieb auch eine junge Mutter mit Kinderwagen stehen und ein Rentner in Radlhose stellte sich diskret ans Kraut.

„Früher“, begann Martin, „hat’s für die große Sehnsucht eine Kirche gegeben. Heute gibt’s Vereinslieder.“

Kniggl kommentierte: „Und Würschtl.“

„Du weißt wenigstens ganz genau, wann die Messe anfängt.“ Martin zwinkerte dem Kniggl zu.

„Und dass’s halt nix hilft“, setzte der Bauer noch einen drauf.

Und so standen sie da, mitten im Gemüse. Zwischen Zwiebeln, Wortspielen und einer Wahrheit, die keiner aussprach, die aber alle spürten.

Der Kniggl klaubte eine Sellerieknolle aus der Kiste, die aussah, als hätte sie beschlossen, eine eigene Philosophie zu entwickeln, dann legte er sie langsam zurück. Ohne ein Wort.

Martin aber hatte sich festgebissen. In Gedanken. Und in seinem Herzen sowieso. „Es ist ja nicht so, dass ich den Fußball romantisiere“, sagte er, mehr zu sich selbst. „Aber bei Sechzig… das ist was anders. Da geht’s nicht ums Gewinnen. Da geht’s um…“ – er suchte – „… ums Durchhalten. Um Zusammenstehen, wenn’s schiefläuft. Um den Montag danach, wenn du trotzdem mit dem Schal ins Lehrerzimmer gehst.“

Der Kniggl sah ihn an, nicht direkt, sondern so, wie man ein Wetter beobachtet, das sich überm Chiemgau zusammenbraut. „Wahrscheinlich ist das wie beim Radi. Wenn der so richtig durchzieht, dann weißt: Jetzt bist du dabei.“

Martin lachte. „Ja. Und irgendwann weinst du dann auch. Aber du isst weiter.“

Ein paar Umstehende kicherten. Der Spruch hatte sich aus dem Nichts in ihre Runde geschlichen, wie eine gute Pointe auf einem Dorffest.

„Ist das nicht irgendwie auch Religion?“, fragte Martin, halb fragend, halb hoffend. „Die Farben, die Gesänge, die Rituale…“

„Glauben tut man in der Kirche – oder bei Rot-Weiß Oberhausen.“

Die Lacher kamen diesmal schneller. Selbst Karin, die bisher nur mit einem halben Ohr zugehört hatte, verzog die Lippen zu einem unmerklichen Grinsen.

Martin aber ließ nicht locker. „Aber im Ernst – da ist was Tieferes dran. Ich kann’s nicht erklären, aber wenn ich den Anpfiff hör… das ist wie eine Erinnerung, die nicht mir gehört. Eine Zugehörigkeit, ohne dass ich was dafür tun muss. Das ist… schön. Und irrational. Und irgendwie echt.“

Der Kniggl hob jetzt eine Gurke in die Luft, die sich in der Mitte verbogen hatte wie ein altes Fragezeichen. „Dann ist’s wahrscheinlich richtig.“

Die Menschen lachten wieder. Nicht lauthals, sondern leise, warm, als hätten sie etwas verstanden – oder es wenigstens gern geglaubt, für einen Moment.

Karin trat einen Schritt näher an den Stand. Die Szene hatte sie aus ihrer Gedankenstarre gelockt. Sie ließ den Blick über die Auslagen schweifen – Tomaten, rote Rüben, Kohlrabi. Dann hob sie langsam eine Karotte hoch, wie zum Gruß oder zur Anklage, und sagte:

„Wenn das stimmt, dann ist der Mensch wahrscheinlich ein narrativabhängiges Säugetier.“

Der Kniggl hob kurz die Augenbrauen, deutete mit dem Daumen auf eine windschiefe Zucchini, die zwischen den anderen lag wie eine vergessene, verbogene Fanfare. „Und das hier ist die Apokalypse.“

Martin lachte laut auf – ein bisschen zu laut vielleicht, aber es war befreiend.

