Paris, 15. August 1534, irgendwo zwischen 2:00 und 3:00 Uhr
Ich liege wach. Die Decke ist zu schwer, dafür ist die Nacht zu leicht. Paris atmet durch das geöffnete Fenster, warm und müde als wäre die Stadt selbst erschöpft vom Denken. Kein Laut außer manchmal ein Windstoß. Schlafen wäre gut. Morgen der Schwur. Oder heute. Mitternacht ist wohl schon vorbei. Ich sollte jetzt wirklich ruhen. Ruh dich aus, Nicolás, lass los. Aber mein Kopf ist voll. Fühlt sich an wie ein leerer Saal nach einem Streitgespräch. Zuviel ist hängen geblieben und alles liegt noch unsortiert herum oder hängt schwebend in der Luft, konturlos: Argumente, Gesten, Blicke.
Ich sehe Ignatius vor mir, nein nicht so wie er heute ist sondern so wie er war als ich ihm zum ersten Mal begegnete. In Paris. In irgendeinem dieser vielen Seminarräumen mit Fenstern, die das Licht nicht wirklich durchließen, sondern eher in Fetzen zerbrachen. Er stand nicht im Mittelpunkt, das war überhaupt nicht seine Art damals. Er zog mich an. Er war ein Mann, der sich durch nichts aufdrängte, der sich nicht in den Vordergrund spielte, der aber trotzdem mit Selbstverständlichkeit anwesend war. Ich hatte ihn beobachtet. Erst mit Skepsis, dann mit mehr und mehr Widerstand. Wie er da saß, fast ruhig, als wolle er einen Disput nicht gewinnen, sondern ihn verwandeln. Das war das Beunruhigende. Ich spürte, dass ich ihn nicht besiegen konnte.
Er sprach leise. Klar. Er ließ Pausen. Ich erinnere mich an eine Diskussion über den Willen. Freier Wille, göttlicher Wille, Widerstand. Ich widersprach ihm. Natürlich widersprach ich ihm. Nicht um des Widerspruchs willen, eher um meine Linie zu behaupten, meine Haltung. Er nahm den Widerspruch auf wie ein Stein den man ihm reichte. Legte ihn zu den anderen. Baute still etwas daraus. Ich mochte das nicht. Diese Art sich nicht zu verteidigen sondern zu verwandeln. Ich glaube, ich hatte einfach Angst davor, dass er recht haben könne. Oder schlimmer noch: dass er gar nicht auf recht haben zielte, sondern auf Tiefe in der Wirkung.
Ich drehe mich zur Seite und die Matratze knarrt als wolle sie auch ein Wörtchen mitreden. Mein rechter Arm ist eingeschlafen. Ich nicht. Immer noch nicht. Morgen also der Schwur. Der große Schwur. Unsere sieben Stimmen, sieben Körper, sieben Absichten ab morgen zusammengebunden zu einem Pakt. Ich habe zugestimmt. Natürlich habe ich zugesstimmt. Weil ich das Feuer sehe, das in dieser Bewegung liegt. Und weil ich glaube, dass wir gebraucht werden. Aber ein Teil von mir, nein, nicht nur ein Teil, ein ganzer Wesenszug in mir bleibt misstrauisch.
Ignatius will nach Rom. Er sagt es sei der Weg. Ich spüre, dass er meint es sei der einzig mögliche. Ich sage zu ihm: Palästina. Das war doch das Ziel. Das war es, worauf wir uns verständigt hatten. Pilgerschaft, Armut, das Heilige, nicht das Mächtige. Und jetzt soll Rom unser Hafen sein? Der Hafen aus dem das Licht verschifft wird, sagt Diego. Als wäre Licht eine Ware. Ein geweihtes Produkt, ordentlich gestempelt und dann von Bischöfen verteilt.
Ich glaube nicht daran. Ich glaube nicht, dass man das Feuer unter Aufsicht halten kann. Es wird entweder frei gelassen oder es verglimmt. Vielleicht bin ich zu ungeduldig. Vielleicht auch zu stolz. Nein, nicht stolz, eher empfindlich. Auf Wahrheit empfindlich. Auf das was echt ist, auf das was brennt. Rom brennt nicht. Rom sitzt. Unverrückbar wie der Fels.
Ein kurzer Ruck geht durch meinen Körper, ich bin doch eingenickt. Nur ein paar Minuten waren es vielleicht. Ich fühle mich, als hätte ich etwas versäumt. Der Schlaf war schwer wie ein nasser Mantel. Ein Bild bleibt: Ich stehe allein in einem leeren Dom. Kein Altar, keine Menschen, nur Licht das durch Mauern fällt, wo aber gar keine Fenster sind. Seltsam. Ich gehe ein paar Schritte und ein Echo antwortet auf Fragen, die ich gar nicht gestellt habe. Ich bin jetzt wieder ganz wach.
Was, wenn wir morgen etwas versprechen, das wir dann nicht halten können? Was, wenn unsere Wege sich trennen noch bevor sie überhaupt gemeinsam begonnen haben? Ich weiß schon, Ignatius wird uns führen. Er ist dieses ruhige Zentrum. Aber manchmal denke ich: Vielleicht führt er uns zu weit hinein in eine Ordnung, die das Feuer gar nicht mehr braucht sondern nur noch das Gleichmaß. Er sagt, Gott brauche Werkzeuge. Ich aber sage, Gott braucht Flammen!
Ich habe mich auf den Kampf vorbereitet. Die Reformation breitet sich aus wie ein anderer Wind. Ein kalter, ein rasend schneller Wind, der Türen aufreißt, der aber auch die Herzen entstellt. Ich will ihn nicht zulassen, diesen Wind! Ich will nicht dass sie das Wort zerschneiden. Aber ich frage mich, ob wir sie mit Argumenten besiegen können. Oder lieber mit Lautstärke. Oder doch mit Gnade. Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht, nur eines weiß ich: Ich will nur nicht schweigen.
Und ich will nicht stillstehen. Ich glaube, dass das mein Problem ist. Ich bin ganz sicher keiner für Klöster oder für Verwaltungen in Rom. Ich bin ein Mann für das offene Feld, für den Kampf. Vielleicht ist das kindisch. Vielleicht aber auch göttlich.
Der Himmel draußen wird schon heller. Nur ganz leicht. Aber ich sehe den Schatten meiner Hand auf dem Laken. Ich weiß was das bedeutet.
Ich werde schwören. Ich werde mit ihnen gehen. Ich werde auf mein Knie sinken und das Wort sprechen. Aber in mir wird immer etwas stehen bleiben. Eine Wache. Eine Flamme. Etwas, das sich nicht unterordnet sondern sich aufrichtet, wenn es zu ruhig wird. Vielleicht braucht auch Gott jemanden, der wach bleibt und der kämpft wenn alle anderen schlafen.