Schattenleuchten

oder das Chiaroscuro des Caravaggio

Der Morgen in Traunstein riecht nach kalter Luft und warmem Teig. Die italienische Eisdiele hat noch geschlossen und Mira steht hinter der Theke, die Hände noch leicht klamm vom Ausräumen der Vitrine. Die Wischspuren auf dem Edelstahl ziehen zarte, silbrige Schlieren als würde jemand mit Licht Linien in kühles Metall ritzen. Krass! Selbst hier schaut alles ein bisschen nach Bühne aus, denkt sie. Ein leichtes Lächeln spielt um ihre Mundwinkel.

Lucia klappert mit Schüsseln, kippt Vanillebasis in die große Maschine und der Duft hebt sich wie eine weiche Wolke aus der Vergangenheit. Mira wischt weiter, summt vor sich hin bis das schwere Wort von gestern Abend wieder in ihrem Kopf auftaucht: Chiaroscuro. Es sitzt dort wie eine Melodie, die man kennt aber noch nicht mitsingen kann.

„Luciaaa?“ fragt sie. Sie wedelt dabei mit dem Lappen in der Luft herum. „Du sag mal… dieses Chiara… Scuro-dings… was heißt das eigentlich genau? Klingt irgendwie wie ein Zaubertrick mit Licht.“ Lucia hebt eine Augenbraue und grinst. „Chiaro heißt hell. Scuro heißt dunkel. Easy. Warum fragst du?“ Mira zuckt mit den Schultern. „Ach, nur so. Ich hab’s gestern im Grünen Buch gelesen. Und ich fand’s voll schön. Aber ich nenn’s jetzt erstmal Schattenleuchten. Irgendwie passt das besser find‘ ich.“

Lucia lacht und schüttelt den Kopf. Es ist ein warmes, herzliches Lachen. „Schattenleuchten… du bist verrückt, ragazza.“ Mira grinst. Mag sein, denkt sie. Aber mir doch egal.

Später dann, nach der Schicht fährt sie mit dem Rad durch den Stadtpark. Der Himmel hängt wie ein flacher Atem über den kahlen Bäumen und die Luft schmeckt irgendwie nach kaltem Metall. Sie setzt sich auf eine Parkbank und holt das Grüne Buch aus der Tasche, dieses alte, schwere Ding, das sich manchmal anfühlt wie eine Türe zu einer anderen Zeit.

Sie schlägt es auf. Und da ist er. Narziss. Der Junge, der sich über ein dunkles Wasserbecken beugt, sein Gesicht halb im Licht, halb im Schatten. Keine Landschaft, kein Beiwerk. Nur er. Und das andere Er, das aus der Tiefe zurückschaut. Miras Herz macht einen kleinen Sprung, so still, dass sie ihn nur selbst hört. Wow… wie kann etwas gleichzeitig so leise und so laut sein?

Das Licht im Bild zieht sie hinein. Wie ein schmaler Strahl. Als ob er fragen würde: Und du, Mira?
Wovor schaust du denn eigentlich weg, wenn du dich im Spiegel siehst? Mira beugt sich unbewusst vor, fast so wie der Junge im Bild. Bin ich das? Oder nur die, die ich glaube zu sein? Ein Wind fährt durch die Büsche und hebt ein paar Blätter kurz vom Boden, fast so als würden sie atmen wollen. Eine Gänsehaut wandert über ihren Nacken.

Und dann versteht sie plötzlich dieses italienische Wort von heute Morgen ohne es erklären zu müssen, ohne es zu googeln, ohne alles. Ahhh… also DAS ist es. Licht und Dunkel nicht getrennt, sondern miteinander. So als würden sie im selben Atemzug leben. Sie streicht mit dem Daumen über die Buchseite. Der Schatten scheint fast greifbar zu sein.

Sie zieht ihr kleines Tagebuch heraus und kritzelt einen Satz hinein, der aus ihr fällt wie ein Wassertropfen: „Vielleicht spiegelt Wasser ja nur das, was wir uns nicht zu sagen trauen.“ Der Satz bleibt kurz in der Luft schweben bevor er im Buch verschwindet. Sie legt den Stift beiseite, klappt das Buch zu und lehnt sich dann zurück. Die Bank knarzt unter ihrem Gewicht als würde sie leise zustimmen.

Krasser Typ, dieser Caravaggio, denkt sie. Der malt nicht. Der zieht das Licht ja an den Haaren ins Bild. Der Gedanke bringt sie zum Schmunzeln, aber das Gefühl dahinter bleibt ernst: dieses Staunen, das man nicht mit Worten fassen kann.

Dann steht sie auf, steckt das Buch in die Tasche und legt die Hand kurz auf die Bank als würde sie sich bedanken. Vielleicht muss man ja gar nicht wissen, was ein Wort heißt, denkt sie während sie ihr Rad aufschließt. Vielleicht reicht’s auch, wenn man spürt was es macht. Auf dem Heimweg bildet ihr Atem kleine Wolken, die sich in der Luft auflösen. Doch etwas in ihr bleibt warm wie ein kleines Leuchten tief im Schatten.


Tagebuch, 14.11.2025
Nicht das Licht malt
sondern die Dunkelheit, die es zähmt.
Und plötzlich bleibt das Staunen stehen.