„Ich mein ja nur“, fuhr Karin unbeirrt fort. „Fitness-Gurus, Aktienpropheten, Influencer mit weißem Salbei im Livestream… das ist doch alles Ersatzreligion. Mit Diät statt Fasten, Dopamin-Kick statt Offenbarung.“

„Aberglaube in Designerflaschen“, grunzte der Kniggl. „Wenn’s wenigstens was kosten tät, dann wär’s wenigstens unanständig.“

Eine ältere Frau, die sich dazugestellt hatte, mit einem Korb voller Mangold, nickte nachdenklich. „Mir hilft’s“, sagte sie leise, „wenn ich weiß, dass die Tomaten bei Ihnen immer nach was schmecken.“

Der Kniggl blickte sie an, fast milde. Dann murmelte er: „Die brauchen bloss Sonne. Und einen, der sie versteht.“

Ein junger Typ mit Hoodie und Dreadlocks fragte grinsend: „Verstehen Sie auch Avocados?“

Der Kniggl schüttelte den Kopf. „Zu weich. Wie unsere Prinzipien.“

Karin kicherte. Martin sah sie an. Es war das erste unbeschwerte Lachen von ihr, seit dem Blumenstand. Dann kaufte sie einen Sack Karotten, er einen großen Hokkaido. Der Kniggl wog nichts, er schätzte nur.

„Der denkt schon von selber über sich nach“, sagte er zum Kürbis – zu niemandem sonst.

Sie bezahlten und dann bummelten die beiden weiter. Nicht viel klüger als zuvor aber deutlich heiterer. Sie gingen ein paar Schritte nebeneinander her. Karin trug das kleine Säckchen mit den Karotten, Martin balancierte den Kürbis locker auf dem Unterarm. Den Brotlaib hatte er zuvor in ein grobmaschiges Einkaufsnetz verfrachtet, das ihm jetzt von der Schulter hing. Und der Blumenstrauß – der ragte wie ein kleiner, schöner Hochsitz aus Karins Stofftasche, in der sich auch noch eine Packung Haferflocken und ein vergessenes Physik-Arbeitsblatt versteckten. Hinter ihnen blieb der Knigglbauer zwischen seinen Kisten zurück, die Menschentraube löste sich nur zögerlich, einzelne Stimmen lachten immer noch nach.

„Der schaut echt aus, als hätte er das Chaos erfunden“, murmelte Martin.

„Und dann vergessen, wo er’s hingelegt hat“, ergänzte Karin trocken.

Martin grinste. „Hat dir gefallen, oder?“

„Was jetzt – die Zucchini oder das Weltbild?“ Karin zog die Braue hoch.

„Beides.“

„Stimmt, aber der Kniggl ist ja auch wirklich jedesmal ein Schenkelklopfer.“

Und irgendwo rief jemand laut nach Eiern.

Kapitel 7

Das Gemüse des Knigglbauern

Sie bogen um die Ecke beim Brunnen und da war er schon: Der Stand des Knigglbauern. Wenn man das überhaupt als Stand bezeichnen wollte. Eher ein archaisches Arrangement aus Kisten, Brettern und grob gezimmerten Auflagen, die ein bisschen so wirkten, als hätte jemand eine Lagerhalle beim Umzug erwischt. Es gab kein Schild, kein Preisetikett, keine ästhetische Botschaft. Nur Gemüse – schief, krumm, fleckig, aber irgendwie halt auch: ehrlich erdig. Wurzeln mit Charakter. Knollen mit Vergangenheit. Ein wackeliger Holztisch trug eine übervolle Kiste mit violetten Karotten, daneben lagen Sellerie mit halbleeren Bartfransen, Petersilienwurzeln, die sich kringelten wie müde Gedanken, und ein ganzer Schwung an Rüben, die aussahen, als hätten sie eine schwierige Kindheit gehabt.

