Salome

oder auch ein Fürstbischof kann sich verlieben

Das Eiscafé ist noch nicht ganz wach. Draußen tropft der Regen gleichmäßig vom Sonnensegel, innen blubbert der Espressokessel wie ein verschlafenes Tier. Mira steht hinter der Theke, eine leere Milchkännchen-Tasse in der Hand, als hätte sie vergessen, was sie damit eigentlich wollte. Vielleicht Milch aufschäumen. Oder nur kurz innehalten.

Sie hat das Grüne Buch heute dabei – und das ist selten. Normalerweise bleibt es auf ihrem Nachttisch oder auf dem Fensterbrett, wo es den Geruch von Zimtschnecken annimmt. Aber heute wollte sie es zeigen. Lucia, ihrer Chefin. Weil Lucia Italienerin ist und gestern gefragt hat, ob in dem Buch etwas über Il Gesù steht, die Jesuitenkirche in Rom. Mira hat sich das gemerkt. Hat das Buch vorsichtig zwischen Schürze und Notizblock in den Rucksack geschoben. „Ich zeig’s ihr nur kurz.“

Lucia ist noch nicht da. Und das Café ist leer. Nur das Licht draußen wird langsam heller. Mira setzt sich auf den Hocker neben dem Schrank, zieht das Buch heraus, klappt es auf, da, wo das Lesebändchen steckt – und rutscht direkt hinein.

Wolf Dietrich von Raitenau. Fürsterzbischof. Kühn, standhaft, mit großen Plänen. Salzburg sollte das „Rom nördlich der Alpen“ werden. Ein Ort des Glanzes, des Glaubens, der Kunst. Ein Wegbereiter des Barock steht da. Einer, der den Ton vorgab, bevor andere folgten. Mira liest das mit einem kleinen Stirnrunzeln. Ein Bischof als Aufrührer? Irgendwie nicht das, was man erwartet.

Sie rutscht mit einem Ellbogen gegen die Sirupflaschen. Klong. Nichts fällt, aber fast. Sie stellt alles wieder gerade, unauffällig, wie jemand, der hofft, dass niemand etwas bemerkt hat.

„Der wollte richtig was. Nicht nur herrschen. Der wollte Schönheit bauen.“

Und dann – fast auf der nächsten Seite – steht da ihr Name. Salome Alt. Keine Adelige. Keine Standesgemäße. Und doch hat er ihr ein Schloss gebaut: Schloss Altenau. Für sie. Nicht als Geste, sondern als Zeichen.

„Für sie. Nicht für Protokoll. Mega.“

Sie liest, dass er dafür alles riskiert hat. Dass er sich nicht lossagte von ihr. Nicht einmal dann, als es um seine Freiheit ging. 1611 wurde er verhaftet, weil er sich der Kirche widersetzte. Weil er blieb.

Mira lehnt sich zurück, stößt dabei fast das Milchkännchen um. Schussligkeit Nummer zwei. Sie grinst. Zieht sich die Schürze zurecht, die verrutscht ist.

Draußen zieht ein Radfahrer vorbei. Im Café duftet es nach Teig und Kaffee. Mira blättert zurück. Sie kennt sich. Sie vergisst Details und will nochmal. Und nochmal.

„Er war doch Bischof. Der darf das nicht. Und trotzdem.“

Vielleicht hat er nicht nur das Schloss für sie gebaut, denkt sie. Vielleicht auch einen Raum in sich, den er offenhielt. Gegen die Vorgaben. Für das, was größer war als Pflicht.

Salome war keine Mätresse, steht da nirgends. Mira liest zwischen den Zeilen. Da ist etwas, das wie Zärtlichkeit klingt. Wie Konsequenz.

Viele sehen ihn heute kritisch, steht im Buch. Als Machthaber, als einer, der Regeln brach, vielleicht auch aus Eitelkeit. Mira liest das, runzelt die Stirn. Aber wenn er nur eitel gewesen wäre, hätt er sich doch losgesagt. Hätt alles glattziehen können.

„Das war nicht verlogen. Das war ehrlich. Vielleicht sogar das Ehrlichste an ihm.“

Und dann merkt sie: Sie bewundert ihn. Nicht fürs Schloss, nicht für den Titel. Sondern dafür, dass er geblieben ist. Bei ihr. Gegen Rom. Gegen alles. Weil es ihm ernst war. Weil es Liebe war.

Ein letzter Satz bleibt hängen: „Er sah im irdischen Glanz das göttliche Prinzip.“

Sie liest von seiner Zeit in Rom. Von den Jesuiten. Von Il Gesù, wo das Licht durch die Kuppel fällt wie durch einen Gedanken. Und Mira denkt: Vielleicht hat er dort zum ersten Mal verstanden, dass Gott nicht nur im Himmel wohnt, sondern auch in der Welt. Und vielleicht war Salome für ihn ein Teil davon.

„Vielleicht war sie seine Kirche.“

Die Kaffeemaschine zickt kurz, Mira erschrickt, dreht sich zu schnell – und stößt beinahe das Buch vom Hocker. Schussligkeit Nummer drei.

Aber alles bleibt heil. Und in ihr bleibt ein Gedanke hängen, ganz zart, wie ein warmer Klecks Sahne auf der Zunge und abends schreibt sie ins Tagebuch:


Tagebuch, 10.11.2025
Vielleicht war der Barock gar nicht so prunkverliebt.
Vielleicht war er einfach nur verliebt.

