Die Ersten Sieben

Der Schwur von Monmartre

15. August 1534

Ein Donnerstag. Hochfest Mariä Himmelfahrt (Assumptio Mariae). Liturgisch ein hoher Feiertag symbolisch ein bewusster Tag für einen Schwur. Historisch belegt durch die Aufzeichnungen von Pierre Favre, dem einzigen Priester unter den Sieben. Er war es, der an diesem Tag eine Messe in der Chapelle Saint-Denis auf dem Montmartre zelebrierte. Im Anschluss legten alle sieben Männer ihr dreifaches Gelübde ab: Keuschheit, Armut und das Versprechen eine Pilgerreise ins Heilige Land zu unternehmen oder wenn dies nicht möglich sei sich dem Dienst des Papstes zu stellen.

Mittag in Monmartre

Der Innenhof war geschützt von Mauern umgeben. Ein paar Bäume warfen ihren Schatten über die groben Steinplatten auf denen der Tisch stand. Die Sonne stand bereits hoch und es war warm. Ein leichter Windhauch strich durch das Laub und brachte es zum Erzittern. Als wollen sich die Blätter mitbewegen in der Aufregung des eben Geschehenen. Auf dem Tisch lagen einige Brote. Gebrochen waren sie und nicht geschnitten. Es war ein dunkles Landbrot, das kräftig roch und an den Rändern schon leicht hart geworden war. Daneben war ein Krug mit Rotwein, noch halbvoll, Tonbecher aus denen sie tranken und eine Schale mit gekochten Eiern, halbiert und mit grobem Salz bestreut. Das Essen war einfach aber gut. Und es schmeckte ihnen. Das Essen selbst war es gar nicht das ihnen so schmeckte, vielmehr war es die Erleichterung die über allem lag.

„Ich hab noch nie so viel geschwitzt bei einer Messe,“ sagte Rodriguez und tupfte sich mit einem Tuch über die Stirn. Sein Schweiß war längst getrocknet aber die Spannung der letzten Stunden hing noch in seinem Körper. Favre lachte. Er nahm einen Schluck Wein und stellte den Becher langsam ab.

„Ich dachte schon, du kippst mir gleich auf den Altar.“ Alle sieben lachten.

„Wäre doch ein Zeichen gewesen“, warf Bobadilla ein, während er ein Stück Brot in den Wein tunkte und kaute als hätte er eine Nacht lang nichts gegessen.

„Ein Zeichen, ja“, murmelte Xavier, „aber für was? Für göttliche Ekstase oder für menschliches Versagen?“

Sie lachten wieder und es klang frei und fast übermütig. Laínez hob den Becher. „Auf das göttliche Versagen also – und dass es uns nie verlassen möge.“

Rodriguez verzog das Gesicht. „Was soll das denn heißen?“

„Na das hier“, sagte Laínez und machte eine kreisende Geste mit der Hand über den Tisch über den Wein, das Brot, ihre Gesichter. „Sieben Männer, kein offizieller Auftrag, kein Geld, kein Orden, nur ein Schwur und ein Ziel das wahrscheinlich völlig unerreichbar ist. Wenn das mal kein göttliches Risiko ist…“

„Oder göttlicher Leichtsinn“, murmelte Xavier mit hochgezogener Braue.

„Oder eben göttliches Vertrauen“, sagte Favre, und er sagte es ruhig und ohne Pathos, als hätte er das Wort schon lange in sich getragen.

Laínez lächelte. „Ich meine es wirklich so. Vielleicht ist das genau das, was von uns verlangt wird: dass wir es nicht wissen und trotzdem gehen.“

Es war einen Moment still. Nicht schwer. Nur wach. Und dann stießen sie an, einfach aus Freude. Sie stießen an, nicht zeremoniell, nicht ehrfürchtig sondern mit diesem klirrenden Zusammenprall bei dem Ton auf Ton trifft und sich ein dumpfer aber satter Klang ergibt. Ein Klang der bleibt.

Salmerón hatte bis dahin geschwiegen. Er kaute langsam, blickte in die Runde und sagte dann ruhig: „Wenn das der Anfang war, was ist dann das Ziel?“

„Palästina natürlich“, antwortete Rodriguez sofort aber vielleicht auch ein wenig zu schnell.

