Perspektiven

oder alles Illusion

Mira schiebt ihr Radl das letzte Stück durchs Gras. Der Weg ist holprig, die Reifen graben sich in den Boden wie in einen weichen Gedanken. Es ist ein warmer Oktobertag. Das Licht zögert auf dem See wie eine Frage, die keiner laut stellt. Der Tüttensee liegt still da, fast zu still für einen See, eher wie ein Spiegel der gerade nichts zurückgibt sondern einfach hält.

Sie breitet ihre Decke aus. Kariert, rot, vertraut. Heute wirkt sie wie ein Tuch das man einem Gast ausbreitet. Sie setzt sich, legt das grüne Buch neben sich. Der Einband ist etwas ausgebleicht, die Ecken weich aber es hat Gewicht und das nicht nur in Gramm. Es riecht nach Keller, nach Sommer, nach etwas, das man nicht benennen kann aber kennt.

Sie schlägt es auf.

„Barocke Illusion ist keine Täuschung. Sie ist eine kalkulierte Geste der Großzügigkeit.“

Mira liest den Satz dreimal. Dann schaut sie auf. Der See spiegelt das Licht aber nicht so wie ein Spiegel es tut. Es ist mehr wie ein Kompromiss. Als würden Wasser und Himmel sich einigen auf ein gemeinsames Bild. Sie denkt: Vielleicht ist das schon die erste Illusion.

Im Buch steht, dass die großen barocken Fresken genau das tun: ein Angebot machen. Sie spielen nicht mit der Wahrheit, sie erweitern sie. Ein Himmel gemalt auf Stein der sich auftut, weil der Betrachter gemeint ist. Mira stellt sich das vor wie Maler auf Gerüsten liegen, rechnen, wie das Auge fällt, kippt, träumt. Nicht für sich, sondern für den anderen. Für einen Blick, der kommt, irgendwann.

Illusion, denkt sie, heißt nicht: Es ist nicht echt. Es heißt: Du bist willkommen.

Sie legt das Buch in den Schoß. Eine Libelle zieht eine Linie durchs Wasser. Die Luft riecht nach Birkenrinde, nach spätem Gras. Irgendwo ruft ein Vogel. Der See antwortet nicht.

Sie liest weiter. Von Deckenfresken, die Kuppeln vortäuschen. Von Böden, die sich nach oben stülpen. Von Kirchen, in denen der Raum mehr ist als er scheint. Mira denkt: Das ist kein Betrug. Das ist wie ein gut gedeckter Tisch – nicht um etwas zu verstecken, sondern um jemanden zu ehren.

Ein Kapitel beginnt mit einem Namen: Henriette Adelaide von Savoyen. Mira erinnert sich. Sie hat ihn schon einmal gelesen. Heute steht da, dass diese Frau Kirchen bauen ließ in denen man nicht beten musste um zu staunen. Dass sie Kunst als Architektur des Blicks verstand. Mira stellt sich vor, wie Henriette durch eine unfertige Kirche geht, mit erhobenem Kopf, einem Plan in der Hand und einer Vision im Herzen die größer war als ihr Jahrhundert.

Sie schreibt in ihr Notizbuch:

Fundstück

Henriette Adelaide – sie hat mitgebaut an der Perspektive.

Sie legt den Stift beiseite und zieht die Knie an den Körper. Der Wind ist kaum spürbar aber er verändert die Haut. Mira denkt an Fresken, an Trompe-l’Œil, an Kuppeln, die atmen. Und plötzlich fühlt sie sich selbst wie Teil eines Bildes. Als säße sie nicht am See, sondern in ihm – gemalt, gesehen, gemeint.

Sie schreibt später in ihr Tagebuch:

„Ich glaube, der Barock wusste: Man muss Menschen manchmal helfen, sich zu sehen.“

Ein Satz der bleibt. Der nicht erklärt sondern trägt. Wie eine Hand auf dem Rücken. Sie bleibt noch lange sitzen. Die Sonne wandert, die Schatten werden blauer. Ein Hund bellt in der Ferne, jemand lacht. Mira denkt: Vielleicht ist Illusion nur ein anderes Wort für Vertrauen. Dass etwas da ist, obwohl es sich verbirgt. Dass man es sieht, wenn man sich sehen lässt.

Sie steht auf, faltet die Decke langsam, fast wie ein Ritual. Das Buch kommt in die Tasche, schwer und leicht zugleich. Auf dem Rückweg schaut sie anders. Die Bäume stehen wie Kulissen, das Licht fällt wie geplant. Die Welt wirkt nicht inszeniert, eher aufmerksam. Als hätte sie sich zurechtgemacht ohne aufdringlich zu sein.

Sie bleibt an einer Weggabelung stehen, sieht zurück zum See. Der Blick ist leer und voller Andeutungen. Perspektive, denkt sie, ist kein Trick. Es ist ein Raum, den jemand für dich geöffnet hat.


Tagebuch, 30.10.2025:
Perspektive ist kein Trick
sie ist ein Geschenk
das dich mit einbezieht

Schwarz-weiße Scherenschnitt-Illustration von Mira, die still in das Grüne Buch vertieft ist – ein zentrales Motiv aus Mira und das Grüne Buch.

