Draußen liegt Schnee. Nicht viel, aber halt genug dass das Licht anders ist. Irgendwie heller, weicher so wie gedämpftes Atmen. Mira sitzt an ihrem Schreibtisch, ihre Füße stecken in dicken Socken und der Tee ist schon wieder einmal kalt geworden. Auf dem Tisch liegt das grüne Barockbuch das sie auf dem Flohmarkt gefunden hat. Es ist alt, es riecht nach Papier und Keller und wenn man die Seiten streicht dann fühlt sich das an als würde man Staub über Geschichte pusten.
Sie wollte ja eigentlich nur kurz ein bischen blättern. Nur mal eben schauen, ob sie wieder was findet über Bernini oder Rom. Aber dann bleibt ihr Blick hängen. Johann Sebastian Bach. Thomaskantor, Leipzig, 1734. Und daneben steht: Weihnachtsoratorium (BWV 248). Sie liest laut: „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage.“ Einen Moment lang muss sie lachen. Das klingt so feierlich, so übertrieben. Wer redet denn heute so? denkt sie. Frohlocket! Das ist doch fast wie aus einem Märchen, in dem alle mit Samtkragen reden, das hört sich irgendwie nach einer alten Pralinenschachtel an. Sie grinst leise, fast entschuldigend in den Raum.
Aber dann lässt sie die Worte noch einmal in sich nachklingen. „Jauchzet… frohlocket…“ – sie spricht sie langsamer und sie probiert sie wie etwas, das man auf der Zunge zergehen lässt so wie altmodische Pralinen. Und da plötzlich passiert etwas. Der Satz kippt und wird weich, er bekommt Wärme. Es ist nicht mehr ein Aufruf an irgendein frommes Publikum sondern es ist eine Stimme die direkt zu ihr spricht.
Der meint ja mich, denkt sie überrascht. Mich Mira, hier, gerade jetzt mitten in diesem Zimmer mit dem kaltem Tee da.
Sie atmet aus. Und da, genau in dieser Stille zwischen Gedanke und Klang beginnt die Musik von Bach.
Mira sucht das Lied auf dem Handy. Nur um zu hören wie das klingt, was da beschrieben ist. Ein paar Sekunden Stille dann Trompeten. Und plötzlich ist das ganze Zimmer voll davon. Als hätte jemand den Himmel hereingelassen. Sie lehnt sich zurück und die Musik breitet sich aus über die Wände über sie, bis sie das Gefühl hat der Boden schwingt.
So viel Klang für ein Kind in einer Krippe, denkt sie. Das ist fast verrückt. Und gleichzeitig so richtig.
Im Buch steht, dass Bach die Musik wiederverwendet hat, alte Stücke umgearbeitet, neu bekleidet. Das gefällt Mira. Wie wenn man ein Kleid auftrennt und aus dem Stoff etwas Neues näht, denkt sie. Man erkennt den Faden wieder aber die Geschichte ist halt anders.
Sie liest, dass jede Kantate für einen anderen Tag war zwischen Weihnachten und Dreikönig. Sechs Tage voller Musik. Wie ein Kalender aus Klang denkt sie, und sieht plötzlich kleine Fenster vor sich, jedes gefüllt mit Trompeten, Chören, Lichtern. Und am Ende steht vielleicht ein Stern.
Die Musik läuft noch. Der Chor jubelt und Mira schaut durchs Fenster in den Schnee. Drüben im Nachbarhaus brennt eine Kerze. Sie stellt sich vor wie Bach das damals dirigiert hat, in der Thomaskirche, in der Kälte, mit Wachslicht und Atemwolken. Und wie er vielleicht gar nicht stolz war sondern einfach erfüllt. Wie kann ein Mensch so viel glauben, dass er’s in Musik verwandeln muss?
Die Töne werden leiser, sie enden auf einem Akkord der im Raum stehen bleibt als wolle er sagen: Da, schau so klingt Hoffnung. Mira lässt die Hand auf dem Buch liegen. Ihr Herz pocht schnell als hätte es mitgesungen. Ich versteh das alles nicht denkt sie. Aber ich fühl’s. Und vielleicht reicht dasja auch.
