Lainez und Rodrigues: Zwischen Feuer und Thron

Paris, 14. August 1534 – am Vorabend des Schwurs von Montmartre

Wir gehen hinter ihnen. Nicht direkt hinter ihnen, nur nah genug um ihren Rhythmus zu spüren. Die Steine unter unseren Sohlen sind warm und die Gassen atmen den Sommer. Es ist später Nachmittag, die Sonne hängt tief und Paris liegt still und staubig als hätte es den Atem angehalten. Der Aufstieg beginnt in der Rue des Martyrs. Dort wo die Stadt und ihr Trubel zurück bleiben und etwas Helleres, Weicheres beginnt.

Rodrigues geht voraus. Seine Schritte sind fordernd und bestimmt, fast so als wolle er mit jedem Tritt eine Frage in den Boden brennen. Die Robe schwingt um seine Beine, aufgewühlt ist sie vom Wind und von Gedanken, vielleicht auch von Zorn. Laínez folgt ihm. Er ist ruhiger mit dem Blick eines Mannes, der mehr sieht als nur den Weg. Seine Hände sind gefaltet hinter dem Rücken, wie ein Lehrer sieht er aus, der zuhört bevor er spricht.

Wir gehen mit und spüren den Staub in der Luft, den Geruch von Feigen und Eisen, von heißem Stein und einem Hauch künftiger Entscheidung. Sie wissen nicht, dass wir da sind aber manchmal bleibt ihr Blick in der Luft stehen, als würden sie etwas durchdringen wollen, das sie nicht ganz fassen können.

„Sie wollen uns binden“, sagt Rodrigues ohne sich umzudrehen. Seine Stimme schneidet durch die Stille wie ein Spatenstich in feuchten Lehm.

Laínez bleibt stehen. „Du meinst Rom“, sagt er. Kein Vorwurf, kein Spott nur eine Feststellung.

Rodrigues bleibt ebenfalls stehen, zwei Schritte weiter, die Sonne liegt schräg auf seiner Schulter. „Ich meine das Ende“, sagt er. „Das Ende dessen wofür wir morgen schwören. Palästina ist das Ziel. Wir sollten es wenigstens versuchen und Ignatius bringt jetzt schon Rom ins Spiel. Wenn wir Rom wählen, dann wählen wir das Netz. Nicht den Himmel.“

Ein paar Tauben schlagen aus einer alten Mauer auf. Laínez setzt sich auf einen niedrigen Stein am Wegesrand. Der Wein darüber zittert im Licht. Er zieht mit dem Finger eine Linie in den Staub aber er sagt nichts. Dann blickt er auf: „Ohne Netz fällt man. Rom ist kein Käfig, Simão. Es ist der Hafen von dem aus man das Licht verschifft.“

Rodrigues lacht, kurz, rau, ohne Wärme. „Licht wird nicht verschifft. Es wird entzündet. Es lebt. Man kann es nicht ordnen.“

Wir sehen wie seine Augen für einen Moment wissend durch uns hindurchgehen. Er scheint zu spüren, dass er nicht allein ist, dass seine Glut gespiegelt wird. Irgendwo.

„In Rom stirbt das Feuer“, sagt er. „Es wird katalogisiert, getauft und gezähmt.“

Laínez steht langsam auf. Er klopft sich den Staub von den Händen. Sein Blick ist klar, dabei aber keineswegs hart. „Du willst das Feuer“, sagt er, „aber du willst es für dich.“

Rodrigues schüttelt kaum merklich den Kopf. „Ich will es für die, die noch frieren. Aber nicht als Befehl. Als Flamme.“

Sie stehen sich nun gegenüber auf diesem schmalen Weg umgeben vom Wind, vom Licht, von allem was unausgesprochen bleibt.

„Und wenn die Flamme nicht reicht?“, fragt Laínez. „Wenn sie dich nicht verstehen? Wenn sie dich verehren statt dir zu folgen?“

„Dann habe ich wenigstens geleuchtet“, sagt Rodrigues. „dann habe ich nicht gehorcht sondern ich habe geglüht.“

Wir spüren wie schwer der morgige Schwur auf ihren Schultern liegt. Die Sonne ist noch nicht untergegangen und doch liegt der morgige Tag schon auf ihren Schultern. Keine Versöhnung. Keine Wendung. Nur zwei Haltungen, die nebeneinander bestehen. Sie sind einender nicht feindlich gesinnt, sie tolerieren sich aber doch bleibt jede für sich bestehen.

Dann gehen die beiden weiter. Schweigend. Nicht getrennt. Keine Einigung, kein Konsens und dabei doch ein gemeinsames Ziel. Ihre Schritte klingen auf dem Stein wie der Anfang von etwas das größer ist als ihre Meinungen.

Und wir gehen mit durch dieses goldene Licht der Erinnerung. Ein Licht das nicht richtet sondern nur scheint und erhellt.

Die Ersten Sieben

back
menu
forward