Am nächsten Morgen liegt der Tau noch auf dem Gras. Das Raufußhuhn ist aber schon lange wach. Es hat kaum geschlafen letzte Nacht. Etwas nagt in ihm, wie eine Wurzel die unter dem Boden auf etwas trifft, das hart ist und im Wege steht. Jetzt schüttelt es sich und blickt über die Alm.
„Drossel“, ruft es, „kannst du bitte mal zum Adler fliegen?“
Die Drossel flattert herunter. „Warum, warum ich, warum?“
„Frag ihn doch, ob er’s gesehen hat. Ob er weiß, warum die Herde nicht hierher gekommen ist.“
Die Drossel nickt, sie zögert kurz, dann hebt sie ab nach oben in die dünne Luft.
Das Raufußhuhn geht langsam zur Holzlege. Es weiss gar nicht genau warum eigentlich. Der Wind hat gedreht. Er riecht nicht mehr nach Wiese. Nicht mehr nach Werden. Es richt eher nach Weniger, irgendwie. Das Raufußhuhn findet nicht die passenden Worte um es auszudrücken. Hinter der Holzlege raschelt es. Der Grashüpfer duckt sich unter ein loses Brett. Er sieht, wie das Marderweibchen immer wieder in eine kleine Spalte schlüpft und dann wieder herauskommt. Sie ist aufgeregt, fahrig, verwirrt. So als suchte sie etwas, das nicht mehr da ist.
„Sie hat Junge“, flüstert der Grashüpfer dem Raufußhuhn zu. „Drei. Ganz klein sind sie noch.“
Das Marderweibchen murmelt vor sich hin. „Die Menschen kommen nicht zurück. Sie haben sich geholt was sie brauchen und jetzt bringen sie uns nichts mehr zurück. Keine Decke. Kein Brot. Keine Spuren im Schlamm. Die Tiere sind vorbeigezogen. Einfach vorbei…“
Inzwischen versammeln sich die Tiere, weil sie auf die Rückkehr des Adlers warten. Sie unterhalten sich und ihre Stimmen klingen unsicher.
„Was, wenn es keinen Platz für das Marderweibchen mehr gibt?“ fragt der Grashüpfer
„Was, wenn dort schon andere sind?“ Die Waldmaus zupft sich am Ohr.
„Was, wenn wir hier nicht bleiben können weil alles zuwächst und sich unsere schöne Alm so verändert, dass wir hier einfach nicht mehr leben können?“ Überlegt jetzt auch das Raufußhuhn. Dann eine nachdenkliche Stille. Endlich kehrt der Adler zurück und auch die Drossel landet kurz darauf.
„Er sagt: Es ist eine andere Herde, die vorbeigezogen ist und mit anderen Menschen. Sie haben eine andere Alm.“
„Also wirklich?“, fragt da die Waldmaus. Der Adler nickt nur.
Etwas Wertvolles geht hier verloren. Hoffentlich nicht endgültig. Und unterhalb der Latsche ist auf einmal nichts mehr zu hören. Kein Rascheln mehr. Kein Ziehen mehr. Nur der Blick aller Tiere, der in eine Richtung geht. Dorthin wo die Herde verschwunden ist. Und wohin auch das Marderweibchen ihr nun folgt.