Kurts Nudeln

Der Eier- und Nudelstand lag wie eine ruhige Bucht mitten im wogenden Menschengetümmel des Marktes. Zwischen verlockendem Brotgeruch, lautem Gemüserufen und flatternden Stoffdächern wirkte er auf die beiden wie ein einladender Ruhepol: aufgeräumt, warm, entspannend. Die Kisten standen sauber gestapelt, die Eier in kleinen Holznestern, die Nudeln in Säckchen aus braunem Packpapier. Dazwischen hingen ein paar kleine Büschel getrockneter Kräuter, und über allem lag der Duft von Oregano – herb, vertraut, wie die Lieblings-Pizzeria.

Kurt stand hinter dem Stand, ohne viel zu tun. Seine Haltung war offen, aber nicht aufdringlich. Seine Bewegungen wirkten langsam, dabei aber keineswegs zögerlich. Er wirkte wie ein Mann, der nichts suchte und doch alles sah.

Martin und Karin kamen näher – langsamer als sonst, fast als hätte der Stand eine eigenartige Gravitation. Martin roch jetzt den Oregano und atmete unwillkürlich tiefer ein. Karin blieb einen Moment stehen, betrachtete die gelben Bandnudeln, dann die sauberen Eierkartons, dann Kurt. Nichts drängte sie und schon gar nichts war da, was sie beeindrucken wollte.

„Ich glaube, ich brauch eigentlich gar nichts“, murmelte sie, „aber irgendwie will ich trotzdem bleiben.“

Kurt nickte nur – vielleicht hatte er es ja gehört, vielleicht aber auch nicht. Es war nicht entscheidend. Vielleicht war sein Nicken einfach sein Weg, Anwesenheit zu zeigen.

„Wenn wir die dicken Eiernudeln nehmen“, sagte Martin und nahm ein Säckchen hoch, „dann könnten wir eigentlich morgen die Kräutersoße dazu machen.”

Karin antwortete nicht sofort. Sie betrachtete die Eier. Eine Handvoll, braun gesprenkelt, fast wie gemalt. Einige weisse auch. Dann sagte sie: „Ich weiß ja gar nicht, ob ich morgen überhaupt in Soßenstimmung bin.”

„Was wäre denn stattdessen stimmig?“ Martin grinste, aber sanft. „Ein gebratenes Ei auf Brot?“

„Mit einem Hauch von Existenzialismus.“ Karin klang trocken wie immer, aber eine Spur weicher als sonst.

Kurt hatte in der Zwischenzeit ein Bündel frischen Majoran neben den Eierkarton gelegt. Einfach hingelegt. Martin sah es und nickte – wie in stiller Komplizenschaft.

„Was meinst du eigentlich“, fragte Karin dann, „warum wir das manchmal brauchen? Dieses… still werden. So wie jetzt. Hier.“

Martin drehte das Säckchen Nudeln in den Händen, als müsse er darin eine Antwort finden. „Vielleicht ist das wie beim Sauerteig vom Lois. Der braucht ja auch seine Ruhe, damit er was wird.“

Kurt trat ein kleines Stück näher, schaute auf den Kürbis, den Martin noch immer unter dem Arm balancierte. „Der passt übrigens. Der ist soweit.“

Karin lachte leise. „Der Kürbis oder der Mann?“

Kurt lächelte nur. „Beides, würd ich sagen. Aber der Kürbis hat’s einfacher – der muss nicht denken.“

Martin grinste, nahm den Spruch ohne Widerrede. „Na dann wollen wir mal hoffen, dass ich beim Garen nicht platze.“

Karin zog eine Augenbraue hoch, musterte ihn theatralisch. „Du bist doch längst weichgekocht.“

Sie nahmen die Nudeln, den Kürbis, dazu einen Bund Majoran. Keine lange Diskussion. Kein Plan. Nur ein Gefühl fürs Jetzt. Und Kurt stand einfach da.

Schweigend warteten sie ab, während Kurt das Wechselgeld herausgab. Der Markt um sie herum klang jetzt irgendwie gedämpft – Stimmen, Schritte, ein Kind, das lachte. Irgendwo klapperte Geschirr.

Martin nahm das Säckchen mit den Nudeln, Karin den Kürbis – diesmal trug sie ihn. Ihre Hand lag schwer und selbstverständlich auf der orangenen Schale, als würde sie etwas festhalten, das Gewicht hatte. Vielleicht das Maß.

„Weißt du“, sagte sie nach einer Weile, „wenn ich Kurt länger anschaue, dann wird mein Kopf langsamer.“

Martin nickte. „Und mein Herz ruhiger.“

Kurt schob ein kleines Papiertütchen über die Theke. Darin ein paar getrocknete Tomaten. Kein Kommentar. Kein Preis.

„Für den Moment“, sagte er nur.

Sie bedankten sich leise. Dann gingen sie. Langsamer als sonst. Nicht andächtig oder bedeutungsschwanger – nur ein wenig… nach innen gekehrt und sie genossen die saftigen Tomaten.

