Zuggedanken

oder Macht und Schönheit

Der Zug fährt mit gleichmäßigem Rattern aus dem Bahnhof. Mira sitzt am Fenster, der Rucksack liegt auf dem Schoß, ihre Jacke riecht noch nach Marmor und Menschen. Sie war heute in der Residenz in Salzburg. Ein spontaner Ausflug, ausgelöst durch dieses grüne Buch. Und während draußen das Land vorbeizieht, denkt sie: Komisch, wie das alles kam. Ein Flohmarkt, ein Buch, ein Kapitel über barocke Räume – und jetzt sitzt sie hier, mit Bildern im Kopf, die ihr vorher nie begegnet sind.

Sie lehnt die Stirn an das Glas. Der Tag war lang. Schön, irgendwie – aber auch anstrengend. Der Prunk, der Glanz, die Pracht in der Residenz: alles so gewaltig. Sie hatte oft stehen bleiben müssen, weil ihre Gedanken nicht nachkamen. So viel Gold, so viele Spiegel. Wände, die wie Bühnenbilder wirken. Und dann dieses kleine Zimmer hinter dem Audienzzimmer – ein Rückzugsort, in dem, wie es heißt, ein Bischof sich Schokolade in rauen Mengen bringen ließ. Das hat sich ihr eingeprägt. Der Prunk, und mitten darin: Gier.

Mira schließt die Augen. Ihr erster Gedanke war Wut. Wut über so viel Ungleichheit. Wie kann ein einzelner Mensch in solchen Räumen leben, während andere…? Sie findet den Satz nicht fertig. Und doch: Diese Räume – sie waren auch schön. Widerständig schön. Und das macht es so schwer.

Sie denkt: Vielleicht ist das genau die Zumutung des Barock. Dass er Schönheit und Macht zusammenbindet. Dass er nicht unterscheidet zwischen Kunst und Einfluss. Dass er Größe zeigt – auch, wenn sie erkauft wurde.

Sie sieht ihr Spiegelbild im Fenster. Ihre eigenen Gedanken schauen sie an. Und plötzlich ist da nicht mehr nur Wut, sondern auch ein Fragezeichen. War das nur Machtdemonstration? Oder war da auch Sehnsucht drin? Der Versuch, mit Architektur etwas zu zeigen, das größer ist als man selbst? Ein Echo vielleicht, auf etwas, das fehlt?

Sie hat kein Urteil. Nur diese Mischung aus Staunen und Zweifel. Aus Anziehung und innerem Widerstand.

Und dann taucht ein Gedanke auf, wie aus einer anderen Zeit: Vielleicht ist das Schöne hier nicht nur Form – sondern Maske. Eine Maske, die nicht lügt, aber auch nicht die Wahrheit sagt. Vielleicht wurde Schönheit benutzt. Nicht, um zu täuschen – sondern um zu schützen. Oder zu überdecken. Vielleicht ist das der Schmerz, den Mira spürt: Dass das Schöne missbraucht werden kann.

Sie denkt an Schuld. An die Frage, ob Schönheit rein bleiben kann, wenn sie sich mit Macht verbindet. Ob der, der sie einsetzt, Verantwortung trägt – oder ob das erst im Blick des Betrachters entsteht. Vielleicht muss das jeder selbst entscheiden. Vielleicht ist das der Zwischenraum, in dem wir heute stehen: Dass wir schauen, erkennen, und nicht wegschaun.

Sie greift nach ihrem Notizbuch, schreibt:

„Ich glaube, der Barock wusste: Schönheit kann tragen. Aber sie darf nichts verdecken.“

Dann schaut sie wieder hinaus. Der Himmel ist rosa-grau. Die Felder ziehen vorbei wie Bühnenkulissen. Alles sieht ein bisschen aus wie gemalt.

Und sie denkt: Vielleicht ist es genau das. Dass das Schöne nicht unschuldig ist. Aber auch nicht schuldig. Es kommt darauf an, was man damit macht.


Tagebuch, 30.10.2025:
Nicht alle Fragen wollen Antworten
Manche wollen nur, dass wir nicht wegschaun

Schwarz-weiße Scherenschnitt-Illustration von Mira, die still in das Grüne Buch vertieft ist – ein zentrales Motiv aus Mira und das Grüne Buch.

