Die Tür zur Kantine fällt langsam hinter uns ins Schloss als wolle sie niemanden stören. Nicht den Nachmittag. Nicht den Kaffee. Nicht das Jetzt in dem wir uns gerade einfinden. Wir sind zu dritt, schweigend, wie nach einem langen Spaziergang, der kein Ziel hatte außer das Gehen selbst. Lisa streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Du siehst dich kurz um und ich frage mich ob ich den Raum betrete oder ob der Raum mich empfängt. Eigentlich läuft’s ja auf das Gleiche hinaus.
Soleil ist da, wie immer. Sie gehört zu diesem Ort ebenso wie der Geruch von gerösteten Bohnen, das gedämpfte Klirren von Geschirr, das Atmen des Lichts auf den Kantinentischen. Man weiß nie ob sie sich bewegt oder ob der Raum sich durch sie bewegt. Fast ein wenig absurd, das Ganze. Sie steht nicht im Zentrum, sie ist selbstverständlich da. Wie immer. Drei Tassen stehen schon bereit und der Kaffee dampft aber nur leicht. Gerade so dass man das Leben darin erahnen kann.
Wir setzen uns an einen Tisch dort, wo der Nachmittag am ruhigsten ist. Die Holzplatte ist warm vom Sonnenlicht, das durch die Fenster fällt. Alles scheint zu warten. Ja nicht etwa ungeduldig wartet die Szenerie auf irgend etwas, eher aufmerksam, so wie ein Atemzug der sich noch nicht entschieden hat ob er bleiben oder gehen will.
Da öffnet sich die Tür. Ohne großen Effekt, kein Windstoß oder so etwas, nein eher unauffällig. Nur diese eine Bewegung in der ein Mann den Raum betritt als wäre er schon hier gewesen bevor dieser Ort überhaupt existierte. Sein Gewand trägt den Schnitt vergangener Jahrhunderte aber nichts an ihm wirkt fremd oder seltsam. Der Stoff fällt schlicht. Er hat Haltung und seine Schritte sind weder langsam noch hastig. Sie sind bewusst gesetzt. So als ginge er gar nicht zu uns sondern in uns hinein, irgendwie.
Er sieht uns nicht direkt an aber er verfehlt uns auch nicht mit seinem Blick. Es ist als läge um ihn eine stille Autorität, die uns nicht beansprucht, sondern die uns beim Namen ruft. Er setzt sich ohne zu fragen an unseren Tisch, ganz selbstverständlich als hätte die Zeit sich für einen Augenblick zurückgebogen um ihn hierher zu führen. In diese Kantine des IfaZ. Genau in diesen Moment.
Er spricht nicht. Und doch verändert sich etwas. Der Raum beginnt anders zu atmen und die Geräusche werden runder, die Luft dichter. Du hebst die Tasse, Lisa blinzelt ins Licht und ich weiß plötzlich, wer er ist ohne es wirklich zu wissen. Pierre Favre. Der aus Savoyen. Der, der nach Paris ging weil Gott nicht mehr zu ihm sprach wie früher. Weil er lernen wollte, was es heißt ein Mensch zu sein der dient, nicht herrscht.
Morgen wird er oben auf dem Hügel die Messe lesen in der kleinen Kapelle von Montmartre. Er ist der Einzige unter den Sieben, der dazu befugt ist und dabei ist er auch der Einzige, der weiß dass das nicht genügen wird.
Er sitzt aufrecht, seine Hände ruhig auf den Oberschenkeln und die Augen halb gesenkt. Obwohl er sich nicht bewegt entsteht etwas Neues im Raum. Etwas Inneres beginnt sich zu formen, kein Gedanke ist es sondern ein Gebet. Wie eine Welle, die unter seiner Oberfläche weiterrollt:
Herr. Ich habe nie darum gebeten der Erste zu sein. Ich wollte nicht vorangehen. Ich wollte folgen. Doch morgen werde ich stehen und ich werde Deine Worte sprechen über das Brot, über den Kelch, über das Leben dieser Männer die sich Dir geben werden. Ich bin nicht ihr Führer, ich bin ihr Mitbruder. Und ich weiß, was es heißt, das Brot zu brechen ohne es zu besitzen. Ich bin das Werkzeug, nicht der Plan. Ich bin der Becher, nicht der Wein. Lass mich rein sein. Lass mich leer sein, damit Du durch mich fließen kannst.
Soleil bewegt sich hinter der Theke wie das Licht in einem alten Spiegel. Kein Geräusch das stört. Nur der Duft von Gebäck, von frisch Geschnittenem, von etwas das nach Zuhause riecht. Sie stellt einen Teller mit drei kleinen Keksen auf unseren Tisch und für einen Moment scheint es, als wäre sie nicht Betreiberin des Cafés sondern dessen Atem. Sie blickt uns an und sagt mit einer Stimme, die keine Betonung nötig hat:
„Wisst ihr eigentlich in welchem Jetzt ihr gerade seid?“
Dann wendet sie sich wieder ab, und alles ist, als wäre nichts geschehen.
Die Stille die bleibt ist keine Leere. Sie ist wach und lauschend. Ich sehe zu dir hinüber, du siehst nicht zurück. Lisa rührt in ihrem Kaffee ohne Zucker. Der Mann bewegt sich nicht. Und doch ist da etwas das uns alle erreicht ohne zu fragen wer wir sind.
Ich habe gesehen, wie Zweifel in ihren Augen standen und gespürt, wie sich Vertrauen durch die Worte schob, wie Wasser durch feine Risse im Stein. Ich weiß nicht ob das, was sie morgen schwören werden uns wirklich tragen wird. Ich weiß nur dass ich sprechen werde. Nicht für mich werde ich sprechen, sondern für das was kein Zurück mehr kennt.
Er wird das Brot heben. Er wird sagen: Das ist mein Leib. Und in diesem Moment wird es nicht mehr seiner sein.
Er wird sagen: Das ist mein Blut. Und es wird gegossen sein für viele. Nicht für Macht, nicht für Rom sondern für die, die hören, für die, die gesandt werden, für die, die bleiben.
Herr, nimm was ich bin und forme was kommen soll. Ich bin nicht das Ziel. Ich bin nur das Gebet.
Der Raum ist derselbe. Aber wir sind es nicht mehr ganz.