Und mittendrin: der Knigglbauer. Groß, aber in sich zusammengesunken. Ein Gesicht wie aus dunklem Ton geformt, wettergegerbt und unbeirrbar. Die Augen lagen tief und blitzten trotzdem. Seine Schürze war gefleckt, sein Hemd aufgekrempelt, der Blick: prüfend. Aber nicht neugierig – eher so, als würde er nicht die Menschen betrachten, sondern was hinter ihnen stand.

Karin blieb einen halben Schritt zurück. „Ich frag mich jedes Mal, warum der überhaupt verkauft“, murmelte sie.

Martin grinste. „Vielleicht verkauft er gar nicht. Vielleicht lässt er nur mitnehmen.“

Sie traten näher. Der Knigglbauer sagte nichts. Er sah sie an – dann die Rüben – dann wieder sie. Karin zog die Augenbrauen hoch. „Also gut“, sagte sie. „Gemüse.“

„Wenn’s sein muss“, kam es trocken zurück. Dann drehte er sich um, griff eine Kartoffel mit drei Trieben, betrachtete sie wie ein Kunstwerk – und legte sie zurück. „Die lebt noch“, sagte er, als Erklärung.

Martin sah sich um. Ihm fiel sofort die Ordnungslosigkeit auf, aber es war keine Verwahrlosung – es war eher… gewachsene Unordnung. Wie im Inneren eines Komposthaufens: chaotisch, aber mit Richtung. Karin hingegen stand etwas steif da. Sie trug noch immer den Eindruck aus dem letzten Gespräch mit sich – wie ein Echo unter der Haut.

Der Knigglbauer sprach plötzlich. „Schee is überbewertet.“

Martin blinzelte. „Aha.“

„Es geht ned drum, dass’s g’fällt. Es geht drum, dass’s stimmt.“

Karin musterte ihn. Er hatte keinen Blick für sie übrig. Er sah auf eine Gurke, die sich wie ein Flusswindung um eine Zwiebel geschlungen hatte. „Stimmt“, sagte sie schließlich. „Aber manchmal darf’s auch gefallen.“

Da sah er auf, der Kniggl, nicht lang. Aber es war ein kurzer Moment, in dem sich die Luft anders anfühlte.

Martin wollte was sagen. Dann ließ er’s. Stattdessen bückte er sich und nahm eine Sellerieknolle in die Hand. Sie war hart. Erdkruste noch dran. „Gibts dazu auch Philosophie?“, fragte er.

„Nein“, sagte der Knigglbauer. „Blos Suppengrün.“

Dann kam eine kurze Stille. Die gute Art von Stille. So eine, in der man noch nicht weiß, ob’s jetzt gleich Streit gibt oder Gaudi.

Die ersten drei Sätze waren ja noch untergegangen bei den anderen Marktbesuchern. Dann aber drehte sich eine Frau mit Leinentasche um. Dann ein Mann mit Kinderwagen. Dann eine ältere Dame mit knallrotem Lippenstift, die sich sonst nie vom Fischstand wegbewegte.

„Einverstanden“, sagte der Kniggl gerade. „Aber das mit der Ordnung, das glauben nur solche Leut, die Paprika in Reih und Glied legen.“

Martin zuckte mit den Schultern, betrachtete die leicht schrumpelige Zucchini in seiner Hand und hielt sie dann hoch wie ein Beweisstück. „Aber wenn man doch alles sortiert, dann…“

Kniggl unterbrach: „…dann verliert’s die Seele. Schau mal die da.“ Er zeigte auf eine Gurke, die einen eleganten Halbkreis beschrieb. „Die hat glebt. Die is rebellisch gwesen. Und jetzt will keiner mehr was mit ihr zu tun haben.“

Karin konnte nicht anders. „Sie sieht aus wie ein C, das nicht geschrieben werden wollte.“

Kniggl grinste. „Oder wie ein Fragezeichen ohne Frage.“

Ein paar Leute lachten leise. Jemand raunte: „Was redet der da denn eigentlich?“ Eine junge Frau flüsterte zurück: „Ich weiß es auch nicht. Aber es stimmt halt irgendwie.“

Martin stellte die Gurke zurück, als hätte sie ihn beleidigt. „Ich hab halt einfach gern einen Überblick. Ordnung beruhigt mich.“

Der Kniggl ließ sich jetzt Zeit mit der Antwort. Dann schob er ein paar Rüben zur Seite und holte eine besonders verdrehte Pastinake hervor.

