[Leises Stimmengewirr. Tassenklirren. Schritte nähern sich, bleiben stehen.]
Vatanen:
Entschuldigung. Darf ich hier sitzen mich?
Bohr:
Bitte gerne. Der Tisch ist nicht reserviert und Gespräche dieser Art profitieren davon, wenn sie durch weitere Perspektiven ergänzt werden.
Schrödinger:
Setzen Sie sich ruhig, mein Herr. Wir führen hier ein Gespräch, das offen geführt wird und durch ihre Teilnahme nur an Tiefe gewinnen kann.
[Ein Stuhl wird gerückt. Vatanen setzt sich.]
Vatanen:
Danke. Guter Platz, wissen sie.
[Soleil stellt Teller und Tasse ab.]
Soleil:
Butterbreze und Kaffee, bitteschön.
Vatanen:
Jo. Passt.
[Kurze Pause. Man hört das Atmen der Anwesenden, dann ein leises Schnaufen bodennah.]
Vatanen:
Ah. Hund da.
[Ein leises Scharren, dann Ruhe.]
Bohr:
Ich stelle fest, dass die Anwesenheit des Tieres, zweifels frei en Dackel, dass die Anwesenheit unsere Situation verändert und zwar ohne dass es dafür einer Handlung unsererseits bedarf. Allein sein Dasein erzeugt eine neue Ordnung der Aufmerksamkeit.
Schrödinger:
Für mich ist es genau diese Art von Auftreten die zeigt, dass Wirklichkeit nicht erst durch Benennung entsteht. Wirklichkeit formt sich nämlich im gemeinsamen Erleben und das erfolgt lange bevor wir überhaupt beginnen können sie einzuordnen. Am Beispiel Dackel also: Zuerst erlebt man ihn und erst nach dem Erleben kann man über ihn sprechen.
Vatanen:
Hund ruhig. Hund brav. Hund schön, jo. Soviel ist klar.
Bohr:
Ich neige dazu, Klarheit dort zu verorten, wo Grenzen gezogen werden können. Dort wo Sprache präzise bleibt und Aussagen sich auf das stützen, was auch tatsächlich beobachtbar ist.
Schrödinger:
Und ich empfinde Schönheit dort, wo diese Grenze nicht sofort geschlossen wird. Wenn Möglichkeit bleibt für Zusammenhänge, für das Weiterdenken und für das, was sich zwischen den Feststellungen bewegt.
[Kurze Stille. Ein Bissen Breze.]
Vatanen:
Zwei Arten schauen. Jo.
Bohr:
Ja. Und dennoch sprechen wir miteinander ohne den Versuch zu unternehmen, die jeweilige Haltung des anderen zu korrigieren oder zu übergehen.
Schrödinger:
Und gerade darin liegt für mich wiederum etwas Wesentliches: nämlich dass Unterschiedlichkeit nicht als Mangel verstanden wird, sondern gerade die Unterschiedlichkeit ist ja die Voraussetzung dafür, dass ein Gespräch überhaupt Bedeutung gewinnt.
Vatanen:
Das sehe ich, jo.
[Der Hund bewegt sich leicht, legt sich hörbar ab.]
Vatanen:
Hund hört zu. Macht kein Urteil.
Bohr:
Er zwingt uns aber auch zu keiner Position und gerade deshalb wird unsere eigene Haltung deutlicher sichtbar.
Schrödinger:
Man könnte auch sagen er fungiert als stiller Zeuge dafür, dass Wirklichkeit auch ohne Entscheidung vollständig sein kann.
[Pause. Atem. Cafégeräusch im Hintergrund.]
Vatanen:
Früher habe ich gesucht nach Schuld und Täter. Immer Schuld und Täter. Gespräch endet dann schnell oder gar nicht möglich erst.
Bohr:
Weil Bewertung den Raum einengt.
Schrödinger:
Und weil sie auch das Gegenüber reduziert.
Vatanen:
Hier im Gespräch anders. Wissen Sie… Sie lassen einander Platz.
[Stille.]
Vatanen:
Das ist sehr schön.
Bohr:
Sie sprechen nicht vom Ergebnis.
Vatanen:
Nein. Spreche vom Umgang.
Schrödinger:
Dann werten Sie also nicht den Inhalt, sondern die Haltung.
Vatanen:
Genau. Jo. Wissen Sie Haltung bleibt stehen. Respekt bleibt stehen.
[Ein leises Klirren, als Soleil Gläser aufnimmt.]
Soleil:
Noch einen Wunsch die Herren?
Vatanen:
Nein. Danke.
[Soleil geht.]
Vatanen: Wissen Sie… so findet man schön. Nicht durch Einigkeit sondern durch Achtung.
[Der Hund atmet ruhig.]
Bohr:
Dann sprechen wir über Werte.
Schrödinger:
Und über die Würde des Unterschieds.
Vatanen:
Jo. Genau so ist es.
[Raum. Offen.]