Die Tür zur Bibliothek steht offen. Es ist noch früh. Der Stein unter unseren Schritten ist hart und kühl. Die Luft riecht nach Leim und nach altem Papier, nach Holz das einfach da ist und nichts sagen muss. Staub liegt auf den Regalböden, fein und unbewegt als hätte sich heute früh noch niemand hierher verirrt. Licht fällt in schrägen Bahnen durch hohe Fenster und es streift Buchrücken, zerlesene Kanten und schliesslich die Maserung der schweren Tische.
Er sitzt am dritten Tisch von rechts, nahe dem Fenster durch das das Licht auf den Rand seiner Schulter trifft. Der Stoff den er trägt ist dunkel, schlicht, kaum abgenutzt und wirkt dabei doch getragen. Vor ihm liegt ein Foliant. Seine Seiten sind schwer, manche an den Ecken gebrochen. Die Schrift ist eng, eine Handschrift, lateinisch. Vielleicht Augustinus. Vielleicht auch Benedikt. Eine dieser Ordnungen jedenfalls, die das Denken in ein System binden wollten. Er blättert langsam, ganz langsam aber ohne Ziel. Man sieht es: er liest nicht. Nicht wirklich. Die Augen ziehen über die Zeilen, sie bleiben aber nirgends stehen. Seine Gedanken sind längst woanders. Die Bewegung der Hand ist sanft und dabei kontrolliert. Seine Gestik scheint fast wie ein Reflex, wie ein Versuch sich festzuhalten an etwas das ihm vertraut ist.
Der Tisch ist leer. Kein zweites Buch, kein Tintenfass, kein Zeichen. Nur dieser eine Text. Keine Geste, kein Aufmerken, kein Ausruf. Aber in seinem Gesicht liegt eine Unruhe, eine Art Spannung die sich nicht aus dem Buch oder der Umgebung entsteht sondern aus seinem Inneren. Dann atmet er langsam aus und man spürt, dass irgend etwas in ihm Halt sucht, den der Text ihm aber nicht mehr gibt.
Was wir morgen tun, steht nicht mehr in diesen Büchern.
Sein Blick hebt sich, nur ganz kurz. Er streift über das Regal, die Wände, er erfasst das Licht. Und für einen Moment meint man, er sieht in unsere Richtung. Nicht direkt. Nur so als hätte sich sein Raum geöffnet. Ob er uns sieht? Ob er uns spürt? Wir wissen es nicht. Vielleicht tut er das. Vielleicht aber auch nicht. Aber in diesem Moment sind wir nicht mehr nur Beobachter. Er hat uns eingewoben in seine Gedanken.
Dies ist nicht mehr die Kirche von Augustinus. Und auch nicht die Ordnung die Benedikt gestiftet hat. Wir lösen uns zwar nicht von ihnen aber wir bewegen uns in eine neue Richtung. Was wir morgen schwören wird kein Rückzug sein sondern ein Schritt ins Ungewisse und ins Offene.
Seine Finger ruhen auf dem Seitenrand. Nicht fahrig. Eher wach.
Wir sind keine Mönche. Wir gehören nicht in ein Kloster. Wir werden gesandt, nicht an die Regel gebunden. Wir werden dort leben wo wir gebraucht werden. Nicht um irgend etwas zu besitzen sondern um verfügbar zu sein.
Dann huscht ein fast unmerkliches Lächeln über sein Gesicht. Es ist ein wissendes Lächeln, ein vertrauendes Lächeln.
Wenn Rom unser Weg sein soll, dann gewiss nicht als Pilgerziel. Sondern als Achse. Nicht um Nähe zur Macht zu suchen und uns anzubiedern. Nein, dienen wollen wir ihr aber ohne uns zu beugen.
Er lehnt sich zurück und wirkt dabei ganz gelöst. Seine Gedanken haben sich zwar nicht beruhigt aber sie sind durch ihn hindurchgegangen. Und jetzt atmet er ruhiger. Das Buch liegt offen vor ihm aber es gehört in diesem Moment nicht mehr zu seinem Leben. Draußen im Hof ein Ruf und ein Glockenschlag der vom Tagesbeginn kündet. Aber hier drinnen ist es jetzt ganz ruhig.
Und plötzlich sind wir uns ganz sicher. Er hat uns gesehen. Nicht mit seinen Augen sondern mit einem Teil von sich, der ab morgen nicht mehr nur ihm alleine gehören wird.