„Du bist wie der da“, sagte er zu Martin.

„Bitte?“

„Schaut aus wie ein Fragezeichen, weiß aber aa ned mehr als du. Aber trotzdem ist er da.“

Martin wollte zuerst widersprechen, aber dann musste er lachen. Und alle, die das hörten, lachten mit. Die Szene war inzwischen ein Kreis geworden. Fünf, sechs, sieben Leute. Zwei kleine Kinder vorne, eines zeigte auf eine violette Karotte. „Warum ist die so lila?“, fragte es.

„Weil sie sich halt ned entscheiden wollte, ob sie jetzt edel oder wild sein möcht“, antwortete Kniggl. „Und manchmal wird dann aus dem Dazwischen was ganz was Eigenes.“

Die ältere Dame mit dem Lippenstift klatschte leise in die Hände. „Der ist ja besser als der Mann vom Literaturkreis letzte Woche!“

Karin trat einen Schritt zur Seite, um einer älteren Frau mit Kinderwagen Platz zu machen, und blieb neben einer wackligen Kiste mit Sellerie stehen. Erst da sah sie es: ein kleines, handgeschriebenes Schild, fast verdeckt vom Grün. Die Buchstaben schief, aber mit Tinte gezogen: Pánta rheî. Sie runzelte die Stirn, blinzelte, als wollte sie prüfen, ob das wirklich da stand – dann nickte sie unmerklich. Irgendwas an diesem Satz war… stimmig.

Karin beobachtete das Ganze nun mit wachsender Freude. Ihre innere Schwere, das unsichtbare Flirren von eben, hatte sich gelöst – war zwar noch nicht ganz verschwunden, aber immerhin durchlässig geworden. Sie griff sich eine krumme Karotte und hielt sie hoch. „Also wenn wir uns schon alle mit Wurzelgemüse identifizieren – ich nehm die hier. Die sieht aus wie meine Meinung zum Thermomix.“

Kniggl zwinkerte. „Und das wäre? Gut oder schlecht?“

„Kommt drauf an, wie man’s würzt.“ Karin begann das Spielchen Spass zu machen. Ein Raunen. Ein Lachen. Und da war wieder diese seltsame Stille, die entsteht, wenn man sich plötzlich gemeinsam in etwas wiederfindet, das vorher nur Gemüse gewesen war.

Martin starrte auf eine mehlig-braune Kartoffel, die aussah wie eine krumme Faust.

„Die da“, sagte Kniggl. „Is wie euer Verein.“

Martin schaute auf. „Welche jetzt?“

„Na die. Da.“ Kniggl deutete mit einem kleinen Messer auf die Kartoffel. „Die schaut aus, als hätt’s schon alles g’wollt. Und nix erreicht. Aber sie liegt immer no da. Und keiner hat’s Herz dazu, dass er sie wegschmeißt.“

Martin lächelte. „Du redest jetzt aber nicht von den Sechzigern…“

„I red von eana. Und von dir aa. Aber mei – passt schon.“

Eine Frau in rotem Kostüm schielte interessiert rüber. Ein älterer Herr mit Strohhut nickte dazu leise. Da war jetzt tatsächlich eine kleine Menschentraube um den Stand vom Kniggl-Bauern..