Kapitel 8

Kurts Nudeln

Der Eier- und Nudelstand lag wie eine ruhige Bucht mitten im wogenden Menschengetümmel des Marktes. Zwischen verlockendem Brotgeruch, lautem Gemüserufen und flatternden Stoffdächern wirkte er auf die beiden wie ein einladender Ruhepol: aufgeräumt, warm, entspannend. Die Kisten standen sauber gestapelt, die Eier in kleinen Holznestern, die Nudeln in Säckchen aus braunem Packpapier. Dazwischen hingen ein paar kleine Büschel getrockneter Kräuter, und über allem lag der Duft von Oregano – herb, vertraut, wie die Lieblings-Pizzeria.

Kurt stand hinter dem Stand, ohne viel zu tun. Seine Haltung war offen, aber nicht aufdringlich. Seine Bewegungen wirkten langsam, dabei aber keineswegs zögerlich. Er wirkte wie ein Mann, der nichts suchte und doch alles sah.

Martin und Karin kamen näher – langsamer als sonst, fast als hätte der Stand eine eigenartige Gravitation. Martin roch jetzt den Oregano und atmete unwillkürlich tiefer ein. Karin blieb einen Moment stehen, betrachtete die gelben Bandnudeln, dann die sauberen Eierkartons, dann Kurt. Nichts drängte sie und schon gar nichts war da, was sie beeindrucken wollte.

„Ich glaube, ich brauch eigentlich gar nichts“, murmelte sie, „aber irgendwie will ich trotzdem bleiben.“

Kurt nickte nur – vielleicht hatte er es ja gehört, vielleicht aber auch nicht. Es war nicht entscheidend. Vielleicht war sein Nicken einfach sein Weg, Anwesenheit zu zeigen.

„Wenn wir die dicken Eiernudeln nehmen“, sagte Martin und nahm ein Säckchen hoch, „dann könnten wir eigentlich morgen die Kräutersoße dazu machen.”

Karin antwortete nicht sofort. Sie betrachtete die Eier. Eine Handvoll, braun gesprenkelt, fast wie gemalt. Einige weisse auch. Dann sagte sie: „Ich weiß ja gar nicht, ob ich morgen überhaupt in Soßenstimmung bin.”

„Was wäre denn stattdessen stimmig?“ Martin grinste, aber sanft. „Ein gebratenes Ei auf Brot?“

„Mit einem Hauch von Existenzialismus.“ Karin klang trocken wie immer, aber eine Spur weicher als sonst.

Kurt hatte in der Zwischenzeit ein Bündel frischen Majoran neben den Eierkarton gelegt. Einfach hingelegt. Martin sah es und nickte – wie in stiller Komplizenschaft.

„Was meinst du eigentlich“, fragte Karin dann, „warum wir das manchmal brauchen? Dieses… still werden. So wie jetzt. Hier.“

Martin drehte das Säckchen Nudeln in den Händen, als müsse er darin eine Antwort finden. „Vielleicht ist das wie beim Sauerteig vom Lois. Der braucht ja auch seine Ruhe, damit er was wird.“

Kurt trat ein kleines Stück näher, schaute auf den Kürbis, den Martin noch immer unter dem Arm balancierte. „Der passt übrigens. Der ist soweit.“

Karin lachte leise. „Der Kürbis oder der Mann?“

Kurt lächelte nur. „Beides, würd ich sagen. Aber der Kürbis hat’s einfacher – der muss nicht denken.“

Martin grinste, nahm den Spruch ohne Widerrede. „Na dann wollen wir mal hoffen, dass ich beim Garen nicht platze.“

Karin zog eine Augenbraue hoch, musterte ihn theatralisch. „Du bist doch längst weichgekocht.“

Sie nahmen die Nudeln, den Kürbis, dazu einen Bund Majoran. Keine lange Diskussion. Kein Plan. Nur ein Gefühl fürs Jetzt. Und Kurt stand einfach da.

Schweigend warteten sie ab, während Kurt das Wechselgeld herausgab. Der Markt um sie herum klang jetzt irgendwie gedämpft – Stimmen, Schritte, ein Kind, das lachte. Irgendwo klapperte Geschirr.

Martin nahm das Säckchen mit den Nudeln, Karin den Kürbis – diesmal trug sie ihn. Ihre Hand lag schwer und selbstverständlich auf der orangenen Schale, als würde sie etwas festhalten, das Gewicht hatte. Vielleicht das Maß.

„Weißt du“, sagte sie nach einer Weile, „wenn ich Kurt länger anschaue, dann wird mein Kopf langsamer.“

Martin nickte. „Und mein Herz ruhiger.“

Kurt schob ein kleines Papiertütchen über die Theke. Darin ein paar getrocknete Tomaten. Kein Kommentar. Kein Preis.

„Für den Moment“, sagte er nur.

Sie bedankten sich leise. Dann gingen sie. Langsamer als sonst. Nicht andächtig oder bedeutungsschwanger – nur ein wenig… nach innen gekehrt und sie genossen die saftigen Tomaten.

Kapitel 8

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