Schwarz-weiße Scherenschnitt-Illustration von Mira, die still in das Grüne Buch vertieft ist – ein zentrales Motiv aus Mira und das Grüne Buch.

Salome

oder auch ein Fürstbischof kann sich verlieben

Das Eiscafé ist noch nicht ganz wach. Draußen tropft der Regen gleichmäßig vom Sonnensegel, innen blubbert der Espressokessel wie ein verschlafenes Tier. Mira steht hinter der Theke, eine leere Milchkännchen-Tasse in der Hand, als hätte sie vergessen, was sie damit eigentlich wollte. Vielleicht Milch aufschäumen. Oder nur kurz innehalten.

Sie hat das Grüne Buch heute dabei – und das ist selten. Normalerweise bleibt es auf ihrem Nachttisch oder auf dem Fensterbrett, wo es den Geruch von Zimtschnecken annimmt. Aber heute wollte sie es zeigen. Lucia, ihrer Chefin. Weil Lucia Italienerin ist und gestern gefragt hat, ob in dem Buch etwas über Il Gesù steht, die Jesuitenkirche in Rom. Mira hat sich das gemerkt. Hat das Buch vorsichtig zwischen Schürze und Notizblock in den Rucksack geschoben. „Ich zeig’s ihr nur kurz.“

Lucia ist noch nicht da. Und das Café ist leer. Nur das Licht draußen wird langsam heller. Mira setzt sich auf den Hocker neben dem Schrank, zieht das Buch heraus, klappt es auf, da, wo das Lesebändchen steckt – und rutscht direkt hinein.

Wolf Dietrich von Raitenau. Fürsterzbischof. Kühn, standhaft, mit großen Plänen. Salzburg sollte das „Rom nördlich der Alpen“ werden. Ein Ort des Glanzes, des Glaubens, der Kunst. Ein Wegbereiter des Barock steht da. Einer, der den Ton vorgab, bevor andere folgten. Mira liest das mit einem kleinen Stirnrunzeln. Ein Bischof als Aufrührer? Irgendwie nicht das, was man erwartet.

Sie rutscht mit einem Ellbogen gegen die Sirupflaschen. Klong. Nichts fällt, aber fast. Sie stellt alles wieder gerade, unauffällig, wie jemand, der hofft, dass niemand etwas bemerkt hat.

„Der wollte richtig was. Nicht nur herrschen. Der wollte Schönheit bauen.“

Und dann – fast auf der nächsten Seite – steht da ihr Name. Salome Alt. Keine Adelige. Keine Standesgemäße. Und doch hat er ihr ein Schloss gebaut: Schloss Altenau. Für sie. Nicht als Geste, sondern als Zeichen.

„Für sie. Nicht für Protokoll. Mega.“

Sie liest, dass er dafür alles riskiert hat. Dass er sich nicht lossagte von ihr. Nicht einmal dann, als es um seine Freiheit ging. 1611 wurde er verhaftet, weil er sich der Kirche widersetzte. Weil er blieb.

Mira lehnt sich zurück, stößt dabei fast das Milchkännchen um. Schussligkeit Nummer zwei. Sie grinst. Zieht sich die Schürze zurecht, die verrutscht ist.

Draußen zieht ein Radfahrer vorbei. Im Café duftet es nach Teig und Kaffee. Mira blättert zurück. Sie kennt sich. Sie vergisst Details und will nochmal. Und nochmal.

„Er war doch Bischof. Der darf das nicht. Und trotzdem.“

Vielleicht hat er nicht nur das Schloss für sie gebaut, denkt sie. Vielleicht auch einen Raum in sich, den er offenhielt. Gegen die Vorgaben. Für das, was größer war als Pflicht.

Salome war keine Mätresse, steht da nirgends. Mira liest zwischen den Zeilen. Da ist etwas, das wie Zärtlichkeit klingt. Wie Konsequenz.

Viele sehen ihn heute kritisch, steht im Buch. Als Machthaber, als einer, der Regeln brach, vielleicht auch aus Eitelkeit. Mira liest das, runzelt die Stirn. Aber wenn er nur eitel gewesen wäre, hätt er sich doch losgesagt. Hätt alles glattziehen können.

„Das war nicht verlogen. Das war ehrlich. Vielleicht sogar das Ehrlichste an ihm.“

Und dann merkt sie: Sie bewundert ihn. Nicht fürs Schloss, nicht für den Titel. Sondern dafür, dass er geblieben ist. Bei ihr. Gegen Rom. Gegen alles. Weil es ihm ernst war. Weil es Liebe war.

Ein letzter Satz bleibt hängen: „Er sah im irdischen Glanz das göttliche Prinzip.“

Sie liest von seiner Zeit in Rom. Von den Jesuiten. Von Il Gesù, wo das Licht durch die Kuppel fällt wie durch einen Gedanken. Und Mira denkt: Vielleicht hat er dort zum ersten Mal verstanden, dass Gott nicht nur im Himmel wohnt, sondern auch in der Welt. Und vielleicht war Salome für ihn ein Teil davon.

„Vielleicht war sie seine Kirche.“

Die Kaffeemaschine zickt kurz, Mira erschrickt, dreht sich zu schnell – und stößt beinahe das Buch vom Hocker. Schussligkeit Nummer drei.

Aber alles bleibt heil. Und in ihr bleibt ein Gedanke hängen, ganz zart, wie ein warmer Klecks Sahne auf der Zunge und abends schreibt sie ins Tagebuch:


Tagebuch, 10.11.2025
Vielleicht war der Barock gar nicht so prunkverliebt.
Vielleicht war er einfach nur verliebt.

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