Zuggedanken

oder Macht und Schönheit

Der Zug fährt mit gleichmäßigem Rattern aus dem Bahnhof. Mira sitzt am Fenster, der Rucksack liegt auf dem Schoß, ihre Jacke riecht noch nach Marmor und Menschen. Sie war heute in der Residenz in Salzburg. Ein spontaner Ausflug, ausgelöst durch dieses grüne Buch. Und während draußen das Land vorbeizieht, denkt sie: Komisch, wie das alles kam. Ein Flohmarkt, ein Buch, ein Kapitel über barocke Räume – und jetzt sitzt sie hier, mit Bildern im Kopf, die ihr vorher nie begegnet sind.

Sie lehnt die Stirn an das Glas. Der Tag war lang. Schön, irgendwie – aber auch anstrengend. Der Prunk, der Glanz, die Pracht in der Residenz: alles so gewaltig. Sie hatte oft stehen bleiben müssen, weil ihre Gedanken nicht nachkamen. So viel Gold, so viele Spiegel. Wände, die wie Bühnenbilder wirken. Und dann dieses kleine Zimmer hinter dem Audienzzimmer – ein Rückzugsort, in dem, wie es heißt, ein Bischof sich Schokolade in rauen Mengen bringen ließ. Das hat sich ihr eingeprägt. Der Prunk, und mitten darin: Gier.

Mira schließt die Augen. Ihr erster Gedanke war Wut. Wut über so viel Ungleichheit. Wie kann ein einzelner Mensch in solchen Räumen leben, während andere…? Sie findet den Satz nicht fertig. Und doch: Diese Räume – sie waren auch schön. Widerständig schön. Und das macht es so schwer.

Sie denkt: Vielleicht ist das genau die Zumutung des Barock. Dass er Schönheit und Macht zusammenbindet. Dass er nicht unterscheidet zwischen Kunst und Einfluss. Dass er Größe zeigt – auch, wenn sie erkauft wurde.

Sie sieht ihr Spiegelbild im Fenster. Ihre eigenen Gedanken schauen sie an. Und plötzlich ist da nicht mehr nur Wut, sondern auch ein Fragezeichen. War das nur Machtdemonstration? Oder war da auch Sehnsucht drin? Der Versuch, mit Architektur etwas zu zeigen, das größer ist als man selbst? Ein Echo vielleicht, auf etwas, das fehlt?

Sie hat kein Urteil. Nur diese Mischung aus Staunen und Zweifel. Aus Anziehung und innerem Widerstand.

Und dann taucht ein Gedanke auf, wie aus einer anderen Zeit: Vielleicht ist das Schöne hier nicht nur Form – sondern Maske. Eine Maske, die nicht lügt, aber auch nicht die Wahrheit sagt. Vielleicht wurde Schönheit benutzt. Nicht, um zu täuschen – sondern um zu schützen. Oder zu überdecken. Vielleicht ist das der Schmerz, den Mira spürt: Dass das Schöne missbraucht werden kann.

Sie denkt an Schuld. An die Frage, ob Schönheit rein bleiben kann, wenn sie sich mit Macht verbindet. Ob der, der sie einsetzt, Verantwortung trägt – oder ob das erst im Blick des Betrachters entsteht. Vielleicht muss das jeder selbst entscheiden. Vielleicht ist das der Zwischenraum, in dem wir heute stehen: Dass wir schauen, erkennen, und nicht wegschaun.

Sie greift nach ihrem Notizbuch, schreibt:

„Ich glaube, der Barock wusste: Schönheit kann tragen. Aber sie darf nichts verdecken.“

Dann schaut sie wieder hinaus. Der Himmel ist rosa-grau. Die Felder ziehen vorbei wie Bühnenkulissen. Alles sieht ein bisschen aus wie gemalt.

Und sie denkt: Vielleicht ist es genau das. Dass das Schöne nicht unschuldig ist. Aber auch nicht schuldig. Es kommt darauf an, was man damit macht.


Tagebuch, 30.10.2025:
Nicht alle Fragen wollen Antworten
Manche wollen nur, dass wir nicht wegschaun

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