Perspektiven

oder alles Illusion

Mira schiebt ihr Radl das letzte Stück durchs Gras. Der Weg ist holprig, die Reifen graben sich in den Boden wie in einen weichen Gedanken. Es ist ein warmer Oktobertag. Das Licht zögert auf dem See wie eine Frage, die keiner laut stellt. Der Tüttensee liegt still da, fast zu still für einen See, eher wie ein Spiegel der gerade nichts zurückgibt sondern einfach hält.

Sie breitet ihre Decke aus. Kariert, rot, vertraut. Heute wirkt sie wie ein Tuch das man einem Gast ausbreitet. Sie setzt sich, legt das grüne Buch neben sich. Der Einband ist etwas ausgebleicht, die Ecken weich aber es hat Gewicht und das nicht nur in Gramm. Es riecht nach Keller, nach Sommer, nach etwas, das man nicht benennen kann aber kennt.

Sie schlägt es auf.

„Barocke Illusion ist keine Täuschung. Sie ist eine kalkulierte Geste der Großzügigkeit.“

Mira liest den Satz dreimal. Dann schaut sie auf. Der See spiegelt das Licht aber nicht so wie ein Spiegel es tut. Es ist mehr wie ein Kompromiss. Als würden Wasser und Himmel sich einigen auf ein gemeinsames Bild. Sie denkt: Vielleicht ist das schon die erste Illusion.

Im Buch steht, dass die großen barocken Fresken genau das tun: ein Angebot machen. Sie spielen nicht mit der Wahrheit, sie erweitern sie. Ein Himmel gemalt auf Stein der sich auftut, weil der Betrachter gemeint ist. Mira stellt sich das vor wie Maler auf Gerüsten liegen, rechnen, wie das Auge fällt, kippt, träumt. Nicht für sich, sondern für den anderen. Für einen Blick, der kommt, irgendwann.

Illusion, denkt sie, heißt nicht: Es ist nicht echt. Es heißt: Du bist willkommen.

Sie legt das Buch in den Schoß. Eine Libelle zieht eine Linie durchs Wasser. Die Luft riecht nach Birkenrinde, nach spätem Gras. Irgendwo ruft ein Vogel. Der See antwortet nicht.

Sie liest weiter. Von Deckenfresken, die Kuppeln vortäuschen. Von Böden, die sich nach oben stülpen. Von Kirchen, in denen der Raum mehr ist als er scheint. Mira denkt: Das ist kein Betrug. Das ist wie ein gut gedeckter Tisch – nicht um etwas zu verstecken, sondern um jemanden zu ehren.

Ein Kapitel beginnt mit einem Namen: Henriette Adelaide von Savoyen. Mira erinnert sich. Sie hat ihn schon einmal gelesen. Heute steht da, dass diese Frau Kirchen bauen ließ in denen man nicht beten musste um zu staunen. Dass sie Kunst als Architektur des Blicks verstand. Mira stellt sich vor, wie Henriette durch eine unfertige Kirche geht, mit erhobenem Kopf, einem Plan in der Hand und einer Vision im Herzen die größer war als ihr Jahrhundert.

Sie schreibt in ihr Notizbuch:

Fundstück

Henriette Adelaide – sie hat mitgebaut an der Perspektive.

Sie legt den Stift beiseite und zieht die Knie an den Körper. Der Wind ist kaum spürbar aber er verändert die Haut. Mira denkt an Fresken, an Trompe-l’Œil, an Kuppeln, die atmen. Und plötzlich fühlt sie sich selbst wie Teil eines Bildes. Als säße sie nicht am See, sondern in ihm – gemalt, gesehen, gemeint.

Sie schreibt später in ihr Tagebuch:

„Ich glaube, der Barock wusste: Man muss Menschen manchmal helfen, sich zu sehen.“

Ein Satz der bleibt. Der nicht erklärt sondern trägt. Wie eine Hand auf dem Rücken. Sie bleibt noch lange sitzen. Die Sonne wandert, die Schatten werden blauer. Ein Hund bellt in der Ferne, jemand lacht. Mira denkt: Vielleicht ist Illusion nur ein anderes Wort für Vertrauen. Dass etwas da ist, obwohl es sich verbirgt. Dass man es sieht, wenn man sich sehen lässt.

Sie steht auf, faltet die Decke langsam, fast wie ein Ritual. Das Buch kommt in die Tasche, schwer und leicht zugleich. Auf dem Rückweg schaut sie anders. Die Bäume stehen wie Kulissen, das Licht fällt wie geplant. Die Welt wirkt nicht inszeniert, eher aufmerksam. Als hätte sie sich zurechtgemacht ohne aufdringlich zu sein.

Sie bleibt an einer Weggabelung stehen, sieht zurück zum See. Der Blick ist leer und voller Andeutungen. Perspektive, denkt sie, ist kein Trick. Es ist ein Raum, den jemand für dich geöffnet hat.


Tagebuch, 30.10.2025:
Perspektive ist kein Trick
sie ist ein Geschenk
das dich mit einbezieht

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