Sie geht zum Fenster und lehnt die Stirn an die kalte Scheibe. Der Schnee fällt weiter, geräuschlos. Irgendwo in der Stadt läuten Glocken, ganz leise wie ein Echo. Für einen Moment glaubt sie, Bach habe sie selbst hineingeschrieben, hierher in diese Nacht, in dieses kleine Zimmer mit dem kalten Tee.
Vielleicht ist Musik einfach Erinnerung an das, was nie aufhört, denkt sie. Dann lacht sie, weil das pathetisch klingt. Aber irgendwie auch wahr.
Sie schreibt in ihr Tagebuch:
„Ich glaube, Bach wollte Gott zeigen wie sehr Menschen hoffen können.“
Dann legt sie den Stift weg, hört den Schnee und denkt, dass Buch, Klang, Atem, das alles vielleicht ein einziges Lied ist, das nie fertig wird.
Der Schnee fällt dichter als Mira das Fenster öffnet. Die Luft draußen ist weich und kalt. Sie riecht nach Metall, nach Kaminrauch und etwas das man nicht beschreiben kann. Sie zieht die Jacke über den Pullover, schlüpft in die Stiefel und geht hinaus, ohne das Handy, ohne das Buch. Der Schnee knirscht unter den Sohlen. Aus einem Haus am Ende der Straße kommt schwach Musik, kein Bach natürlich sondern irgendein Weihnachtslied im Radio. Trotzdem denkt sie: Da ist er wieder. In jeder Melodie, die sich traut, größer zu sein als der Moment.
Die Straßenlaternen zeichnen Kreise aus Licht auf den Boden. Sie bleibt kurz stehen, dreht das Gesicht nach oben und fängt eine Flocke auf der Zunge. Es schmeckt nach nichts und trotzdem nach allem. So muss das gewesen sein als die Trompeten eingesetzt haben, denkt sie, dieses ganz helle, frische, das plötzlich den Himmel aufreißt.
In der Ferne schlägt eine Kirchturmuhr. Sechs Schläge. Dann nur noch das leise Rauschen der Stadt. Mira geht weiter, langsam, fast andächtig aber nicht feierlich. Sie denkt an Bach und an seine Noten, an all die Menschen die sie jetzt seit fast dreihundert Jahren spielen. Er ist immer noch da, denkt sie. Nicht im Museum. Sondern hier. In der Luft, in den Fenstern, in meinen Schritten.
Sie biegt in die Gabelung zum Marktplatz ein. Der Brunnen ist leer, gefroren, darüber hängt eine Lichterkette, die noch von der Adventszeit übrig ist. Sie leuchtet unruhig als hätte jemand vergessen sie auszuschalten. Mira lächelt. „Na, bist du auch noch wach?“, sagt sie halblaut. Der Wind trägt ihren Atem davon.
Dann bleibt sie einfach stehen. Kein Gedanke, kein Plan. Nur das Gefühl dass diese Musik, die sie gehört hat jetzt auch hier draußen spielt und das ganz ohne Lautsprecher, einfach irgendwo zwischen Schnee und Atem. Vielleicht ist das das ganze Geheimnis, denkt sie. Dass man nur hingehen muss um sie zu hören.
Sie zieht den Schal enger, dreht sich um und macht sich auf den Heimweg. Das Fenster ihres Zimmers ist von weitem schon zu sehen, ein kleines Rechteck aus Wärme. Drinnen wartet das grüne Buch, der Tee, der längst kalt ist. Aber das macht nichts. Der Abend ist rund geworden, so wie ein Ton der nicht endet sondern leise weiterklingt, auch dann wenn man ihn schon vergessen hat.
Morgen, denkt sie, morgen such ich mir die Noten raus. Und dann spiel ich’s einfach. So gut ich kann.
Tagebuch, 28.10.2025:
Manchmal reicht’s, wenn man einmal rausgeht
Und dann weiß, dass die Welt immer noch klingt.