Der Regen kehrt zurück aber nicht wie ein Sturm sondern wie ein leiser Nachsatz. Er füllt die Ränder des Tages, lässt Fenster beschlagen und Gedanken sich setzen. Mira hat das grüne Buch wieder aufgeschlagen. Es liegt vor ihr wie ein alter Freund. Schwer in der Hand und vertraut im Klang. Der Einband dunkelgrün, der Titel in goldenen Lettern: Barock – Der Atem Europas. An manchen Seiten kleben noch Spuren vom letzten Kakao.
Sie ist beim Kapitel über Ignatius. Der Text beginnt mit einer Wunde. Íñigo, sagt das Buch wird nicht heilig geboren sondern er wird verwundet und bleibt liegen. Vielleicht beginnt alles Wichtige im Liegen, denkt Mira während sie mit dem Finger über die Ränder des Papiers streicht. Stillgelegt durch einen Unfall, ein Schicksalsmoment, ein gestopptes Leben. Und genau dort wo alles scheinbar stillsteht beginnt etwas Neues zu brennen. Nicht auf einmal sondern wie Glut unter Asche.
Ignatius liest. Zuerst aus Langeweile und später dann mit wachsender Neugier. Und irgendwann beginnt er zu unterscheiden. Nicht zwischen gut und böse sondern tiefer: zwischen Impuls und Entscheidung. Zwischen dem was schnell kommt, und dem was bleibt. Mira lehnt sich zurück. Vielleicht ist das Unterscheiden sogar schwerer als Kämpfen?
Das Kapitel spricht von Geistlichen Übungen. Kein Dogma, also keine geschlossene Lehre oder sowas. Eher eine Praxis. Eine Schule der Stille. Mira liest langsam weil etwas an diesen Worten nachklingt, eher wie ein Echo eines Gedankens. Übung, denkt sie. Klingt wie Turnhalle. Aber vielleicht ist es ja eher innere Beweglichkeit?
Ignatius gründet den Jesuitenorden. Kein exklusiver Zirkel war das sondern eine Schule des Denkens, Fühlens und Entscheidens. Im Barockbuch ist das keine Randnotiz. Es wird ganz deutlich: Ohne den Ignatius kein Barock wie Mira ihn gerade erst beginnt zu verstehen. Die Jesuiten tragen ihn durch die Berge. Von Rom nach Wien, nach München, nach Prag. Sie bauen, lehren, spielen Theater nicht zur Ablenkung sondern zur Erschütterung. Alles was die Menschen berührt gehört zur Übung.
Mira denkt zurück an das Kapitel über die Jesuitenkirche in Wien. Die Farben, das Licht, der Wille zur Ergriffenheit. Vielleicht war das kein Prunk, sagt sie leise, vielleicht war das Mut. Der Versuch, dem Unsichtbaren einen Raum zu geben.
Sie schließt die Augen. Draußen perlt der Regen über das Fensterbrett. In ihr hallt der Gedanke nach: „Gott in allen Dingen finden.“ Das stand da wirklich so. Nicht nur in Kirchen. Nicht nur im Schweigen. Sondern überall. In Gesprächen. In Verantwortung. Im Chaos.
Wenn das stimmt, denkt sie, dann ist das Leben nicht Ablenkung vom Wesentlichen sondern das Wesentliche selbst.
Das Kapitel endet nicht mit einem Schlussstrich. Es klingt aus. Und lässt Platz.
Mira sitzt noch eine Weile da bevor sie das Buch schließt. Es knackt leise im Rücken als wäre es rundum zufrieden wieder einmal gelesen worden zu sein. Auf der Fensterbank zittert das alte Blatt aus dem Stadtpark ganz leicht im Luftzug. Vielleicht ist nichts vorbei was einmal geglüht hat?
Sie sagt leise:
„Ignatius, du warst kein Lauter. Du warst ein Leiser mit Flamme.“
Und dann bleibt der Raum still aber er bleibt nicht leer. Eher so wie ein Raum der gerade geatmet hat.
Tagebuch 02.11.2025:
Übung heißt nicht: perfekt werden.
Übung heißt: da sein, wenn das Leben ruft.
Immer wieder. Manchmal auch mit Kaffee.