„Leben ist das, was einfach da ist – ohne dass man was dafür tun muss.“ Mira im Gras, mit Blick auf das, was sich bewegt, ganz ohne Eile.

Der Käfer

Der Nachmittag liegt warm über dem Tüttensee. Das Wasser kräuselt sich leise als hätte es ein Geheimnis, das es nicht weitererzählen will. Mira sitzt auf dem Steg flachen am Ufer, barfuß, ihre Schuhe irgendwo im Gras. Der See kennt sie und sie kennt den See. Sie kommt oft her, auch wenn nichts ist. Gerade dann.

Ein leiser Wind fährt durch die Bäume und raschelt vorsichtig im Schilf. Mira hat den Kopf in den Nacken gelegt. Sie schaut in den Himmel der fast zu blau ist, um echt zu sein. ‚Wie eine viel zu saubere Tischdecke‘, denkt sie. Und dann, ohne dass sie’s gleich merkt, landet ein Käfer auf ihrem Handrücken.

Ganz klein ist der. Mit Flügeln die im Licht schimmern wie Öl in einer Pfütze. Erst will sie ihn wegwischen, eine ganz automatische Bewegung aber dann bleibt die Hand still. Sie schaut ihn an. Nur so. Und er sitzt da als hätte er wirklich ziemlich viel Zeit.

Da rutscht ihr ein Gedanke durch den Kopf: ‚Was das Leben eigentlich ist?‘

Der Käfer lebt und das Moos auch. Der Seeja sowieso. Und sie Mira mit ihren schiefen Schnürsenkeln sie lebt auch. Nur eben anders. Der eine krabbelt. Die andere wächst. Mira vergisst ihr Fahrradschloss und spricht mit sich selbst. Und trotzdem gehören sie alle zusammen. Irgendwie.

Sie denkt: ‚Das Leben ist nicht etwas das man hat. Es ist etwas, das passiert. Ständig. Jetzt. In der Wärme auf der Haut. In dem Licht, das durch die Blätter fällt. In dem Moment, wo man still ist und trotzdem nicht allein.

Der Käfer hebt ab, ganz leicht, als wäre der Himmel ein Magnet. Und Mira schaut ihm nach, bis er im Licht verschwimmt.

„Das Leben ist voll verrückt“, murmelt sie, ohne es zu wollen. Und dann grinst sie weil es stimmt.

Dann zieht sie die Schuhe wieder an, kramt nach dem Fahrradschlüssel, den sie natürlich nicht gleich findet und denkt: Mega, irgendwie.

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