Schwarz-weiße Scherenschnitt-Illustration von Mira, die still in das Grüne Buch vertieft ist – ein zentrales Motiv aus Mira und das Grüne Buch.

Schattenleuchten

oder das Chiaroscuro des Caravaggio

Der Morgen in Traunstein riecht nach kalter Luft und warmem Teig. Die italienische Eisdiele hat noch geschlossen und Mira steht hinter der Theke, die Hände noch leicht klamm vom Ausräumen der Vitrine. Die Wischspuren auf dem Edelstahl ziehen zarte, silbrige Schlieren als würde jemand mit Licht Linien in kühles Metall ritzen. Krass! Selbst hier schaut alles ein bisschen nach Bühne aus, denkt sie. Ein leichtes Lächeln spielt um ihre Mundwinkel.

Lucia klappert mit Schüsseln, kippt Vanillebasis in die große Maschine und der Duft hebt sich wie eine weiche Wolke aus der Vergangenheit. Mira wischt weiter, summt vor sich hin bis das schwere Wort von gestern Abend wieder in ihrem Kopf auftaucht: Chiaroscuro. Es sitzt dort wie eine Melodie, die man kennt aber noch nicht mitsingen kann.

„Luciaaa?“ fragt sie. Sie wedelt dabei mit dem Lappen in der Luft herum. „Du sag mal… dieses Chiara… Scuro-dings… was heißt das eigentlich genau? Klingt irgendwie wie ein Zaubertrick mit Licht.“ Lucia hebt eine Augenbraue und grinst. „Chiaro heißt hell. Scuro heißt dunkel. Easy. Warum fragst du?“ Mira zuckt mit den Schultern. „Ach, nur so. Ich hab’s gestern im Grünen Buch gelesen. Und ich fand’s voll schön. Aber ich nenn’s jetzt erstmal Schattenleuchten. Irgendwie passt das besser find‘ ich.“

Lucia lacht und schüttelt den Kopf. Es ist ein warmes, herzliches Lachen. „Schattenleuchten… du bist verrückt, ragazza.“ Mira grinst. Mag sein, denkt sie. Aber mir doch egal.

Später dann, nach der Schicht fährt sie mit dem Rad durch den Stadtpark. Der Himmel hängt wie ein flacher Atem über den kahlen Bäumen und die Luft schmeckt irgendwie nach kaltem Metall. Sie setzt sich auf eine Parkbank und holt das Grüne Buch aus der Tasche, dieses alte, schwere Ding, das sich manchmal anfühlt wie eine Türe zu einer anderen Zeit.

Sie schlägt es auf. Und da ist er. Narziss. Der Junge, der sich über ein dunkles Wasserbecken beugt, sein Gesicht halb im Licht, halb im Schatten. Keine Landschaft, kein Beiwerk. Nur er. Und das andere Er, das aus der Tiefe zurückschaut. Miras Herz macht einen kleinen Sprung, so still, dass sie ihn nur selbst hört. Wow… wie kann etwas gleichzeitig so leise und so laut sein?

Das Licht im Bild zieht sie hinein. Wie ein schmaler Strahl. Als ob er fragen würde: Und du, Mira?
Wovor schaust du denn eigentlich weg, wenn du dich im Spiegel siehst? Mira beugt sich unbewusst vor, fast so wie der Junge im Bild. Bin ich das? Oder nur die, die ich glaube zu sein? Ein Wind fährt durch die Büsche und hebt ein paar Blätter kurz vom Boden, fast so als würden sie atmen wollen. Eine Gänsehaut wandert über ihren Nacken.

Und dann versteht sie plötzlich dieses italienische Wort von heute Morgen ohne es erklären zu müssen, ohne es zu googeln, ohne alles. Ahhh… also DAS ist es. Licht und Dunkel nicht getrennt, sondern miteinander. So als würden sie im selben Atemzug leben. Sie streicht mit dem Daumen über die Buchseite. Der Schatten scheint fast greifbar zu sein.

Sie zieht ihr kleines Tagebuch heraus und kritzelt einen Satz hinein, der aus ihr fällt wie ein Wassertropfen: „Vielleicht spiegelt Wasser ja nur das, was wir uns nicht zu sagen trauen.“ Der Satz bleibt kurz in der Luft schweben bevor er im Buch verschwindet. Sie legt den Stift beiseite, klappt das Buch zu und lehnt sich dann zurück. Die Bank knarzt unter ihrem Gewicht als würde sie leise zustimmen.

Krasser Typ, dieser Caravaggio, denkt sie. Der malt nicht. Der zieht das Licht ja an den Haaren ins Bild. Der Gedanke bringt sie zum Schmunzeln, aber das Gefühl dahinter bleibt ernst: dieses Staunen, das man nicht mit Worten fassen kann.

Dann steht sie auf, steckt das Buch in die Tasche und legt die Hand kurz auf die Bank als würde sie sich bedanken. Vielleicht muss man ja gar nicht wissen, was ein Wort heißt, denkt sie während sie ihr Rad aufschließt. Vielleicht reicht’s auch, wenn man spürt was es macht. Auf dem Heimweg bildet ihr Atem kleine Wolken, die sich in der Luft auflösen. Doch etwas in ihr bleibt warm wie ein kleines Leuchten tief im Schatten.


Tagebuch, 14.11.2025
Nicht das Licht malt
sondern die Dunkelheit, die es zähmt.
Und plötzlich bleibt das Staunen stehen.

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