„Wissen S’“, sagte der Kniggl, „manche Leut san halt so. Die binden sich an was, das ihnen ned g’hört, nie g’hört hat und aa nie g’hörn werd. Und das sie jetzt aber trotzdem nie loslassen werd. Des is Liebe. Oder halt Dummheit. Oder beides, kann sei.“

Martin nickte. „Ich kann’s ja auch nicht erklären. Es ist… Giesing halt. Es ist Montagabend, Regionalliga. Es ist eine kaputte Anzeigetafel und fünfzig Minuten Flutlichtausfall. Und trotzdem: Du bist da.“

Kniggl griff in einen Korb. Holte eine lila Rübe heraus, hielt sie hoch. „So schaugst aus, wennst liebst. Innen zart, außen schiach. Und voll Erde.“

Ein Lachen ging durch die Runde.

Karin war inzwischen nähergetreten. „Ich dachte, du putzt morgen Fenster, Martin.“

„Mach ich ja auch. Und dabei hör ich ihnen beim Verlieren zu.“

„Multitasking auf höchstem Niveau.“

„Verlieren können ist auch eine Fähigkeit.“

„Darin seid ihr ja Meister.“

Kniggl grinste. „Ihr seid’s Philosophen, ihr zwoa.“

Martin: „Nur am Wochenende.“

Die Menge wuchs. Jetzt blieb auch eine junge Mutter mit Kinderwagen stehen und ein Rentner in Radlhose stellte sich diskret ans Kraut.

„Früher“, begann Martin, „hat’s für die große Sehnsucht eine Kirche gegeben. Heute gibt’s Vereinslieder.“

Kniggl kommentierte: „Und Würschtl.“

„Du weißt wenigstens ganz genau, wann die Messe anfängt.“ Martin zwinkerte dem Kniggl zu.

„Und dass’s halt nix hilft“, setzte der Bauer noch einen drauf.

Und so standen sie da, mitten im Gemüse. Zwischen Zwiebeln, Wortspielen und einer Wahrheit, die keiner aussprach, die aber alle spürten.

Der Kniggl klaubte eine Sellerieknolle aus der Kiste, die aussah, als hätte sie beschlossen, eine eigene Philosophie zu entwickeln, dann legte er sie langsam zurück. Ohne ein Wort.

Martin aber hatte sich festgebissen. In Gedanken. Und in seinem Herzen sowieso. „Es ist ja nicht so, dass ich den Fußball romantisiere“, sagte er, mehr zu sich selbst. „Aber bei Sechzig… das ist was anders. Da geht’s nicht ums Gewinnen. Da geht’s um…“ – er suchte – „… ums Durchhalten. Um Zusammenstehen, wenn’s schiefläuft. Um den Montag danach, wenn du trotzdem mit dem Schal ins Lehrerzimmer gehst.“

Der Kniggl sah ihn an, nicht direkt, sondern so, wie man ein Wetter beobachtet, das sich überm Chiemgau zusammenbraut. „Wahrscheinlich ist das wie beim Radi. Wenn der so richtig durchzieht, dann weißt: Jetzt bist du dabei.“

Martin lachte. „Ja. Und irgendwann weinst du dann auch. Aber du isst weiter.“

Ein paar Umstehende kicherten. Der Spruch hatte sich aus dem Nichts in ihre Runde geschlichen, wie eine gute Pointe auf einem Dorffest.

„Ist das nicht irgendwie auch Religion?“, fragte Martin, halb fragend, halb hoffend. „Die Farben, die Gesänge, die Rituale…“

„Glauben tut man in der Kirche – oder bei Rot-Weiß Oberhausen.“

Die Lacher kamen diesmal schneller. Selbst Karin, die bisher nur mit einem halben Ohr zugehört hatte, verzog die Lippen zu einem unmerklichen Grinsen.

Martin aber ließ nicht locker. „Aber im Ernst – da ist was Tieferes dran. Ich kann’s nicht erklären, aber wenn ich den Anpfiff hör… das ist wie eine Erinnerung, die nicht mir gehört. Eine Zugehörigkeit, ohne dass ich was dafür tun muss. Das ist… schön. Und irrational. Und irgendwie echt.“

Der Kniggl hob jetzt eine Gurke in die Luft, die sich in der Mitte verbogen hatte wie ein altes Fragezeichen. „Dann ist’s wahrscheinlich richtig.“

Die Menschen lachten wieder. Nicht lauthals, sondern leise, warm, als hätten sie etwas verstanden – oder es wenigstens gern geglaubt, für einen Moment.