„Ist es das?“ fragte Salmerón. „Oder war es das, was uns zusammengebracht hat und nicht das, was uns führen wird?“

Favre sah auf sein Ei als würde es ihm die Antwort geben können bevor er sprach. „Der Schwur galt nicht dem Ort. Palästina oder Rom, das wird sich schon zeigen. Er galt der Bewegung.“

„Aber es war Palästina, das wir ausgesprochen haben“, sagte Xavier. Er nahm einen kleinen Brotkrümel und spielte damit zwischen Daumen und Zeigefinger. „Und jetzt? Wenn der Weg dorthin versperrt ist? Wenn wir nicht weiterkommen, nicht einmal losgehen dürfen?“

Ignatius hatte bis dahin geschwiegen. Er hatte gegessen, ja, getrunken auch, aber in erster Linie hatte er in sich hineingehorcht. Jetzt blickte er auf und sah in die Runde. Einen nach dem anderen sah er an als wolle er sich vergewissern, dass sie auch wirklich da waren. Dann sagte er: „Der Schwur war ein Pfeil und Palästina ist das Ziel, auf das er gerichtet ist. Aber ein Pfeil der fliegt kann das Ziel wechseln, wenn er auf den Wind reagiert, sich tragen lässt. Ohne sich dabei selbst zu verlieren. Entscheidend ist nicht wo wir ankommen. Entscheidend ist dass wir gemeinsam unterwegs sind und dass wir uns senden lassen, nicht aus Ehrgeiz sondern aus Hingabe.“

„Also Rom?“ fragte Bobadilla.

„Vielleicht Rom“, antwortete Ignatius. „Vielleicht noch etwas anderes. Aber Rom ist offen. Und Rom hört zu.“

„Manchmal auch nicht“, murmelte Xavier. Sie lachten wieder aber diesmal war da ein gewisser Unterton. Ernst und auch nachdenklich.

Laínez rückte seinen Becher näher zu sich, trank dann einen tiefen Schluck und lehnte sich zurück. „Wir tun doch gerade etwas, das in Rom niemand verstehen wird. Sieben Männer, kein offizieller Auftrag, kein Orden, kein Besitz. Nur ein Eid. Das ist… nichts. Oder alles.“

„Dann machen wir es zu allem“, sagte Favre. Er sprach mit dieser gewissen Ruhe. „Wir bauen. Mit den Mitteln die wir haben. Mit Worten. Mit Taten. Mit dem was in uns ist. Und wenn Rom uns nicht aufnimmt, dann finden wir einen anderen Ort der bereit ist.“

Salmerón nickte. „Oder wir werden selbst zu Rom.“

Ein Moment der Stille folgte. Kein betretenes Schweigen sondern ein Nachhall. Der Wind fuhr in die Bäume und irgendwo in der Ferne schrie ein Händler, ein Kind lachte.

„Gut“, sagte Xavier schließlich. „Dann gehen wir nicht nach Palästina. Noch nicht. Wir gehen nach Rom. Und wenn sie uns aufnehmen, gut. Wenn nicht umso besser. Dann wird man uns eines Tages einen Namen geben. Und es wird ein Name sein, den wir jetzt noch nicht kennen.“

Rodriguez hielt seinen Becher noch in der Hand, blickte hinein als stünde dort eine Antwort. Dann hob er ihn erneut. „Auf das Unbekannte also. Auf den Weg. Und auf das was wir noch nicht sehen können.“

Sie stießen an. Zum zweiten Mal. Leiser diesmal. Aber mit mehr Gewicht. Das Brot reichte noch für eine letzte Runde. Der Wein auch.

Sie wussten, dass von hier aus der Weg nicht leichter werden würde. Aber er war ihrer. Und er hatte begonnen.

Die Sieben von Montmartre

Die folgenden Personen nahmen an der Messe auf dem Montmartre teil

  1. Ignatius von Loyola (1491–1556) Der Älteste. Initiator. Ex-Soldat mit innerem Feuer. Gründer der Gesellschaft Jesu.
  2. Pierre Favre (1506–1546) Der Sanfte. Theologe, einziger Priester beim Schwur. Freund und Vermittler.
  3. François Xavier (1506–1552) Der Glänzende. Rhetoriker, Missionar, später Heiliger.Der Ozean lag ihm näher als das Kollegium.
  4. Diego Laínez (1512–1565) Der Klare. Logiker, Redner. Nachfolger Ignatius’ als Generaloberer.
  5. Alfonso Salmerón (1515–1585) Der Theoretiker. Schriftsteller, Konzilstheologe, mit spitzer Feder und starker Stimme.
  6. Nicolás Bobadilla (1511–1590) Der Unbequeme. Glühend, eigenwillig, kämpferisch. Wirkte vor allem in Deutschland.
  7. Simão Rodrigues (1510–1579) Der Enthusiast. Portugiese. In Lissabon gefeiert, in Rom zurechtgewiesen – und doch treu.

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