Karin trat einen Schritt näher an den Stand. Die Szene hatte sie aus ihrer Gedankenstarre gelockt. Sie ließ den Blick über die Auslagen schweifen – Tomaten, rote Rüben, Kohlrabi. Dann hob sie langsam eine Karotte hoch, wie zum Gruß oder zur Anklage, und sagte:

„Wenn das stimmt, dann ist der Mensch wahrscheinlich ein narrativabhängiges Säugetier.“

Der Kniggl hob kurz die Augenbrauen, deutete mit dem Daumen auf eine windschiefe Zucchini, die zwischen den anderen lag wie eine vergessene, verbogene Fanfare. „Und das hier ist die Apokalypse.“

Martin lachte laut auf – ein bisschen zu laut vielleicht, aber es war befreiend.

„Ich mein ja nur“, fuhr Karin unbeirrt fort. „Fitness-Gurus, Aktienpropheten, Influencer mit weißem Salbei im Livestream… das ist doch alles Ersatzreligion. Mit Diät statt Fasten, Dopamin-Kick statt Offenbarung.“

„Aberglaube in Designerflaschen“, grunzte der Kniggl. „Wenn’s wenigstens was kosten tät, dann wär’s wenigstens unanständig.“

Eine ältere Frau, die sich dazugestellt hatte, mit einem Korb voller Mangold, nickte nachdenklich. „Mir hilft’s“, sagte sie leise, „wenn ich weiß, dass die Tomaten bei Ihnen immer nach was schmecken.“

Der Kniggl blickte sie an, fast milde. Dann murmelte er: „Die brauchen bloss Sonne. Und einen, der sie versteht.“

Ein junger Typ mit Hoodie und Dreadlocks fragte grinsend: „Verstehen Sie auch Avocados?“

Der Kniggl schüttelte den Kopf. „Zu weich. Wie unsere Prinzipien.“

Karin kicherte. Martin sah sie an. Es war das erste unbeschwerte Lachen von ihr, seit dem Blumenstand. Dann kaufte sie einen Sack Karotten, er einen großen Hokkaido. Der Kniggl wog nichts, er schätzte nur.

„Der denkt schon von selber über sich nach“, sagte er zum Kürbis – zu niemandem sonst.

Sie bezahlten und dann bummelten die beiden weiter. Nicht viel klüger als zuvor aber deutlich heiterer. Sie gingen ein paar Schritte nebeneinander her. Karin trug das kleine Säckchen mit den Karotten, Martin balancierte den Kürbis locker auf dem Unterarm. Den Brotlaib hatte er zuvor in ein grobmaschiges Einkaufsnetz verfrachtet, das ihm jetzt von der Schulter hing. Und der Blumenstrauß – der ragte wie ein kleiner, schöner Hochsitz aus Karins Stofftasche, in der sich auch noch eine Packung Haferflocken und ein vergessenes Physik-Arbeitsblatt versteckten. Hinter ihnen blieb der Knigglbauer zwischen seinen Kisten zurück, die Menschentraube löste sich nur zögerlich, einzelne Stimmen lachten immer noch nach.

„Der schaut echt aus, als hätte er das Chaos erfunden“, murmelte Martin.

„Und dann vergessen, wo er’s hingelegt hat“, ergänzte Karin trocken.

Martin grinste. „Hat dir gefallen, oder?“

„Was jetzt – die Zucchini oder das Weltbild?“ Karin zog die Braue hoch.

„Beides.“

„Stimmt, aber der Kniggl ist ja auch wirklich jedesmal ein Schenkelklopfer.“

Und irgendwo rief jemand laut nach Eiern.

Kapitel 7

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